Homosexuelle in Osteuropa "Nicht von Gott gewollt"

Homosexualität ist in vielen osteuropäischen Ländern keinesfalls eine akzeptierte Angelegenheit. Im Gegenteil: Immer wieder greifen Rechtsextreme Paraden an.

Von Johann Osel

Die Männer mit den Steinen, Glasflaschen und Molotowcocktails schlagen nicht sofort zu. Erst lassen sie die bunte Parade mit der überdimensionalen Regenbogenflagge und den vielen Luftballons starten, an der Brücke hinter dem Nationalen Kulturpalast in der bulgarischen Hauptstadt Sofia.

"Ich und meine Familie" heißt das Motto der ersten Gaypride-Parade Bulgariens, etwa 150 Schwule, Lesben und Transsexuelle wollen tun, was für Homosexuelle in westlichen Ländern auch möglich ist: öffentlich für ihre Rechte demonstrieren und zugleich eine bunte Party feiern. Doch dann stürmen die etwa 60 Rechtsextremisten plötzlich los, es kommt zu Beschimpfungen, Übergriffen, Gegenstände fliegen und Molotowcocktails.

Störenfriede werden festgenommen

Anwesend ist auch Boyan Rasate, Chef der Bulgarischen Nationalen Union. Seine Partei hatte in den Wochen zuvor gegen die Veranstaltung gehetzt; "Sei intolerant, sei normal!" stand auf ihren Plakaten. Bulgariens Homosexuelle haben Glück: Ein Großaufgebot der Polizei schafft es an diesem Tag im Juni, der Randalierer Herr zu werden.

Die Störenfriede werden festgenommen, auch Nationalistenführer Rasate. Die Teilnehmer können den Rest ihres Zuges fortsetzen, Verletzte gibt es nicht. Trotz der Ausschreitungen: Durch die erste Gaypride-Parade des Landes, stellt ein Schwulen-Online-Portal fest, sei Bulgarien "in die Familie der Demokratie und des Friedens europäischer Länder" eingetreten.

Die Grenze zwischen Westeuropa und vielen neuen EU-Mitgliedern zeigt kaum ein Thema so deutlich wie der Umgang mit Homosexualität. Während der Christopher-Street-Day und ähnliche Umzüge in westeuropäischen Großstädten längst karnevaleske Volksfeste sind, geraten sie in Osteuropa immer wieder ins Fadenkreuz neofaschistischer Randalierer.

In Budapest attackierten Skinheads kürzlich 1500 Schwule mit Steinen und die stark präsente Polizei mit Brandsätzen. Eine Gruppe, die sich mit Säureflaschen in einer Wohnung entlang der Paradestrecke verschanzt hatte, wurde festgenommen. Wenige Tage zuvor war eine Budapester Schwulen-Sauna mit Molotowcocktails angegriffen worden.

Ungarn gilt im Umgang mit Homosexuellen eigentlich als eher liberales osteuropäisches Land. Nach Tschechien und Slowenien ist es der dritte postkommunistische Staat, der eingetragene Partnerschaften einführen will, das Gesetz soll 2009 in Kraft treten - Errungenschaften, von denen in Polen, Bulgarien oder Rumänien keine Rede sein kann.

"Neue Situation" in Ungarn

Doch eben diese Reformpolitik stachele die homophoben Kräfte in Ungarn jetzt an, glaubt Tamás Lovas. Der homosexuelle Musiker aus Budapest spricht von einer "völlig neuen Situation", die er derzeit erlebe. Die Parade sei in den vergangenen zehn Jahren ohne Probleme verlaufen, sagt er, erst seit 2007 gebe es Attacken. Das politische Klima sei schuld, vor allem weil die sozialistische Minderheitsregierung in einer Krise stecke und nationalistische Kräfte erstarkten.

Dass die Polizei in Budapest und Sofia gegen die Störer vorging, wertet Volker Beck als positives Signal. Der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag hat im Mai 2007 in Moskau schließlich das glatte Gegenteil erlebt. Beim Versuch, Bürgermeister Jurij Luschkow eine Petition zum Verbot eines Schwulenmarsches zu überreichen, wurden die Demonstranten von Neofaschisten attackiert.

Die Polizei schützte sie nicht, sondern nahm sie fest, inklusive Beck. Dergleichen können sich neue EU-Mitglieder heute kaum erlauben, ebenso wenig Verbote von Paraden. Zumal in dieser Frage ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vorliegt. Es weist den heutigen polnischen Staatspräsidenten Lech Kaczynski in die Schranken, der 2005, damals noch als Warschauer Oberbürgermeister, eine Homosexuellen-Veranstaltung untersagt hatte.

Das gesunde Volksempfinden

Zwar mögen es nur wenige sein, die tatsächlich Gewalt gegen Schwule anwenden, doch ist Homophobie in Osteuropa auch gesellschaftlich verwurzelt. Das Eurobarometer, eine Umfrage der Europäischen Kommission, zeigt die Diskrepanz zwischen alten und neuen EU-Staaten.

Die Befragten mussten zum Beispiel auf einer Skala einordnen, wie wohl sie sich mit einem schwulen Nachbarn fühlen würden - von eins (sehr unbehaglich) bis zehn (vollkommen behaglich). Bulgaren mit einem Durchschnittswert von 5,3 und Ungarn mit 6,2 gehören hier zu den Intolerantesten, in Rumänien ergab sich sogar ein Wert von nur 4,8. Der EU-Schnitt liegt bei 7,9, in Deutschland bei 8,3, Schweden steht mit 9,5 oben. Noch niedrigere Werte ergab die Akzeptanz schwuler Politiker in hohen Ämtern. Bulgarien mit einem Wert von 3,7 oder Ungarn mit 5,2 rangieren hier unten, während die Bürger in alten EU-Staaten deutlich mehr Punkte verteilten.

Fehlendes Wissen

Die Gründe sind in vielen Fällen religiöser Art. Die Kirchen stellten Homosexualität "als nicht von Gott gewollt" dar, so Volker Beck, zudem als Gefahr für die Familie. Das "gesunde Volksempfinden" werde immer wieder angeführt, was schlichtweg an fehlendem Wissen über Homosexualität liege.

Diese Ansichten hielten sich vor allem dort, wo öffentlicher Diskurs über Jahrzehnte hinweg nur eingeschränkt möglich war. Die gesellschaftliche Stimmung nähre auch den Boden für die militanten Ränder. Nicht selten sind dies Modernisierungsverlierer, die von der wirtschaftlichen Entwicklung in den neuen EU-Ländern nicht profitieren konnten.

Volker Beck sieht den Umgang mit Homosexuellen als "Gradmesser für den Demokratisierungsprozess". Die Paraden könnten ein wichtiger Schritt hin zur Akzeptanz sein. Trotzdem dürfe der Preis für das offensive Auftreten nicht zu hoch sein, warnt Beck, der erste Schwulenmarsch Serbiens im Jahr 2001 habe zum Beispiel "in einem Blutbad geendet".

Die Leute sollten selbst entscheiden, was sie wann für richtig hielten. Das dürfe man auch nicht von außen anschieben. Ausnahme: Die Regierungen müssten die Veranstaltungen genehmigen und schützen. Wo das nicht geschehe, müsse der Westen protestieren.