Das Land erlebt seit zweieinhalb Jahren einen politischen Selbstfindungsversuch, einmal von schüchterner Unbeholfenheit, dann wieder von forscher Gangart. Doch je mehr Horst Köhler am Tor zur Tages-Politik rüttelte, um so weniger gelang es ihm.
Das Meistersinger-Vorspiel erklingt: Festakt zum 60. Jubiläum der hessischen Verfassung. Der Bundespräsident schreitet zum Rednerpult und verharrt; er sammelt, so denkt man, seine Gedanken; doch er ordnet nur die vielen Blätter seines Manuskriptes, die auf dem Pult ins Rutschen geraten. Horst Köhler lächelt sein fröhlich-schüchternes Lächeln, sagt Freundlichkeiten. Großer Applaus.
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Bundespräsident Horst Köhler (r.), seine Frau Eva Luise Köhler und Hessens Ministerpräsident Roland Koch beim Festakt im Wiesbadener Staatstheater. (© Foto: dpa)
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Doch irgendwas stimmt nicht: Seine Hände tasten herum, sein Blick irrt umher. "Ich muss mich noch arrangieren", sagt er, beugt sich suchend unters Pult; und da ist, auf Kniehöhe, die Rettung in Form einer Ablage: Zufrieden fährt der Präsident nun mit der Rede fort: Den Papierstapel hält er mit der rechten Hand fest; und wenn er mit dem Vorlesen einer Seite fertig ist, nimmt er sie in die linke Hand, macht eine kleine Kniebeuge und legt das Blatt nach unten auf die Ablage. Weil die Blätter jeweils nur mit wenigen Zeilen beschrieben sind, nimmt Köhlers Knicksen fast kein Ende. Den Inhalt des Vortrags nimmt kaum jemand wahr.
Es war dies eine Rede, die Horst Köhler jüngst, exakt zur Halbzeit seiner Amtszeit gehalten hat; sie war wie ein Abbild dieser Zeit: Das Land erlebt nun seit zweieinhalb Jahren einen tastenden, suchenden, wippenden, einen weg- und wieder auftauchenden Präsidenten; es erlebt einen politischen Selbstfindungsversuch, einmal von schüchterner Unbeholfenheit, dann wieder von forscher Gangart: Es gab einen Köhler, der sich mit dem damaligen Kanzler anlegte und ihn, schriftlich und quasi mit Durchschlag an die Presse, vor der Verlegung des Nationalfeiertags warnte.
Runter vom präsidialen Podest, hinein ins politische Leben
Es gab den Köhler, der sich vergeblich als Schlichter im Föderalismus-Streit ins Gespräch brachte. Es gab einen Köhler, der sich immer wieder mit Warnungen in die Tagespolitik eingeschaltet hat. Zum ersten Mal seit Heinrich Lübke (der in der ersten Amtsperiode besser war, als ihm heute nachgesagt wird), versuchte ein Präsident wieder, die in der Verfassung verankerten Kompetenzen zu sprengen.
Es war, als rüttele Köhler (der im Gegensatz zu all seinen Vorgängern zuvor nie Politiker gewesen ist) nun als Präsident am Tor zur Politik: Ich will hier rein!
Er wollte dies zu seinem Markenzeichen machen: Herunter vom präsidialen Podest, hinein ins pralle politische Leben. Aber je mehr Köhler rüttelte, um so weniger gelang es ihm. Das lag nicht nur an ihm, sondern an der Veränderung der politischen Landschaft:
Der Präsident, den viele schon als Vorboten einer CDU/CSU/FDP-Regierung gesehen hatten, steht seit einem Jahr neben einer großen Koalition, die an einem Präsidenten als Ober- und Über-Kanzler kein Interesse hat. Köhler hatte "notfalls unbequem" sein, das Mobile der Verfassungsorgane zum Tanzen bringen wollen.
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