Eine Reportage von Christiane Kohl

Im Holocaust-Archiv in Bad Arolsen lagern Tausende Akten über die Opfer des Nationalsozialismus - nun konnten Forscher sie erstmals auswerten.

"Das hier ist nicht nur eine Goldmine", sagt Joanne Rudof, und die Stimme der kleinen, schon ein wenig ergrauten Wissenschaftlerin überschlägt sich fast vor Begeisterung: "Es ist auch eine Diamantenmine und eine Ölquelle zugleich."

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Dokumente des Leidens: Im hessischen Bad Arolsen hat der Internationale Suchdienst Dokumente über 17 Millionen Häftlinge, Zwangsarbeiter und Vertriebene aus der Zeit des Nationalsozialismus zusammengetragen (© Foto: AP)

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Zehn Tage lang hat die Forscherin der amerikanischen Yale-Universität die Archivbestände des Internationalen Suchdienstes im nordhessischen Bad Arolsen durchgesehen. Gemeinsam mit 15 Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern blätterte sie Tausende vergilbte Papiere durch, schaute in zerbröselnde Briefumschläge und betrachtete endlose, mit SS-Schreibmaschinen getippte Namenslisten - "ich bin überwältigt von den Mengen an Information, die hier noch schlummern", sagt sie.

Auch die anderen Forscher, die sich jetzt in Bad Arolsen trafen, sind beeindruckt von der kaum überschaubaren Masse, die in den Regalen und Archivkästen des Suchdienstes lagert: "Hier findet sich die Geografie des Holocaust", sagt der einstige Chefhistoriker der australischen Kommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen, Konrad Kwiet: "Eine Art institutionelles Gedächtnis des Grauens."

Und Paul Shapiro, Chef des Museumsarchivs im Holocaust Memorial Museum in Washington, sagt: "Die Holocaust-Forschung ist immer noch ein riesiges Puzzlespiel - hier liegen entscheidende Teile davon." Mit Hilfe der Dokumente aus Bad Arolsen könne vermutlich "manches Stereotyp" der Geschichtsschreibung über die NS-Herrschaft korrigiert werden.

Shapiro war es auch, der bereits vor Jahren die Öffnung des Archivs gefordert hatte. Nach dem Krieg war das Büro in Bad Arolsen im Zusammenhang mit der Suche nach Holocaust-Überlebenden vom Internationalen Roten Kreuz als Suchdienst ITS ("International Tracing Service") eingerichtet worden.

Jahrzehntelang wurden die vom ITS gesammelten Unterlagen wie ein geheimer Schatz gehütet, Wissenschaftlern wurde jeder Zugang verwehrt, nicht einmal die Leiter der Gedenkstätten in ehemaligen deutschen Konzentrationslagern durften sich die Bestände anschauen, obgleich viele ITS-Unterlagen aus eben diesen Lagern stammten. Nach dem Krieg hatten die Alliierten die in manchen Konzentrationslagern sichergestellten Dokumente und sogar Möbel nach Bad Arolsen geschafft - hier befindet sich beinahe die komplette Dokumentation von Dachau und Buchenwald.

Erst auf massiven internationalen Druck hin öffnete sich das Archiv im vergangenen Frühjahr. In diesen Junitagen wurde nun ein erster internationaler Wissenschaftler-Kongress in Bad Arolsen abgehalten, um die Qualität der Bestände genauer zu untersuchen. Dabei stürzten sich Historiker mit höchst unterschiedlichen Interessen auf die alten Dokumente, und jeder fand neue Details für sein Forschungsgebiet.

So hatte beispielsweise Joanne Rudof bereits in den siebziger Jahren an der Yale-Universität damit begonnen, die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden auf Video aufzuzeichnen. Lange bevor der Regisseur Steven Spielberg nach seinem Film "Schindlers Liste" auf diese Idee kam, war ein umfangreiches Video-Archiv mit Berichten von Zeitzeugen entstanden. Bis heute fehlte jedoch für viele Erzählungen die institutionelle Bestätigung, wie die Forscherin berichtet: "Hier endlich kann man sie finden", sagt Rudof.

Zwangsprostituierte im KZ

Auch Jessica Anderson Hughes entdeckte, wie sie sagt, "schier unglaublich gute Details" in den Arolser Archivbeständen. Das Spezialgebiet der Wissenschaftlerin von der Rutgers-Universität in New Jersey sind die Frauen im Holocaust, vor allem jene, die als Prostituierte in den Bordellen der Konzentrationslager arbeiten mussten. In Bad Arolsen ging sie den Schicksalen von 35 Frauen nach, die aus dem KZ Ravensbrück nach Buchenwald kamen: "Man hatte ihnen gesagt, sie würden in einem halben Jahr freikommen", sagt Anderson Hughes - "aber es kam natürlich anders".

In Buchenwald mussten die Frauen ihre Dienste den Häftlingen anbieten, ein bis zwei Reichsmark kostete ein Besuch im "Sonderbau". Die Forscherin fand konkrete Abrechnungen für die Tätigkeiten im Lagerbordell, etwa für die erste Dezemberwoche in 1942, als die Frauen genau 873,20 Reichsmark einnahmen. "Davon haben sie keinen Pfennig gesehen", sagt Anderson Hughes, alles habe die SS kassiert.

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