Historiker Josef Foschepoth im Gespräch "Deutschland wird Angriffsziel der US-Dienste bleiben"

Josef Foschepoth hat sich eingehend mit der US-Spionage in der Bundesrepublik befasst. Im SZ.de-Interview nennt der Geschichts-Professor die Aufregung der Regierung Merkel über die US-Spionage "unsinnig" und erklärt, was Berlin offensichtlich in Washington erreichen will.

Von Oliver Das Gupta

Josef Foschepoth, Jahrgang 1947, ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Freiburg. Der Historiker stellte in seinem 2012 erschienenen Buch "Überwachtes Deutschland" dar, wie die Westalliierten zur Zeit des Kalten Krieges Kommunikation in West-Deutschland kontrollierten. Foschepoth fand heraus, dass auch nach der deutschen Einheit noch viele Vereinbarungen von damals gelten.

SZ.de: Herr Foschepoth, der oberste Geheimdienstrepräsentant der USA soll Deutschland verlassen. Wie wichtig sind solche Leute für das Spionagegeschäft?

Josef Foschepoth: Sie sind als Schnittstelle zwischen eigener Regierung und fremder Regierung von großer Bedeutung - auf politischer Ebene. Vor allem Karrierediplomaten kommen auf solche Posten, die sich im Laufe ihres Werdegangs entsprechend spezialisiert haben. Ähnlich ist es in Deutschland: Vertrauensleute aus Kanzleramt und anderen Ministerien, aber auch den Geheimdiensten selbst übernehmen derartige Aufgaben in den Botschaften.

Das Verhältnis der deutschen und amerikanischen Dienste haben Sie als "symbiotisch" bezeichnet (hier mehr dazu). Warum spionieren die USA dann die deutschen Partner aus?

Die US-Strategie war stets eine doppelte: Die Bundesrepublik ist für die USA ein geostrategisch wichtiger Standort. Von hier aus können sie weltweit operieren - früher in Richtung Ostblockstaaten, heute in ganz Europa und in Richtung Afrika und Naher Osten. Auf dieser Ebene arbeiten Washington und Berlin eng zusammen. Die Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten und die der Bundesrepublik gelten weitgehend als Einheit. Das gehört inzwischen zur deutschen Staatsräson.

Und wie lautet der andere Teil der Strategie?

Die Überwachung der Bundesrepublik selbst. Der Schutz der Sicherheit der eigenen Truppen ist dabei die Legitimation jür jede geheimdienstliche Tätigkeit der USA in der Bundesrepublik. Über 35000 GI's sind noch in der Bundesrepublik stationiert. Deutschland ist somit - nach Afghanistan - der größte US-Stützpunkt außerhalb der USA. Die Amerikaner sind stets erpicht darauf, zu erfahren, was der Partner wirklich denkt. Sie wollen immer einen Schritt voraus sein, wie die ehemalige US-Außenministerin Condoleezza Rice einmal bekannte. Dabei hatte ihr die Spionage der NSA immer wichtige Dienste geleistet.

Die Überwachung der Deutschen durch US-Dienste gab es übrigens schon immer. In den beiden Nachkriegsjahrzehnten dominierte zunächst die politische Kontrolle. Später kamen die militärische und wirtschaftliche Spionage hinzu. Selbst vor der Überwachung der von ihnen selbst mit aufgebauten deutschen Geheimdiensten schreckten sie nicht zurück. Die deutschen Dienste hatten zunächst keinen guten Ruf. Sie galten als unzuverlässig und von Ost-Spionen durchsetzt. Darüber hinaus hielten die Amerikaner die deutschen Kollegen für unprofessionell und zu lasch.

Schließlich darf man nicht vergessen, dass die Bundesrepublik als Führungsmacht in Europa und aufgrund ihrer besonderen Beziehungen zu Russland und China zunehmend als Konkurrent für die Weltmacht USA angesehen wird.