Holocaust-Forscher Saul Friedländer "Die Naivität der Opfer war ein Schock"

Er ist Jude und Holocaust-Forscher: Ein Gespräch mit dem Historiker Saul Friedländer über "Das Amt", die katholische Kirche und emotionale Wissenschaft.

Interview: Claudia Tieschky und Willi Winkler

Saul Friedländer, geboren 1932, wurde für seine Studie "Das Dritte Reich und die Juden" mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, weil er darin wissenschaftliche Distanz und Objektivität mit der Sensibilität für das Leiden der Ermordeten und Verfolgten verband. Im Februar erscheint sein neues Buch "Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation". Er unterrichtet Geschichte an den Universitäten von Tel Aviv und Los Angeles.

SZ: Herr Friedländer, Sie haben wahrscheinlich die Aufregung mitbekommen, die "Das Amt", die Studie über die Geschichte des Auswärtigen Amtes, in Deutschland ausgelöst hat.

Friedländer: Viele Dokumente waren mir bekannt. Neu ist die Leistung, das alles in einem Band zusammenzubringen und nicht nur die NS-Zeit zu behandeln, sondern auch die Jahre danach.

SZ: Alle Welt wirkt erstaunt, dass der Staatssekretär Ernst von Weizsäcker, der Vater des späteren Bundespräsidenten, 1942 auf Wunsch Adolf Eichmanns die Deportation von 6000 Juden aus Frankreich nach Auschwitz abgezeichnet hat.

Friedländer: Meine Eltern befanden sich unter den Tausenden, die 1942 aus Frankreich deportiert und in Auschwitz umgebracht wurden.

SZ: Weizsäcker änderte das Schriftstück noch, in dem er dem Abtransport der Juden seinen Segen gab. Das Außenministerium habe "keine Bedenken" hieß es erst. Weizsäcker machte daraus "keine Einwände", also keine Einwände gegen die Deportation nach Auschwitz.

Friedländer: Es ist unbegreiflich, wie sich die Behauptung so lange halten konnte, das Auswärtige Amt sei ein Hort des Widerstandes gewesen.

SZ: Weizsäcker will unter dem Nazi Ribbentrop ausgeharrt haben, um Schlimmeres zu verhüten.

Friedländer: Das ist einfach nicht wahr; aber das behauptete nach dem Krieg jeder. Darum freue ich mich, dass es jetzt dieses Buch gibt. Hat sich Richard von Weizsäcker dazu geäußert?

SZ: Frank Schirrmacher hat ihn interviewt, und da sagte er ihm, "Das Amt" sei kein Buch über seinen Vater. Das hatte allerdings auch niemand behauptet.

Friedländer: Die Frage ist doch, ob nicht nach diesem sehr starken Echo der Nazi-Zeit und des Holocaust allmählich eine gewisse Ermüdung einsetzt. Darum ist ein solches Buch so wichtig. Es wird immer schwieriger zu leugnen, dass in Deutschland die Führungsrolle der NSDAP weitgehend akzeptiert wurde.

SZ: Heute leugnet das niemand mehr.

Friedländer: Sie haben natürlich recht. Als ich Anfang der sechziger Jahre zum ersten Mal nach Deutschland kam, nach Bonn, um an meiner Dissertation zu arbeiten, saß ich im Archiv des Auswärtigen Amtes. Da war die allgemeine Einstellung noch ganz anders.

SZ: Wann hat sich das geändert?