Historischer Fund in Amsterdam Mahngebühren für Holocaust-Überlebende

Ein Fund im Stadtarchiv von Amsterdam enthüllt ein dunkles Kapitel der Weltkriegsgeschichte in den Niederlanden: Bis 1947 forderte die Stadt Überlebende des Holocaust auf, nachträglich Steuern, Rechnungen der Stadtwerke und Mahngebühren für die Zeit in Konzentrationslagern oder auf der Flucht zu zahlen.

Von Josh Groeneveld

Der Holocaust war vorbei, doch das Leid ging weiter. Nur etwa 6000 von ehemals 110.000 deportierten Juden aus den Niederlanden kehrten aus den Konzentrationslagern der Nazis in ihre Heimat zurück. Ihre Häuser waren größtenteils zerstört oder im Besitz nichtjüdischer Familien. Und dann kam die Post.

Noch bis 1947 verschickte die Stadt Amsterdam Briefe an Überlebende des Holocausts. Das waren keine Kondolenzschreiben oder Hilfsangebote. Die Behörden verlangten die Nachzahlung von Steuern und Gebühren, die während der Kriegsjahre angefallen waren.

Dass die Empfänger während des genannten Zeitraums in Todesangst vor den Nazis lebten oder in Konzentrationslagern um ihr Leben kämpften, interessierte die Beamten nicht. Rücksicht auf das Schicksal der jüdischen Heimkehrer wurde in Amsterdam, anders als in anderen Städten der Niederlande, nicht genommen. Eine öffentliche Debatte kam nicht auf, obwohl etwa die Zeitung Het Parool bereits 1948 über die Briefe berichtete.

Erst jetzt, 65 Jahre später, erregt die damalige Praxis der Behörden Aufsehen. Michiel Mulder von der niederländischen Arbeiterpartei (Partij van de Arbeid) nannte den Umgang mit den Juden eine "Schande". Amsterdams Bürgermeister Eberhared van der Laan räumte ein, die damalige Gemeindeverwaltung habe mit "Formalismus, Bürokratie und Kälte" gehandelt und nicht "mit Empathie im Sinne der Opfer."

Die Welle der Empörung schwappte bis nach Israel, wo sich Zeitungen des Falles annahmen. "Amsterdam fined, taxed Holocaust survivors in hiding", titelte die Times of Israel neben einem Foto von Anne Frank.

Heikel ist die Angelegenheit, weil sie nur durch einen Zufall an die Öffentlichkeit gelangte: Bei Arbeiten zur Digitalisierung des Stadtarchivs fand die studierte Kunsthistorikerin Charlotte van den Berg die enthüllenden Briefpapiere. "Sie lagen einfach unter anderen Ordnern begraben", sagt sie im Gespräch mit SZ.de.

In den Unterlagen fand sie Antwortbriefe von Juden, die sich gegen die Mahnbescheide wehrten oder um Fristverlängerung baten. "Zur normalen Rechnung kam noch ein Bußgeld hinzu, weil die betroffenen Juden im Rückstand mit ihren Zahlungen waren", erzählt sie.

Als die Kunsthistorikerin die Stadt auf ihren Fund aufmerksam machte, stieß sie dort zwar auf Interesse. Jedoch war es Archivaren wichtiger, die Digitalisierung voranzutreiben, als sich um 65 Jahre alte Briefe zu kümmern. Die Unterlagen sollten nach der Digitalisierung vernichtet werden. Erst als die Kunsthistorikerin die Zeitung Het Parool einschaltete, brach eine öffentliche Debatte los.

Einer der Wortführer der Betroffenen und ihrer Angehörigen ist Ronny Naftaniel, Sohn eines Holocaust-Überlebenden und Direktor des niederländischen Zentrums für Information und Dokumentation Israel. Er fordert eine schnelle Klärung der Fälle. Mit Entschädigungsforderungen hält er sich zurück, betont jedoch, die Stadt Amsterdam habe unter anderem Nachzahlungen der kommunalen Grundsteuer und der Beiträge für die staatlichen Stadtwerke eingefordert. Das sei "schockierend".