Holocaust-Gedenken im Bundestag Holocaust-Überlebende nennt "Wir schaffen das" einen heroischen Slogan

Durch einen Glücksfall überlebte sie den Holocaust: Ruth Klüger ist heute 84 Jahre alt.

(Foto: REUTERS)
  • Die Holocaust-Überlebende Ruth Klüger spricht im Bundestag über NS-Zwangsarbeit. Sie selbst musste als Jugendliche in Arbeitslagern der Nazis schuften.
  • Sie erinnert an Arbeit der Zwangsarbeiter, die "schlimmer als Sklavenarbeit" gewesen sei sowie an Zwangsprostitution.
  • Außerdem würdigt sie die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Merkel.
  • Zuvor erinnert Bundestagspräsident Lammert daran, dass Zwangsarbeit in der NS-Diktatur ein "Massenphänomen" gewesen sei, das "für jeden sichtbar" war.
Von Barbara Galaktionow

Klügers Motivation, nach Berlin zu kommen

Zum 20. Mal gedenkt der Bundestag in diesem Jahr offiziell der Opfer des Nationalsozialismus. In diesem Jahr geht es insbesondere um die Millionen Zwangsarbeiter, die unter unmenschlichsten Bedingungen für Hitlers Deutsches Reich und seine Konzerne schuften mussten.

Eine von ihnen war die Wienerin Ruth Klüger. Der Winter 1944/45 sei der kälteste Winter ihres Lebens gewesen, sagte die heute 84-Jährige zu Beginn ihrer Rede im Bundestag. Sie war damals gerade erst 13 geworden - und Zwangsarbeiterin im Frauenlager Christianstadt, einem Außenlager des KZ Großrosen in Niederschlesien (heute Polen).

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In ihrer Ansprache betont Klüger, dass der "Hauptgrund" warum sie mit so großer Freude die Einladung nach Berlin angenommen habe, in diesem Rahmen, dem Bundestag, über die früheren Untaten sprechen zu dürfen, der Umgang Deutschlands mit der Flüchtlingsfrage sei.

"Dieses Land, das vor achtzig Jahren für die schlimmsten Verbrechen des Jahrhunderts verantwortlich war", habe heute den Beifall der Welt gewonnen - "dank seiner geöffneten Grenzen und der Groβherzigkeit, mit der Sie syrische und andere Flüchtlinge aufgenommen haben und noch aufnehmen", sagt Klüger. Und sie verweist auf den vielfach angezweifelten und angefeindeten Wahlspruch der Kanzlerin in der Flüchtlingsfrage: Hier sei und entstehe ein "gegensätzliches Vorbild", "mit dem bescheiden anmutendem und dabei heroischen Slogan: Wir schaffen das."

Flüchtiges "Glück" der Zwangsarbeit

"Bei Zwangsarbeitern denkt man an erwachsene Männer, nicht an unterernährte kleine Mädchen", sagt Klüger. Doch sei sie nicht bemitleidenswert gewesen, im Gegenteil. "Ich hatte großes Glück gehabt und war stolz drauf." Bei der Selektion im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau war sie einer Gruppe arbeitsfähiger Frauen zugeteilt worden, indem sie sich als älter ausgab, als sie war.

Eine "freundliche Schreiberin, ein Häftling wie ich" habe ihr diese Lüge kurz, bevor sie von einem SS-Mann befragt wurde, eingeflüstert. Und als dieser zweifelte, habe die Schreiberin behauptet, Klüger habe starke Beine und könne arbeiten. Der SS-Mann ließ es gelten. "Einem Zufall von wenigen Minuten und einer gütigen jungen Frau, die ich nur einmal im Leben gesehen habe, verdankte und verdanke ich mein Weiterleben", sagt Klüger. Die übrigen Menschen, die mit ihr im Transport aus dem KZ Theresienstadt gekommen waren, seien in den nächsten Tagen vergast worden. Sie kam ins Arbeitslager.

Die anfängliche Erleichterung, ja das "Glück" in Christianstadt sei jedoch schnell gewichen. Klüger schildert, wie hart die Arbeit in Christianstadt war, sie sei "Männerarbeit" gewesen. "Wir haben den Wald gerodet, die Stümpfe schon gefällter Bäume ausgegraben und weggebracht; auch Holz gehackt und Schienen getragen." Sogar im Steinbruch musste sie arbeiten.

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Zwangsarbeit, sagt Klüger, sei "schlimmer als Sklavenarbeit". Denn der leibeigene Sklave habe immer noch einen "Geldwert für seinen Besitzer". Zwangsarbeiter seien hingegen wertlos gewesen, vor allem die Frauen, die nicht so hart arbeiten konnten wie Männer. Es habe ja so viel "Menschenmaterial" gegeben.

Zwangsprostitution - eine Form der Zwangsarbeit

In diesem Zusammenhang kommt Klüger auch auf das furchtbare Los der Zwangsprostituierten in den Lagern sprechen. Die Frauen seien in ständiger Gefahr gewesen, "geschlechtskrank oder Schwanger zu werden, durch einen serienmäßigen Geschlechtsverkehr, der je höchstens 20 Minuten dauern durfte, während draußen vor der Baracke schon eine Schlange wartender Männer stand". Auch dieser Frauen müsste gedacht werden, wenn man an die Zwangsarbeiterinnen von damals denke.

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Klüger wurde als Tochter jüdischer Eltern 1931 in Wien geboren. Im Alter von zwölf Jahren wurde sie mit ihrer Mutter nach Theresienstadt deportiert, ein Jahr später nach Auschwitz-Birkenau, dann nach Christianstadt. Gegen Kriegsende gelang ihr auf einem der sogenannten Todesmärsche mit ihrer Mutter die Flucht nach Niederbayern. Ihr Vater, ein Frauenarzt, wurde in Auschwitz ermordet. Nach dem Krieg ging Klüger in die USA, wo sie in späteren Jahren unter anderem als Germanistik-Professorin in Princeton unterrichtete. Weltweit bekannt wurde sie mit ihrer Autobiographie "Weiter leben".

Lammert: Zwangsarbeit war für jeden sichtbar

Bundestagspräsident Norbert Lammert erinnerte zuvor daran, dass Zwangsarbeit zur NS-Zeit alles andere als eine Randerscheinung war. "Zwangsarbeit war in der nationalsozialistischen Diktatur ein Massenphänomen, ein vor aller Augen begangenes Verbrechen." Sie sei "für jeden sichtbar" gewesen, sagte Lammert in seiner einleitenden Rede.

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Im Juli 1944 hätten zivile Zwangsarbeiter, zur Arbeit gezwungene Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge "ein Viertel aller Arbeiter und Angestellten" im Deutschen Reich gestellt. Mehr als 13 Millionen Menschen seien innerhalb seiner Grenzen gezwungen worden, unter unwürdigen Umständen zu arbeiten. Hinzu kämen die Zwangsarbeiter in den besetzten Gebieten - ihre Zahl sei allein vage zu schätzen.

Auch Ruth Klüger sei als "Kind verdammt zu Arbeitsdiensten" gewesen. Der sicheren Ermordung habe sie auf diese Weise entgehen können, doch dass sie dem Tod wirklich entkommen würde, "war in diesem Augenblick längst nicht ausgemacht". Denn den Tod "durch Arbeit" hätten die Ausbeuter bewusst in Kauf genommen.

Gedenken im Bundestag zum 20. Mal

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus wird seit 1996 begangen. Damit wird zugleich an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 erinnert. Allein dort wurden von den Nationalsozialisten mehr als eine Million Menschen ermordet.

2015 geißelte Bundespräsident Joachim Gauck als Hauptredner die Verdrängung der NS-Verbrechen durch die Deutschen, auch in der ehemaligen DDR. Am Gedenktag im Bundestag kommen jedoch vor allem häufig Überlebende des NS-Terrors zu Wort.

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