Holocaust-Überlebende Traurige Bilanz am Gedenktag

Die Welt gedenkt der Toten des Holocaust - und vergisst die Überlebenden: Die Hälfte der 517.000 noch lebenden jüdischen NS-Opfer lebt in Armut.

Von Robert Probst und Oliver Bilger

Vor 65 Jahren befreite die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Am Mittwoch wird der israelische Staatspräsident Schimon Peres anlässlich dieses Holocaust-Gedenktages, der jedes Jahr am 27. Januar begangen wird, im Bundestag eine Rede halten.

Und er wird während seines Staatsbesuchs, zusammen mit einigen eigens dafür ausgewählten Delegationsmitgliedern, auch auf ein bisweilen gern verdrängtes Problem hinweisen - die Lage vieler Holocaust-Überlebender, die sehr oft unter erbärmlichen Bedingungen ihren Lebensabend verbringen müssen. Nach einer neuen Untersuchung sind knapp die Hälfte der 517.000 noch lebenden jüdischen NS-Opfer verarmt.

Mehr als 70 Jahre nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem rasch danach einsetzenden industriellen Massenmord an den Juden Europas schwindet die Generation der Zeitzeugen immer rascher, die meisten sind inzwischen deutlich älter als 80 Jahre. Meist dreht sich die Sorge darum, dass in absehbarer Zeit niemand mehr authentisch von den Gräueln der NS-Zeit wird berichten können.

"Es darf aber nicht übersehen werden, dass viele, die noch unter uns sind, in Armut und unter unwürdigen Bedingungen leben müssen", sagt Georg Heuberger, deutscher Repräsentant der Jewish Claims Conference (JCC). "Die Überlebenden sollten an diesem Gedenktag im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stehen."

Ausgeschlossen, traumatisiert, allein

Statistische Berechnungen, die nun die JCC vorgelegt hat, gehen von derzeit noch 516.700 Holocaust-Überlebenden aus, die Gesamtzahl der unter der Armutsgrenze Lebenden wird mit 259.500 angegeben, die meisten von ihnen in Israel (74.000) und in der ehemaligen Sowjetunion (90.000); als arm und zudem pflegebedürftig werden insgesamt 104.000 jüdische NS-Opfer eingestuft.

Die Ursachen dafür sind vielfach ähnlich: von den Nazis von Unterricht und Ausbildung ausgeschlossen, traumatisiert von Ghetto- oder KZ-Haft sowie oft dem Verlust der ganzen Familie in den Gaskammern gelang es vielen Überlebenden nicht, sich nach dem Krieg eine erfolgreiche berufliche Existenz aufzubauen, die ihr Auskommen im Alter sichern konnte.

Diese Problematik war freilich bei den Entschädigungszahlungen in den Anfangsjahren der Bundesrepublik kaum bedacht worden. Den damals meist jungen Überlebenden ging es um einen schnellen Neuanfang, der Bundesregierung um eine schnelle und finanziell tragbare Lösung.

Mit vielen westlichen Staaten, so auch mit Israel, wurden Globalabkommen geschlossen, mit einer Gesamtsumme sollten alle Forderungen abgedeckt werden; individuelle Einmal- und Rentenzahlungen nach dem Bundesentschädigungsgesetz kamen vor allem deutschen NS-Opfern zugute. In die Staaten des Ostblocks flossen bis zum Ende des Kalten Krieges keinerlei deutsche Zahlungen.

Erst nach der Wiedervereinigung wurden auch mit den Staaten in Ost- und Mitteleuropa Globalvereinbarungen getroffen. Mehr als 65 Milliarden Euro hat der deutsche Staat auf diese Weise bisher als Wiedergutmachung gezahlt.

Verantwortung für die hochbetagten Opfer

Darüber hinaus helfen auch Organisationen wie die Jewish Claims Conference den Überlebenden. Bei den jährlichen Verhandlungen mit dem Finanzministerium weisen die Vertreter der JCC seit langem auf das Problem der Altersarmut hin; so gewährte die Bundesregierung zum Beispiel 2009 zusätzlich 30 Millionen Euro für die Förderung von häuslicher Pflege, bessere medizinische Versorgung oder den Bau geriatrischer Einrichtungen.

Doch diese Mittel reichen bei weitem nicht aus, sagen die Verantwortlichen der JCC. Sie reden vielmehr von einer "dynamischen Anpassung" der einst getroffenen Abkommen an die heutigen Bedingungen. "Wir haben die Verantwortung, den hochbetagten Holocaust-Überlebenden zu einem würdigen Lebensabend zu verhelfen", fordert Heuberger. Das Finanzministerium hat bereits eine Arbeitsgruppe eingerichtet.

Am Dienstag besuchte Peres das Mahnmal "Gleis 17" am Bahnhof Berlin-Grunewald, von dem aus in der NS-Zeit Tausende Juden deportiert wurden. Im Anschluss sprach er mit Kanzlerin Angela Merkel auch über das iranische Atomprogramm. Iran müsse Transparenz schaffen oder mit Sanktionen rechnen, betonte Merkel. Die Welt habe viel Geduld gezeigt - bisher ohne Wirkung. "Die Zeit läuft aus", sagte sie. Peres forderte eine "sehr klare und harte Haltung", betonte aber auch: "Israel bekämpft nicht Iran, wir bekämpfen die Diktatur in Iran."

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