Im Holocaust-Archiv in Bad Arolsen lagern Tausende Akten über die Opfer des Nationalsozialismus - nun konnten Forscher sie erstmals auswerten.
"Das hier ist nicht nur eine Goldmine", sagt Joanne Rudof, und die Stimme der kleinen, schon ein wenig ergrauten Wissenschaftlerin überschlägt sich fast vor Begeisterung: "Es ist auch eine Diamantenmine und eine Ölquelle zugleich."
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Dokumente des Leidens: Im hessischen Bad Arolsen hat der Internationale Suchdienst Dokumente über 17 Millionen Häftlinge, Zwangsarbeiter und Vertriebene aus der Zeit des Nationalsozialismus zusammengetragen (© Foto: AP)
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Zehn Tage lang hat die Forscherin der amerikanischen Yale-Universität die Archivbestände des Internationalen Suchdienstes im nordhessischen Bad Arolsen durchgesehen. Gemeinsam mit 15 Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern blätterte sie Tausende vergilbte Papiere durch, schaute in zerbröselnde Briefumschläge und betrachtete endlose, mit SS-Schreibmaschinen getippte Namenslisten - "ich bin überwältigt von den Mengen an Information, die hier noch schlummern", sagt sie.
Auch die anderen Forscher, die sich jetzt in Bad Arolsen trafen, sind beeindruckt von der kaum überschaubaren Masse, die in den Regalen und Archivkästen des Suchdienstes lagert: "Hier findet sich die Geografie des Holocaust", sagt der einstige Chefhistoriker der australischen Kommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen, Konrad Kwiet: "Eine Art institutionelles Gedächtnis des Grauens."
Und Paul Shapiro, Chef des Museumsarchivs im Holocaust Memorial Museum in Washington, sagt: "Die Holocaust-Forschung ist immer noch ein riesiges Puzzlespiel - hier liegen entscheidende Teile davon." Mit Hilfe der Dokumente aus Bad Arolsen könne vermutlich "manches Stereotyp" der Geschichtsschreibung über die NS-Herrschaft korrigiert werden.
Shapiro war es auch, der bereits vor Jahren die Öffnung des Archivs gefordert hatte. Nach dem Krieg war das Büro in Bad Arolsen im Zusammenhang mit der Suche nach Holocaust-Überlebenden vom Internationalen Roten Kreuz als Suchdienst ITS ("International Tracing Service") eingerichtet worden.
Jahrzehntelang wurden die vom ITS gesammelten Unterlagen wie ein geheimer Schatz gehütet, Wissenschaftlern wurde jeder Zugang verwehrt, nicht einmal die Leiter der Gedenkstätten in ehemaligen deutschen Konzentrationslagern durften sich die Bestände anschauen, obgleich viele ITS-Unterlagen aus eben diesen Lagern stammten. Nach dem Krieg hatten die Alliierten die in manchen Konzentrationslagern sichergestellten Dokumente und sogar Möbel nach Bad Arolsen geschafft - hier befindet sich beinahe die komplette Dokumentation von Dachau und Buchenwald.
Erst auf massiven internationalen Druck hin öffnete sich das Archiv im vergangenen Frühjahr. In diesen Junitagen wurde nun ein erster internationaler Wissenschaftler-Kongress in Bad Arolsen abgehalten, um die Qualität der Bestände genauer zu untersuchen. Dabei stürzten sich Historiker mit höchst unterschiedlichen Interessen auf die alten Dokumente, und jeder fand neue Details für sein Forschungsgebiet.
So hatte beispielsweise Joanne Rudof bereits in den siebziger Jahren an der Yale-Universität damit begonnen, die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden auf Video aufzuzeichnen. Lange bevor der Regisseur Steven Spielberg nach seinem Film "Schindlers Liste" auf diese Idee kam, war ein umfangreiches Video-Archiv mit Berichten von Zeitzeugen entstanden. Bis heute fehlte jedoch für viele Erzählungen die institutionelle Bestätigung, wie die Forscherin berichtet: "Hier endlich kann man sie finden", sagt Rudof.
Zwangsprostituierte im KZ
Auch Jessica Anderson Hughes entdeckte, wie sie sagt, "schier unglaublich gute Details" in den Arolser Archivbeständen. Das Spezialgebiet der Wissenschaftlerin von der Rutgers-Universität in New Jersey sind die Frauen im Holocaust, vor allem jene, die als Prostituierte in den Bordellen der Konzentrationslager arbeiten mussten. In Bad Arolsen ging sie den Schicksalen von 35 Frauen nach, die aus dem KZ Ravensbrück nach Buchenwald kamen: "Man hatte ihnen gesagt, sie würden in einem halben Jahr freikommen", sagt Anderson Hughes - "aber es kam natürlich anders".
In Buchenwald mussten die Frauen ihre Dienste den Häftlingen anbieten, ein bis zwei Reichsmark kostete ein Besuch im "Sonderbau". Die Forscherin fand konkrete Abrechnungen für die Tätigkeiten im Lagerbordell, etwa für die erste Dezemberwoche in 1942, als die Frauen genau 873,20 Reichsmark einnahmen. "Davon haben sie keinen Pfennig gesehen", sagt Anderson Hughes, alles habe die SS kassiert.
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"The Substance" im Kino
Leider muss ich hart mit Ihnen ins Gericht gehen. Ihr Vorwurf der Naivität meinerseits hat zuerst Neugierde geweckt, die sich dann aber in Enttäuschung umgeschlagen hat.
Es geht hier nicht darum, ob ein System rational ausgeführt wird. Die NSDAP mag auf allen Ebenen ihre Befehle von oben perfekt rational ausgeführt haben. Die Frage ist vielmehr, ob der Zweck, dem dieses Handeln dient, rational und durchdacht war oder eben nicht ich behaupte nicht! Schon die Zielsetzung war unreflektiert und damit irrational.
Ihre Ausführungen:
Sie verwechseln das Ziel und den Mitteleinsatz zur Zielerreichung. Krieg war auch bei der NSDAP ebenso wie Enteignungen kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck.
Was soll diese Plattitüde? Nur Psychopathen führen Krieg aus Blutlust. Was ist also Ihrer Meinung nach der rationale Zweck?
Indes verwechseln viele Irrationalität mit einer Rationalität, die nicht jedem zugänglich ist, etwa weil moralische Überlegungen ein gewisses machtpolitisches Kalkül nicht zulassen.
Dieser Verwechselung unterliege ich nicht. Es ist mir möglich ein theoretisches Ziel zu erkennen, welches jenseits der gängigen Moralvorstellungen liegt, ob ich dieses nun gutheiße oder nicht. Sie verweisen auf einen Zweck, der vielen nicht zugänglich ist, sprechen ihn dann aber zur Enttäuschung nicht aus. Lüften Sie also das ach so schwer nachvollziehbare Geheimnis.
Das Mord, Krieg und Enteignung nur schwer mit der Moral in Einklang zu bringen sind, dürfte jedem Kindergartenkind einleuchten. Nehmen wir z.B. das Kategorische Imperativ von Kant: Handele so, dass Deine Taten als generelle moralische Maxim gelten könnten. Dieses Prinzip beruht auf Gegenseitigkeit. Allerdings will niemand selbst unterdrückt, ermordet oder erobert werden, wodurch Krieg als moralische Maxim zum Handeln nicht funktioniert. Die Ausführung der NS Ideologie lässt sich also nicht mit Kants Moraltheorie in Einklang bringen. Moralität bezieht sich aber immer auf das Handeln an sich und nicht auf den Endzustand. Daher wird auch ein moralisch neutrales Endziel nicht durch amoralisches Handeln moralisch gerechtfertigt.
Vor allem, selbst wenn man den unmoralischen Mitteleinsatz hinweg denkt, bleibt noch lange keine Rationalität im Ziel übrig.
Da Ihr Beitrag bezüglich des angedeuteten rationalen Endziels genau dort aufhört, wo er interessant werden könnte, liefere ich Ihnen selbst die Fortsetzung.
Ich zitiere aus Martin Broszat: Der Staat Hitlers, DTV, 2 Kapitel, Weltanschauung der Hitler Bewegung.
Die Inhalte [der Hitler Bewegung] lassen sich auf wenige Fixpunkte eines völkerbiologischen und rassentheoretischen Nationalismus reduzieren. Im Übrigen galt der Glaube an das »Naturgesetz« des ewigen »Kampfes der Arten« und das daraus hergeleitete »Recht des Stärkeren«.
Mit der Instinktsicherheit des früh geübten Demagogen erfasste Hitler, dass die auf leidenschaftlichen Emotionen, Ressentiments und Sehnsüchten, nicht auf intellektuellen Einsichten beruhende völkische Weltanschauung sich ihrer Natur nach der theoretischen Systematisierung entzog und am meisten Anziehungskraft ausüben konnte, je weniger sie im einzelnen fixiert war, solange nur die Grundintention deutlich zum Ausdruck kam: der Wunsch und Wille zur umfassenden Vitalisierung der Nation. Antimarxismus, Antisemitismus und die Proklamation und Bekämpfung anderer Feinde hatten ja vor allem auch die Funktion, Kampfentschlossenheit und Abhärtung gegen humanitäre Skrupel einzuüben. Die Rassentheorie diente der Steigerung des nationalen Selbstbewusstseins, schrieb die sozialen Beschwernisse dem Wirken jüdischer und anderer Volksfeinde zu. Und das Ziel des großen künftigen Lebensraums im Osten war chiliastische Endzeitvorstellung, die Utopie einer ganz neuen völkischen Machtbasis und heroischen Herrenrassen-Existenz, die dem deutschen Volk eine Erlösung auch von allen ökonomisch-materiellen Beschränkungen versprach.
Von einem Rationalismus etwa nach Descartes, die mit Hilfe der Vernunft die Wirklichkeit zu erkennen versucht ist hier kein Boden zu gewinnen. Vielmehr steht der Nationalsozialismus in der Tradition Hegels. Dieser setzt die Idee als solchen über den einzelnen Menschen. Die Menschlichkeit wird verdrängt und durch einen anderen Zweck ersetzt, etwa der Überlegenheit eines Stärkeren Volkes.
Ich fasse meine Kritik aus früheren Beiträgen an diesem, in meinen Augen irrationalen und unreflektierten, Zweck zusammen:
1. Wie ist der Menschheit, oder gar irgendeinem abstrakten Fortschritt gedient, wenn nur noch die brutalsten und kampfeslustigsten Barbaren in der Welt übrig bleiben?
2. Es ist sehr schwierig auf genetischer Ebene ein Volk zu definieren, da schon genotypischen die Unterschiede innerhalb dieser fast willkürlich gewählten phenotypischen Gruppe größer sind als zu den meisten Nichtgruppenmitgleidern.
3. Was ist wenn das auserwählte Volk den großen Kampf verliert?
4. In Zeiten nuklearer Endzeitbedrohung ist die Realisierung einer Umfassenden Welteroberung irrational.
5. Wer entscheidet, was das Bessere oder Stärkere ist, welches innerhalb der Gruppe überlebenswert ist. Stephen Hawking, der noch im Rollstuhl Beiträge zur Astrophysik liefert, würde wohl beim Test zur NS-Rassenhygiene sofort aussortiert werden. Trotzdem würde ich im atomaren Zeitalter lieber Stephen Hawking in der Mannschaft haben, als jeden noch so verbissenen NS Parteifunktionär.
Allem in allem scheint mir diese Ideologie von Naivität geprägt; Die bildende Kunst in allen Ehren, aber man erkennt in ihr die Signatur eines verwehrten und gescheiterten Kunststudenten.
Gerade eine sehr kompromisslos und ohne jegliche Empathie oder Menschlichkeit ausgeführte Gesellschaftstheorie kann sehr wohl unreflektiert sein. Noch mehr, glauben Sie wirklich das NS-Regime wäre rational im Sinne von durchdacht?
Schon die Zielsetzung war faktisch unerreichbar. Durch eine expansive Politik und fanatisches Anpeitschen der Bevölkerung, Inflation und Wachstum auf Pump, bzw. durch Enteignung der jüdischen Bevölkerung, wurde eine prekäre Blase erzeugt, die nur Bestand hatte, solange die Kriegsmaschine erfolgreich war und durch Ausbeutung der Nachbarstaaten das unsolide wirtschaftliche Fundament getragen werden konnte ein dynamisches System ohne Gleichgewicht, das früher oder später nur implodieren konnte.
Glauben Sie, dass ein System, das auf Gewalt, Plünderung, Propaganda und Ausbeutung der eigenen Bevölkerung, Unterwerfung und Vernichtung der Nachbarvölker basiert, rational verständlich ist? Gingis Khan mag Osteuropa entvölkert haben, der Welt das Fürchten gelehrt und seine Gene millionenfach verbreitet haben, aber was hat er der Menschheit en gros gebracht. Was ist sein positiver Beitrag für unsere Zukunft. Wo ist sein Nachlass?
Dazu lieferte uns die NS Ideologie noch eine Rassentheorie, die Ihnen heute jeder Genetiker wiederlegen wird.
Die Nietscheeske Maxim war: alles oder nichts. Entweder totale Weltbeherrschung oder der totale Untergang. Der Stärkere setzt sich durch, und muss damit auch der Bessere sein. Wie der Diktator rational folgerte: Wenn das deutsche Volk nicht den totalen Kampf gewinnen konnte, hatte es sein Existenzrecht auf dieser Welt verwehrt. Die letztere Alternative im Kleingedruckten haben wohl die meisten überlesen. Die Bevölkerung war bald schon den Vorgaben von oben mehr oder weniger ausgeliefert - eine Geisel der eigens herbei beschworenen Geister. Ob nun wirklich die meisten damals den totalen Krieg wollten und auch über die Konsequenzen nachgedacht hatten, möchte ich bezweifeln.
Die Welt kennt inzwischen weitere Beispiele,wie grausam Menschen sein können, wenn sie sich als Herren über Recht und Gesetz aufspielen, bis sie von der Realität eingeholt werden.
Das Holcaust-Archiv wird seine schreckliche Berühmtheit nicht los, gleichgültig wie alt es werden mag. Das kann ein gutes Zeichen dafür sein, dass die Stimme des Gewissens jedem menschlichen Einfluss stand hält. Das allein wäre zu wenig. Wie viele Menschen werden noch für die menschliche Ignoranz büssen, bis es Regeln gibt, die solche Greueln entgültig in die Schranken weisen.
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