Homosexualität im Nahen Osten Verbotene Liebe

Homosexualität im Nahen Osten? Gibt es nicht! Zumindest offiziell. Doch viele Schwule und Lesben ignorieren die Zwänge der Gesellschaft. Spurensuche in einer Welt, die es nicht geben darf.

Von Jan Hendrik Hinzel, Kairo und Marc Röhlig, Damaskus

Genau vier Schritte braucht Zamina* für ihre Verwandlung. Erstens, umschauen, ob auch keiner guckt. Zweitens, schnell das Kopftuch runterreißen und in die Tasche stopfen. Drittens, Frisur zurechtwuscheln. Und viertens, eine dünne Kette mit Kreuz um den Hals binden. Dann heißt Zamina Lolo und fühlt sich frei. Zamina ist 23 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in einem konservativen muslimischen Stadtviertel von Damaskus. So oft sie kann, verschwindet sie nach Bab Tuma, in das christliche Viertel der syrischen Hauptstadt. Hier kennt man sie als Lolo. Der Name gehört zu ihrem Spiel mit der Identität. Er ist all das, was sie so weit wie möglich von ihrem "dummen, dummen Vater" wegbringt.

Lolo darf nicht studieren und einen Job hat sie auch nicht. "Stattdessen muss ich rumsitzen und warten, bis ich verheiratet werde", sagt sie. Als Zamina muss sie das Kopftuch tragen, der Vater will es so. Außerhalb von Bab Tuma traut sie sich nicht, es abzunehmen. Als Lolo aber pfeift sie auf Religion, "auch das mit dem Kreuz ist nur zum Spaß". Sie ist ein kleines resolutes Mädchen. Aber sie versucht durch Taten und Aussehen, selbst mit Kopftuch, ihre Wirklichkeit hinter sich zu lassen. Roter Lippenstift, glitzernde Ketten, ständig neue Klamotten gehören dazu - und "kiffen, Wodka, flirten", sagt sie, gehören auch dazu. "Würde mich mein Vater so sehen, er würde mich sicher umbringen", sagt sie stolz. Er hat sie noch nicht mit Naima* gesehen, ihrer besten Freundin. Und ihrer ersten Liebe.

"Wir sind seit zwei Jahren ein Paar", erzählt Lolo. Und Paar, das bedeutet, "wir machen es miteinander, fast täglich". Naima ist 24 und arbeitet als Sekretärin. Nach der Arbeit zieht sie mit Lolo durch das christliche Viertel. Die Mädchen suchten die Liebe zueinander, weil sie die Liebe an sich suchten. Wie fühlt sich Liebe überhaupt an? Was macht sie mit mir? Die Antworten sucht Lolo, wenn sie mit Naima im Bett ist. "Es ist unbeschreiblich schön", sagt sie. Und: "Du hast keine Ahnung, wie viele Freundinnen hier miteinander ihre ersten Erfahrungen sammeln." An ihrem Hals, gut versteckt unter einem weißen Schal, hängt neben der Kreuz-Kette noch eine weitere. Ein silbernes Amulett mit einer ausgestanzten Sonne. Das Gegenstück besitzt Naima.

Homosexualität gibt es nicht im Nahen Osten. Das behaupten zumindest viele hier: die Regierungen, die religiösen Führer, die Familienväter. Homosexualität stört das traditionelle Bild einer kinderreichen arabischen Familie derart, dass sie in Ländern wie Ägypten, Syrien oder Saudi-Arabien als Krankheit bezeichnet und verboten wird: Auf "unnatürliche sexuelle Beziehungen" stehen in Artikel 520 des syrischen Strafgesetzbuchs Haftstrafen von drei Monaten bis drei Jahren. Ähnliche Gesetze finden sich in vielen muslimischen Ländern von Marokko bis Afghanistan. Manche, Iran oder Jemen, führen auf Homosexualität gar die Todesstrafe.

Wo Schwule zum Psychiater gehen

Auch Ramy* litt seine ganze Jugend darunter, jemanden des gleichen Geschlechts zu lieben, aber zu wissen, dass das nicht sein darf. "Ich hasse Lügner und Heuchler", sagt der 23-jährige Ägypter. "Dabei bin ich selbst der Größte." Seine Familie: Vater erfolgreicher Unternehmer und gläubiger Muslim, die Mutter konservativ. Ferienhäuser am Roten Meer und in Alexandria. Das Wohnzimmer voller Bücher, die beste Bildung für die Kinder, ägyptische Oberschicht, einflussreich und bekannt. Irgendwann hatte Ramy das Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen.

Er wählte seine Schwester und das war ein Fehler. Zwar wohnt und arbeitet diese die meiste Zeit des Jahres in New York und hat dort schwule Bekannte. Homosexualität beim eigenen Bruder kann sie jedoch nicht akzeptieren. Und: Sie erzählte alles dem anderen Bruder. Gemeinsam üben sie Druck auf Ramy aus. Sie sagen, er sei krank, ihm müsse geholfen werden. Und sie würden ihm helfen, ob er das wolle oder nicht. Er selbst bot daraufhin an, zu einem Arzt zu gehen, nur, um wieder seine Ruhe zu haben. Zu viel Streit unter den Geschwistern könnte die Eltern wachsam werden lassen. "Sollte meine Mutter erfahren, dass ich schwul bin, es würde sie emotional umbringen", sagt er. Dabei war Ramy schon während seiner Schuljahre beim Psychiater. "Ich war depressiv, konnte mit niemandem über meine Sexualität sprechen."