Ein Kommentar von Oliver Meiler

Die Probleme des Landes sind gigantisch - trotzdem ruhen auf Indien die Hoffnungen einer ganzen Region.

In der Geschichte von Nationen gibt es immer wieder große, denkwürdige, prägende Momente. Oft sind es dramatische, traumatische. Indien erlebt gerade einen besonders glücklichen Augenblick in seiner bewegten Geschichte, einen demokratischen obendrein.

Indien: Jubel nach dem Sieg: Ein Junge mit der Fahne der Kongresspartei; dpa

Jubel nach dem Sieg: Ein Junge mit der Fahne der Kongresspartei (© Foto: dpa)

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Bei ihrer 15. freien und fast reibungslosen Parlamentswahl - mit einer Wählerschaft von 714 Millionen der Welt größter Wahlgang aller Zeiten - haben die Inder wider Erwarten ein deutliches Votum zugunsten der bisherigen, von der linksliberalen Kongresspartei angeführten Regierung abgegeben. Es ist ein Votum, das dem großen Land eine längere Zeit der Stabilität verheißt.

Wenn man sich im geplagten südlichen Asien umsieht und dabei vor allem nach Pakistan und Afghanistan schaut, ist jedes Zeichen von politischer Stabilität hochwillkommen.

Demokratische Hoffnung

Indien ist - auch wenn dies pathetisch-romantisch klingen mag - die schönste demokratische Hoffnung der ganzen Region, ja die einzige. Das gibt dem aufstrebenden Land nicht nur moralische Kraft. Es sollte Indien auch zu einer neuen, zentraleren Rolle im Konzert der Weltmächte verhelfen. Bereit dazu ist das Land, gerade nach diesen Wahlen.

Die Inder haben einer Regierung ihr Vertrauen ausgesprochen, die trotz der wirtschaftlichen Krise, trotz der vielen Terroranschläge in den vergangenen Jahren und trotz der Kriegswirren in den Nachbarländern die Ruhe bewahrt hat. Es gab Stimmen, die der Regierung diese Ruhe als Schwäche auslegten. Doch wie hätten wohl die Hindu-Nationalisten auf die Anschläge in Mumbai im November 2008 reagiert, wären sie an der Macht gewesen?

Die Gefahr wäre groß gewesen, dass sie einen Krieg angezettelt hätten mit Pakistan, dem Erzfeind, wo die Terroristen hergekommen waren. Die hetzerische, religiös motivierte Politik der Hindu-Nationalisten hätte den ruhenden Pol, diesen Giganten im Zentrum der Region, unnötig ins Wanken gebracht.

Stattdessen haben säkulare und progressive Kräfte die Wahl eindeutig gewonnen. Es lässt sich viel Negatives über den Wahlsieger, die Kongresspartei, sagen. Eigentlich dürfte es sie gar nicht mehr geben, zumindest wenn es nach ihrem berühmtesten Anführer gegangen wäre. Für Mahatma Gandhi, den Helden der indischen Unabhängigkeit, hätte sich die Freiheitsbewegung nach dem Erreichen dieses Zieles auflösen sollen, 1947 also.

Hang zur Korruption

Allzu unterschiedlich waren die vielen Seelen in ihr, die nur der Kampf gegen die Briten vereinte: bäuerlich und aristokratisch, unternehmerisch und proletarisch. Die Partei ist bis heute ein bunter Haufen geblieben, ein Spiegel der Gesellschaft. In ihren Reihen gibt es einen Hang zur Korruption. Viele ihrer Exponenten treten mit der Arroganz einer vermeintlichen intellektuellen Überlegenheit auf, die genährt wird vom Mythos der Unabhängigkeit. Auch das Dynastiedenken, diese Obsession mit der Familie Gandhi, mutet nicht sehr zeitgemäß an.

Doch keine andere Partei Indiens hat mehr nationale Strahlkraft als die Kongresspartei. Das ist besonders wichtig in einem so großen Land mit so vielen Kulturen, sechs Religionen, mehr als zwanzig Amtssprachen und tausend sozialen Verwerfungen. Und keine Partei Indiens versucht stärker, das Land zu einen: Sie spielt nicht eine Volksgruppe gegen eine andere aus, nicht eine Religion gegen eine andere, nicht eine Region gegen eine andere. Sie ist der größte gemeinsame Nenner dieses komplexen Landes - neben Cricket und Bollywood freilich. Leicht wird ihre Aufgabe aber nicht sein.

Große Schwierigkeiten

Die Probleme Indiens bleiben gigantisch, auch wenn sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt hat, auch wenn die indische Mittelschicht so schnell wächst wie keine vor ihr in der Weltgeschichte, und auch wenn dank dem stetigen Wirtschaftswachstum der jüngsten Vergangenheit jedes Jahr Millionen aus der Armut gehoben werden konnten.

Denn noch immer leben 300 Millionen Inder unter der Armutsgrenze - also fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Noch immer gilt die Hälfte aller Kinder unter fünf Jahren als unterernährt. Noch immer verhindert das Kastensystem die Entwicklung einer gerechten Gesellschaft. Und noch immer gelangen nur zehn Prozent aller Subventionen zu den Bedürftigen. Der große Rest verschwindet in der Bürokratie und den Taschen der Beamten.

Nun haben die Kongresspartei und ihre Bündnispartner die historische Gelegenheit, mit einem vollen Mandat viel zu bewegen. Indien - und der Welt - konnte nichts Besseres passieren als dieses reife Votum für Stabilität und Kontinuität. Indien bewegt sich bei seinem Aufstieg zur Weltmacht behäbiger als China, dafür aber mit nachhaltigeren Schritten. Moralisch hat es, als Demokratie, einen schönen Vorsprung vor der Ein-Parteien-Diktatur China und verdiente dafür mehr Beachtung und Respekt im Westen.

Dieser predigt zwar gerne die universelle Gültigkeit seines demokratischen Modells, schmäht aber ausgerechnet Indien, das ihm möglichst eifrig nachlebt, als rückständigen Koloss und macht lieber Geschäfte mit dem autokratischen China, wo vieles leichter geht. Nach der Wahl wäre jetzt ein guter Moment, um diese Bigotterie zu korrigieren.

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(SZ vom 18.05.2009)