"Ground Zero" in Manhattan, wo die meisten Terroropfer noch unerkannt unter den Trümmern liegen, ist ergiebiger Nährboden für immer neue Gerüchte.
(SZ vom 20.09.2001) - Das Gespenst des 11. September schwebt noch immer über der Stadt und von weitem kann man gut sehen, wie es die Türme des World Financial Centers hinaufklettert und sich hinten über die ramponierte Savings Bank legt.
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Jeden Abend machen die Rettungsleute an der Unglücksstelle das Flutlicht an, um auch in der Nacht arbeiten zu können, und die Wolke aus Staub und Asbest über dem Unglücksort beherrscht dann endgültig die Skyline Manhattans.
An der Uferpromenade haben Menschen Grableuchten aufgestellt, als könnten sie den schrecklichen Spuk damit vertreiben. Doch Flutlicht ist heller als brennende Kerzen. Wo bis vor kurzem noch 50.000 Menschen täglich zur Arbeit gingen, da sind jetzt nur noch Schutt, Stahl und Beton geblieben.
Die New Yorker nennen den Nullpunkt ihrer Stadt "Ground Zero" - der Begriff bezeichnet eigentlich den Detonationspunkt einer Bombe, jetzt steht er für das Ende der Welt inmitten der Zivilisation.
Durst nach Bildern
Geschichten von Hoffnung und Elend werden hier geboren, "Ground Zero" gibt sie nur langsam heraus.
Die Polizei hat einen Schutzwall um diesen Ort gezogen und kontrolliert nicht nur die Bilder, sondern auch alle Nachrichten, soweit das geht.
Der Durst der Menschen nach Bildern und Worten von diesem Ort aber wächst, und die Polizei fährt inzwischen einzelne Journalisten zur Unglücksstelle.
Die meisten Opfer des Terroranschlags liegen noch immer unerkannt zwischen Schutt und Stahl, fast 5000 bleiben vermisst, und so lange "Ground Zero" nicht vollständig geräumt ist, wird es der magische Ort bleiben, der Schrecken verbreitet, aber für viele zugleich letzte Hoffnung ist.
Seit Montag dürfen die New Yorker in die Nähe des Unglücksortes. Der Schutzwall der Polizei zieht sich vier, fünf Häuserblocks entfernt um das Gebiet, aber durch die Häuserschluchten kann man auch von dort aus die Stahlruinen sehen, die vom World Trade Center übrig geblieben sind.
Schon sind wieder Touristen unterwegs, man sieht sie knipsen und filmen. Die New Yorker haben den Schutzwall in nur einem Tag mit Bildern ihrer Vermissten beklebt.
Ihre Namen sagen nicht viel, aber immer steht ihre ehemalige Etagennummer im World Trade Center dabei, und das ist der entscheidende Schlüssel zum Schicksal. Je höher die Nummer, desto sinnloser ist Hoffnung.
Es gibt überhaupt nur noch wenig zu hoffen am "Ground Zero" nach mehr als einer Woche Sucharbeiten. Es soll noch Luftblasen geben, aber die Stadtverwaltung warnt bereits vor überzogenen Erwartungen.
New Yorks Bürgermeister Rudolph Guiliani nennt die Chancen, Überlebende zu finden, "sehr, sehr gering". Das letzte Mal, dass jemand gefunden wurde, ist schon fast eine Woche her, und jeder weiß, dass die Frau, die gerettet wurde, viele Meter vom Zentrum des Unglücks entfernt lag.
Aber immer wieder steigen Geschichten auf von "Ground Zero", die sich in Windeseile verbreiten und Hoffnung bei Tausenden Angehörigen schüren.
Es sind Geschichten von neuen Handytelefonaten aus den Tiefen der Trümmer, von einer Rettung, die nur nicht bekannt sei, weil sie vor den Terroristen geheim gehalten werden solle.
Die Menschen hören zu, die Medien berichten, und alle glauben die Geschichten, denn sie wollen sie glauben. Und dann hört man den Bürgermeister erklären: Stimmt nicht, wir haben niemanden mehr gefunden.
Die Bilder des Schreckens sind die einzigen wahren Bilder, die vom "Ground Zero" nach draußen dringen. Der Ort hat selbst die Helden verschluckt, die den Verunglückten helfen wollten.
Die Feuerwehrleute ganzer Stationen sind am Tag des Terrors auf dem Areal verschwunden, die Außenstelle von Greenwich Village hat nur noch den Leiterwagen zurückbekommen und ihn seit einer Woche wie ein Mahnmal auf der Avenue of the Americas vor der Station geparkt.
Ein großer Teil der New Yorker Feuerwehrspitze und der Feuerwehrchef selbst haben den Einsatz wohl nicht überlebt. New Yorks Bürgermeister Giuliani hat den Posten bereits wieder besetzt und weitere 167 Feuerwehrleute befördert, die nun in die Lücken springen.
Auf ein Herz getreten
Die Bilder des Schreckens haben sich eingebrannt in die Gesichter der Feuerwehrleute.
Ihre Ausrüstung ziehen sie in kleinen Köfferchen hinter sich her, sie sind still und reden wollen sie selten. Der Einsatz auf "Ground Zero" wird von zahlreichen Psychologen begleitet, sie sind am Unglücksort, davor und in den Herbergen.
Immer wieder hört man die Berichte des Grauens, von dem kleinen Mädchen etwa, das gefunden worden sein soll, die Arme der Mutter noch um sie geschlungen, nur die Arme waren noch da.
Man erzählt sich, sie hätten zwei Hände gefunden, die sich im Augenblick des Unglücks noch festgehalten hätten, und man sieht in den Zeitungen das Bild der kleinen Kinderpuppe, die aus den Trümmern aufgetaucht ist.
Die Feuerwehrleute finden täglich neue Boten des Todes und einer, heißt es, ist neulich versehentlich auf ein Herz getreten. Aber die Retter machen weiter.
Die Suchhunde, die auf lebende Menschen abgerichtet sind, haben seit Tagen nichts mehr gefunden. Sie arbeiten in zwölf Stunden-Schichten, aber zwölf Stunden sind lang für einen Hund, wenn er nichts findet.
Um die Tiere bei Laune zu halten, verschwinden die Feuerwehrleute inzwischen immer wieder mit ihnen in den stehen gebliebenen Park- und abgesperrten Wohnhäusern und spielen Versteck.
Niemand auf "Ground Zero" soll hören, wenn sie vor Freude bellen. Niemand soll wieder falsche Hoffnungen hegen.
Zum 30. Todestag von Romy Schneider