Holocaust-Organisator Adolf Eichmanns letzter Versuch, sich kleinzumachen

  • Zum Holocaust-Gedenktag hat Israel das Gnadengesuch des NS-Verbrechers Adolf Eichmann veröffentlicht.
  • Der Organisator des Massenmordes an den Juden versucht in dem Schreiben, sich als reinen Befehlsempfänger ohne individuelle Schuld darzustellen.
  • Vergeblich. Das Gnadengesuch wurde abgelehnt, Eichmann am 31. Mai 1962 gehängt.
Von Paul Munzinger

Am 29. Mai 1962, zwei Tage vor seiner Hinrichtung, schrieb Adolf Eichmann einen Brief an Jizchak Ben-Zvi, den Präsidenten des Staates Israel. "Den Richtern ist in der Beurteilung meiner Person ein entscheidender Irrtum unterlaufen", beginnt Eichmann sein Schreiben.

Sie hätten sich nicht "in die Zeit und in die Lage versetzen können, in der ich mich während der Kriegsjahre befunden habe". Das Schreiben ist ein Gnadengesuch: der letzte Versuch des Koordinators für die "Endlösung der Judenfrage", sein Leben zu retten. Der letzte Versuch, sich selbst kleinzumachen.

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Israel hat das Schreiben Eichmanns bisher unter Verschluss gehalten. Zum Holocaust-Gedenktag hat Präsident Reuven Rivlin es nun, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Eichmanns Tod, veröffentlicht. Unbekannt war das Gnadengesuch indes nicht; im Bundesarchiv ist es seit Jahrzehnten einsehbar.

Eichmann stilisiert sich selbst zum unbedeutenden Rädchen der Mordmaschine

Eichmann wiederholt in dem Schreiben das, was er während des gesamten Prozesses versucht hat: Er stilisiert sich zum kleinen Rädchen der großen Mordmaschine, zum pflichtbewussten Befehlsempfänger ohne Verantwortung oder Eigeninitiative.

Es sei nicht richtig, "dass ich so eine hochgestellte Persönlichkeit gewesen wäre, dass ich die Verfolgung der Juden selbständig hätte betreiben können, und betrieben hätte", schreibt Eichmann.

Niemals habe er einen Dienstrang gehabt, "der mit so entscheidenden, selbständigen Befugnissen hätte verbunden sein müssen"; "keine einzige Anordnung" habe er im eigenen Namen gegeben, immer habe er nur "im Auftrag" gehandelt.

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"Ich verabscheue die an den Juden begangenen Greuel als größtes Verbrechen", schreibt Eichmann, "und halte es für gerecht, dass die Urheber solcher Greuel jetzt und in Zukunft zur Verantwortung gezogen werden." Zu denen er sich nicht zählt: "Ich war kein verantwortlicher Führer und fühle mich daher nicht schuldig."

Die Geschichtswissenschaft hat die Legende, die Eichmann in Jerusalem zu stricken versuchte, ausführlich entlarvt. Im Reichssicherheitshauptamt koordinierte Eichmann die "Endlösung der Judenfrage", ehrgeizig, selbständig, akribisch. Er organisierte den Transport und die Ermordung von Millionen Juden.

Menschenversuche und organisierter Massenmord

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Der vermeintliche Schreibtischtäter soll alle Konzentrationslager selbst besucht haben. In Argentinien, wo Eichmann nach seiner Flucht 1950 zehn ruhige Jahre lebte, prahlte er mit seinen "Verdiensten" und äußerte Bedauern, dass es nicht gelungen sei, noch mehr Juden zu ermorden.

1960 entführten Agenten des Mossad Eichmann und brachten ihn nach Jerusalem. Dort wurde ihm der Prozess gemacht, im Glaskasten nahm Eichmann sein Todesurteil entgegen. Sein Gnadengesuch wurde abgelehnt. Am 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehängt.

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