Historiker Zeit im Spiegel

Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Spiegelung des im Wiederaufbau befindlichen Berliner Stadtschlosses (Humboldt-Forum) - einst gesprengt von der DDR 1950 - in den Fenstern des Auswärtigen Amtes. Zwischen 1973 und 2009 stand an dieser Stelle der Palast der Republik.

(Foto: Regina Schmeken)

Wie funktioniert Geschichtswissenschaft? Wie sieht das Fach das 20. Jahrhundert in der Rückschau? Was sind die neuen Herausforderungen? Drei Sammelbände geben auch überraschende Antworten.

Von Jost Dülffer

Wenn (Zeit-)Historiker über (Zeit-)Historiker nachdenken, kann das leicht zur Nabelschau werden, einerseits. Andererseits hilft die Selbstreflexion auf das Tun und der Versuch zur Bilanz immer wieder zu weiteren Erkenntnissen und Ansätzen. Dies ist nicht neu, hat aber gerade besondere Konjunktur. Ein originelles Projekt sind die acht gründlich recherchierten Forschungsartikel in einem Band von Franka Maubach und Christina Morina. Sie haben mit ihren Autoren über längere Zeit zusammengearbeitet und interessieren sich im Kern für zwei Dinge: die Resonanzen und die Erfahrungen. Resonanzen beziehen sich auf die Geschichtsschreibung in beiden deutschen Staaten in der Zeit der Teilung und suchen die oft indirekte, aber doch wechselseitige Beeinflussung von Historikern beider deutscher Staaten zu Themen des 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Erfahrung thematisiert demgegenüber die lebensgeschichtliche Verwurzelung der Autoren in Themen und Bearbeitung. Die Autoren reichen von dem Briten Matthew Stibbe und dem Niederländer Krijn Thijs über Personen mit DDR-Sozialisation wie Annette Leo, erstmals Quellen erschließende Jüngere bis zu Christoph Kleßmann, der selbst über Jahrzehnte an entscheidender Stelle zum Kontakt und zur Reflexion über die beiden deutschen Geschichtswissenschaften beigetragen hat.

DDR-Historiker polemisierten lange heftig gegen die Kollegen im Westen

Die BRDler und die DDRler lebten je nach ihrer eigenen Logik und den Rahmenbedingungen, asymmetrisch also. Die DDRler sahen immer stärker nach Westen als die Westler gen Osten; aber es gab in der DDR doch mehr als eine den Vorgaben des Parteienstaates folgende Zunft, die man gleichsam als Exoten beiseiteschieben könnte, wie das in Martin Sabrows Forschungen anklingt ("Teil des DDR-Herrschaftsdiskurses").

In dem Band werden oft je zwei BRD- und DDR-Historiker vorgestellt, deren Werke, programmatische Aussagen und wechselseitiger Austausch quellennah entfaltet werden. So profitierte Fritz Fischer sehr viel von DDR-Archiven und war dort als fortschrittlicher Bürgerlicher anerkannt, während Gerhard Ritter bald einen großen Abstand zum anderen Deutschland hatte. Auf der DDR-Seite sind es die ein wenig jüngeren Fritz Klein und Willibald Gutsche. Dem Rezensenten als Zeitzeugen sei nachgesehen, dass er die Differenzen zwischen beiden stärker als Stibbe akzentuieren würde, wenn Klein auf einer Imperialismus-Tagung der DDR Anfang 1989, in der dieser hinter vorgehaltener Hand als Gorbatschow der DDR-Historie apostrophiert wurde, seinen Kollegen Gutsche öffentlich anstöhnte: "Mein Gott, Willibald, von einem solchen (orthodoxen) Ansatz müssen wir doch endlich mal runterkommen." Sehr differenziert nimmt sich Morina für den Zweiten Weltkrieg Karl Dietrich Erdmann (West) und Stefan Doernberg (Ost) für die Sechzigerjahre, dann Andreas Hillgruber und Dietrich Eichholtz für die spätere Zeit an. Den Höhepunkt liefern Christoph Kleßmanns quellengestützte Reflexionen über die schwierigen, aber doch möglichen Treffen von Historikern beider Staaten, die es seit den Achtzigerjahren gab. "DDR-Historiker polemisierten heftig gegen die Kollegen im Westen, umgekehrt nahm man die propagandistisch überdrehten östlichen Produkte wissenschaftlich kaum zur Kenntnis. Erst seit den späten Sechzigerjahren änderte sich diese Konstellation, und von Publikationen aus der DDR gingen zunehmend auch produktive Anstöße für die westdeutsche Historiografie aus." Und: "eine eigenständige, marxistisch-leninistische Geschichtswissenschaft war an die Existenz der DDR als eines zweiten deutschen Staates gebunden."

Hier knüpft Krijn Thijs an, wenn er den Vereinigungsprozess der beiden Geschichtswissenschaften aktengestützt rekonstruiert, aber auch auf viele Publikationen von Akteuren - angefangen vom in der Wendezeit gegründeten Unabhängigen Historikerverband der DDR über die DDR-Historikergesellschaft bis hin zu Evaluationen und Abwicklungen durch den westdeutschen Wissenschaftsbetrieb. Sehr deutlich wird hierbei die zentrale Rolle von Jürgen Kocka auf vielen Ebenen, die zur Gründung des heute florierenden Potsdamer Zentrums für Zeithistorische Forschungen (ZZF) führte. Thijs Befund jedoch, neben der Abwicklung der bisherigen DDR-Historie und wenigen Überleitungen sei auch die westdeutsche Geschichtswissenschaft "zeitweise in den Fundamenten" erschüttert worden, auch nachdem die "Erkundungsreisen und Gruselkabinette" der unmittelbaren Wendezeit überwunden waren, mag für Kocka zutreffen, bedarf als Diagnose eines allgemeinen Lernprozesses wohl weiterer Debatten.

Das Fach müsste sich mehr an Benutzerfreundlichkeit orientieren

Die beiden anderen Bände tragen facettenreich zum Thema bei, entpuppen sich beim zweiten Blick als Festschriften für in der Zeitgeschichte ausgewiesene Historiker; Festgaben, die jedoch nicht so angestaubt daherkommen, wie das zu Honoratiorenzeiten einmal üblich war. Axel Schildt, Jahrgang 1951, einer der führenden Sozialhistoriker, hatte zum 50. Geburtstag der Bundesrepublik 1999 fünf unterschiedliche Erzählformen dieser Geschichte entwickelt (Erfolg, Misserfolg, Modernisierung, Belastung, Verwestlichung). An eine Überprüfung dieser Kategorien knüpfen 26 Autoren siebzehn Jahre später an. Das reicht von pointiertem Witz bis zu tiefschürfender Reflexion über künftige Forschungsaufgaben und Strategie. Michael Wildt etwa breitet gekonnt seinen und Schildts alltagsgeschichtlichen Zeithintergrund aus, wenn er unter anderem die "Generation Fehmarn" ausruft: die eines deutschen Woodstocks 1970, das in Musik und Schlamm ertrank. Die meisten Autoren erkunden und schreiben fort, was sich in ihrem jeweiligen Sektor, von Wirtschaft über Kriminalität bis hin zu Krieg und Frieden an Forschungsentwicklungen in diesem Jahrhundert ergab; am weitesten geht Anselm Doering-Manteuffel, wenn er als neues Thema die Beschäftigung mit der Globalisierung als Faktum beschreibt und zugleich als Desiderat anmahnt.

Der dritte Band trägt den ein wenig schrägen Titel "German Zeitgeschichte". Das signalisiert mehr, als dass einige Beiträge auch auf Englisch erschienen, sondern ist Konrad Jarausch zum 75. Geburtstag gewidmet. Jarausch, als Student in die USA gegangen, dort auch beruflich erfolgreich, kam mit der Wende zurück und wurde (zusammen mit Kleßmann) erster Direktor des bereits genannten ZZF in Potsdam. Hier liefern 14 Autoren Querschnittbeiträge zu Aspekten der west- und ostdeutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Der Band ist auch von internationalen Weggenossen Jarauschs bestückt - auch daher der Titel. Mehrere Autoren stellen den für Forschungen sehr ertragreichen Begriff der "civil society" - deutsch nur bedingt mit "Zivilgesellschaft" wiederzugeben - zur Debatte. Am spannendsten ist hier Martin Sabrows programmatischer Abriss über die aktuellen Themen und Methoden des Fachs. Trotz allen Abschieds vom Elfenbeinturm geht es ihm nach wie vor um die Geschichte der Mitlebenden. Aber: Die Subjektivität der vielen Ausgangspunkte hat in den letzten Jahrzehnten zugenommen, auch für die Fachhistoriker. Geschichte an vielen öffentlichen Orten hat zugenommen, die Grenzen zwischen Fiktionalität und Fakten verschwimmen immer mehr. Das Fach müsse sich daher auch an der Benutzerfreundlichkeit orientieren. Ende der herkömmlichen Zeitgeschichte? Gewiss nicht, wohl aber eine Akzentverlagerung und neue Verantwortung. Die Beiträge dieser drei Bände stellen sich dem teils mit Gründlichkeit, teils mit Witz und immer informativ in Richtung auf neue Schneisen für Forschungen.

Jost Dülffer ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität zu Köln. Derzeit ist er Mitglied der Historikerkommission zur Erforschung der Frühgeschichte des Bundesnachrichtendienstes.

Franka Maubach / Christina Morina (Hg.), Das 20. Jahrhundert erzählen. Zeiterfahrung und Zeiterforschung im geteilten Deutschland, Wallstein-Verlag Göttingen 2016, 508 Seiten, 42 Euro.

Frank Bajohr / Anselm Doering-Manteuffel/Claudia Kemper / Detlef Siegfried (Hg.), Mehr als eine Erzählung. Zeitgeschichtliche Perspektiven auf die Bundesrepublik, Wallstein-Verlag Göttingen 2016, 406 Seite, 39,90 Euro.

Thomas Lindenberger / Martin Sabrow (Hg.), German Zeitgeschichte. Konturen eines Forschungsfeldes. Wallstein-Verlag Göttingen 2016, 312 Seiten, 34,90 Euro.