Günther Oettinger entschuldigte sich für seine Trauerrede auf Hans Filbinger - und kommentierte erneut SA-Mitgliedschaft, Geisteshaltung und Juristen-Vergangenheit des Verstorbenen. sueddeutsche.de fragte nach, was von Oettingers neuen Aussagen zu halten ist.
Günther Oettinger äußerte sich in einem Interview mit der Bild-Zeitung abermals zur Causa Filbinger. Die renommierten Historiker Wolfram Wette und Manfred Messerschmidt nehmen zu einigen dieser Aussagen Stellung.
Freiwilliger Eintritt: Filbingers Aufnahmeantrag für die Aufnahme in die NSDAP im Bundesarchiv (© Foto: ddp)
Anzeige
Oettinger zur SA-Mitgliedschaft Hans Filbingers: "In der SA waren viele Anhänger, aber auch viele Menschen, die nicht die Kraft zum Widerstand hatten."
In die Sturmabteilung, kurz SA, kam man nicht automatisch, sondern durch einen Aufnahmeantrag. Der Militärhistoriker Manfred Messerschmidt beschreibt zwei Wege in die SA: Mitglied konnte man freiwillig werden, indem man sich meldete. Die andere Variante war der SA-Wehrsport. Ganze Sportorganisationen wurden "geschlossen" von der SA übernommen. Ob sich einzelne Mitglieder unfreiwillig bei den Braunhemden wiederfanden, ist im Einzelfall schwer nachprüfbar, sagt Messerschmidt.
Filbinger war offenbar nicht Mitglied in einer Sportorganisation - wohl aber zeitweise im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB) und dem Historiker Wolfram Wette zufolge ab Mai 1937 in der NSDAP.
Oettinger über Filbingers Geisteshaltung: "[Er war] ein zutiefst christlicher und konservativer Mensch mit einer belegbaren inneren Distanz zum NS-Regime.
Wolfram Wette sagt zu dieser Aussage: "Tatsächlich kann man das nicht belegen. Belegen kann man aber ganz andere Dinge: die Mitgliedschaften in NSDStB, SA und NSDAP." Als Soldat und Marinerichter sei Hans Filbinger ein "Funktionierer" gewesen, kurzum: ein "ehrgeiziger Karrieremann".
Nach Filbingers Sturz 1978 sann er darauf, sich und sein Lebenswerk zu rehabilitieren. "Wohl aus diesem Grunde gründete er das Studienzentrum Weikersheim", sagt Wette. Dort habe er Leute vom rechten Rand der CDU und noch weiterer rechts versammelt, damit sie zur "geistig-moralischen Erneuerung" (Filbinger) beitragen. "Er hat nie begriffen, dass er selbst Ursache seines Rücktrittes war."
Oettinger zu Filbingers Rolle beim Todesurteil gegen den Deserteur Walter Gröger: "Selbst der Verteidiger von Gröger hat später bestätigt, dass Filbinger keinen Spielraum hatte."
Zu Filbingers Handlungsspielraum "Filbinger hatte durchaus Handlungsspielraum", sagt Messerschmidt. Es habe Fälle gegeben, wo Ankläger nicht den Anweisungen des übergeordneten Gerichtsherrn folgten - ohne später bestraft worden zu sein. Doch diese Courage hatte Filbinger nicht: "Dafür hätte man eine ganz andere psychische Struktur haben müssen als 'der Untertan' Filbinger", sagt Wette.
Zum Rechtsbeistand Grögers Der Name von Grögers Rechtsanwalt ist im Urteil nicht erwähnt. Vermutlich handelte es sich um keinen zivilen Rechtsbeistand, sondern um einen Soldaten. Historiker Messerschmidt sagt, dass es sich meistens um Offiziere handelte. Die hätten zumeist "mitfunktioniert" - im Sinne der Anklage.
Dass Oettinger den Verteidiger als Auskunftsperson heranziehe, sei abwegig, sagt Wette.
Nach dem Krieg waren laut Messerschmidt viele Beteiligte daran interessiert, die NS-Militärjustiz in nicht allzu schlechtem Licht erscheinen zu lassen.
Die Wehrmachtsdeserteure wurden erst 2002 vollständig rehabilitiert.
Manfred Messerschmidt ist Militärhistoriker, bis 1988 wirkte er am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg. 2005 erschien sein Buch "Die Wehrmachtjustiz 1933-1945".
Wolfram Wette lehrt Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Freiburg im Breisgau. Er gab 2006 das Buch "Filbinger. Eine deutsche Karriere" heraus.
(sueddeutsche.de)
Bundespräsident Gauck in Israel
Vorhergehender Kommentator sollte endlich - so wie wir alle - begreifen, dass sich sowohl
Oettinger als auch Claqueur Brunnhuber als Dampfplauderer und Sinnlosplapperer vor
aller Welt blamiert haben. Wenden Sie sich doch an Herrn Schönbohm (B.Brandenburg),
der wird Ihnen mit ziemlicher Sicherheit Recht geben.
Nach dem Hochhuth-Debakel sollte sich bei Lektüre der SZ nicht weiter der Eindruck verfestigen, dass der Zweck die Mittel heiligt. Vielleicht sollte die SZ bei Gelegenheit auch andere Historiker konsultieren, deren Beiträge nicht ganz so vorhersehbar sind angesichts ihrer Veröffentlichungen und Interpretationsansätze wie bei Wette oder Messerschmitt.
Ob die Herren Messerschmitt und Wette so ganz glücklich werden mit manch oben angeführten Äusserungen??
Nur als Fragestellung:
Waren deutsche Studenten ab einem gewissen Zeitpunkt nicht auch gleichgeschaltet und automatisch NSDStB-Mitglieder mit ihrer Immatrikulation ?? Gibt es Universitäten, in denen immatrikulierte Studenten über den NSDStB automatisch SA-Mitglieder wurden und zu "Semester-Arbeiten" bei der SA verpflichtet waren?? Oder galt dies sogar generell ( siehe Hugo Ott / Kölnische Rundschau 17.04)??
Gilt Messerschmitts generelle Einschätzung auch für das bekannte Gröger-Verfahren, bei dem Filbinger erst zu einem weit fortgeschrittenen Zeitpunkt ( in einer Art "Berufungsverfahren" - und das auch erst zur tatsächlichen Verhandlung) als Anklagevertreter hinzugezogen wurde?? Das Marinegericht ( pro Haftstrafe) vor Ort dürfte in dieser Phase kaum noch Spielraum gehabt haben, da der Gerichtsherr ( OKM / Dönitz) offensichtlich ein drakonisches Strafexempel durchsetzen wollte.
Der SZ wäre ein insgesamt differenzierterer Umgang mit der Materie zu empfehlen .. mehr in Richtung pro + contra. Dass man dem fast seit Jahrzehnten als Märchen bekannten Hochhuthschen Phantasieprodukt aufgesessen ist und sich die SZ der Verbreitung dieser Wanderlegende "schuldig" gemacht hat, vergesse ich der SZ so schnell nicht.
@fb 68
Verdienste: z.B.die geplante Andacht für Herrn Filbiger sollte aus folgendem Grund durchgeführt werden. Ursprünglich wollte Prälat Wolfgang Knauft in der Andacht an diesem Dienstag in der Sankt-Hedwigs-Kathedrale daran erinnern, dass Filbinger in seinem früheren Amt als NS-Marinerichter den Berliner Priester Karl Heinz Möbius vor der Vollstreckung eines Todesurteils bewahrt habe.
Ein anderes Bsp. wäre Guido Forstmaier, der behauptet, Fibinge habe ihm das Leben gerettet. Ist im übrigen auch nachzulesen, nur nicht bei vielen linksliberalen Zeitungen. Wäre ja auch doof, schließlich müsste man dann ein differenziertes Bild von Filbinger zeichnen.
Aber diese Informationen sind doch total irrelevant, wenn man mal als kritischer, unabhängiger Journalist die Chance, einem so verhassten Konservativen wie öttinger einmal so richtig einen mitzugeben. Vielleicht hat öttinger übertrieben, aus Filbinger einen überzeugten Gegner zu machen, aber man muss ötiinger noch lange kein "Fischen am rechten Rand vorwerfen oder aus ihm einen verkappten rechtskonservativen machen.
Und tut mir leid fb 68, ich hänge nicht irgendwelchen Weltverschwörungstheorien an, nur der Theorie , dass der Hang zum Meinungsjournalismus immer weiter zunimmt, dass zunehmend aus angeblich objektiven Artikeln einverkappter Kommentar wird, der die Gesinnung des Journalisten wiederspiegelt. Somit wird die Qualität des Journalismusses immer dürftiger, wenn man nicht mehr zwischen Artikeln und Kommentaren unterscheiden kann.
@freigeist: Wie sehen denn Filbingers Verdienste aus? Und welche Interessen haben "die linkspopulistischen Medien" Deiner Meinung nach? Weltverschwörung, ick hör Dir trapsen, wenn da mal nicht Mossad und CIA dahinterstecken...
@freigeist+tangozerouno: So viele "Verdienste" kann sich der ehemalige wie geschmiert funktioniert habende Marinerichter nach 45 gar nicht erworben haben, dass er seine Anpassereien und Verbrechen vor 45 wieder hätte wettmachen können. Der gute Mann setzte ja nicht nur das Todesurteil gegen Walter Gröger durch und beaufsichtigte es. Nein, er trat am 20. Mai 1937, unmittelbar nach dem zwischenzeitlichen Aufnahmestopp, mit dem die Partei sich vor allzuviel angepassten Karrieristen schützen wollte, in die NSDAP ein. Das zeigt: Der Opportunist und Karrierist hatte die ganze Zeit nur mit den Hufen gescharrt. Und nach 45 wusste er auch, in welche Partei er eintreten musste. Das sind mir Verdienste.
Gehört etwa Schönbohm nun auch den Braunen zugerechnet? Wenn ich das so lese, so passt er in das Schema der stark "gebräunten" Südwest-CDU unter Brunnhuber o.s.ä. ("er hat ein Tor aufgestoßen - er wird ein ganz Großer - er hat sein Meisterstück gemacht!!!")
Ralf Giardono (84) sagt im letzten Satz seines Interviews, dass Deutschland mit der Auf- arbeitung der NS-Zeit, jetzt nach 62 Jahren, noch immer nicht am Ende sei. Das stimmt. Ins-besondere, wenn man sich vergegenwärtigt, welche (braunen) Stimmen sich da melden.
Philipp Jenninger mußte damals gehen wie auch Filbinger.
Tatsächlich ist die Situation so, dass es hier in der Tat möglich gewesen wäre, eines Tages einen deutschen Kanzler oder Präsidenten Oettinger oder Gleichgesinnten zu bekommen.
Herr Oe. hat nun über den "Notausgang" die Rettung gesucht.
Paging