20 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica "Wir fühlen mit euch"

Mirsada, Überlebende von Srebrenica mit ihrer Tochter Anela. Mirsada wurde zusammen mit ihrer halbjährigen Tochter aus Srebrenica deportiert, als die UN_Schutzzone im Juli 1995 fiel. Ihr Mann Nijazija überlebte nicht, er wurde ermordet. Beide waren Anfang zwanzig. Mirsada sah ihn zuletzt am 13. Juli 1995, gefangen von Truppen der bosnischen Serben. Inzwischen sind seine sterblichen Überreste in Potocari begraben. Mirsada hat 2001 noch einmal geheiratet und wurde wieder Mutter.

(Foto: Barbara Hartmann)

1995 massakrierte die Armee der bosnischen Serben in Srebrenica 8000 muslimische Männer. Heute wagen Frauen von beiden Seiten ein Stück Versöhnung.

Von Nadia Pantel

Es ist alles noch hier. Die Einschusslöcher der Exekutionen. Der Zaun, hinter dem sich die Männer, Frauen und Kinder drängten. Die stillgelegte Batteriefabrik, in der die Flüchtlinge Schutz suchten und in der die niederländischen UN-Soldaten ihre Verachtung an die Wand schmierten: "Keine Zähne? Schnurrbart? Riecht wie Scheiße? Ein bosnisches Mädchen."

Es gibt keinen Audioguide, der das Grauen ausbremst, keine Eintrittskarte, mit der man die Gewissheit kaufen könnte, dass alles schon lange vorbei ist. Das Einzige, das sich in Srebrenica heute konstant weiterentwickelt, ist der Friedhof in Potočari. Er wächst. Kurz vorm Ortseingang, gleich gegenüber der Batteriefabrik, reihen sich 6200 weiße Grabsteine aneinander, jedes Jahr kommen neue hinzu.

Als das Unvorstellbare passierte

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8000 Männer und Kinder sind im Juli 1995 in Srebrenica von der Armee der bosnischen Serben ermordet worden, ohne dass die völlig überforderte UN-Truppe aus den Niederlanden den Versuch gemacht hätte, die Opfer zu beschützen. Irgendwann sollen sie alle hier beerdigt sein. Nijazija Aljkanovic, 1968-1995, steht auf einem der Grabsteine. Diese kleine Marmorsäule ist der Grund, warum Mirsada jedes Jahr nach Srebrenica zurückkehrt. An den Ort, an dem mit 23 Jahren ihr erstes Leben aufhörte.

Als Leiche ihres Mannes beerdigt sie eine Handvoll Knochen

Das letzte Mal, als Mirsada ihren Mann sieht, steht er an der Straße, die heute zum Friedhof führt. Es ist der 14. Juli 1995. Nijazijas Hände sind auf dem Rücken zusammengebunden, neben ihm steht sein Bruder, vor ihm serbische Soldaten. Mirsada sitzt eingepfercht zwischen anderen Frauen in einem Bus, der sie ins sichere Tuzla, auf bosnisches Gebiet, bringen soll; auf ihrem Arm ihre sieben Monate alte Tochter. Nijazijas Kind. "Halt an!", schreit Mirsada den Busfahrer an.

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Sie sieht durchs Fenster, wie ein Soldat Nijazija einen Gewehrkolben ins Kreuz schlägt. Er geht zu Boden. Der Bus fährt weiter. Ein Jahr später werden Nijazijas Kleider gefunden. 2010 ein Splitter seines Schienbeins und ein Teil seiner Hüfte. Kurz darauf beerdigt Mirsada die Handvoll Mensch, die ihr die Forensiker als Leiche ihres Mannes übergeben.

Im Weltbild der Familie bleibt eine Frau, die ihren Mann verloren hat, immer Witwe

Juli 2015. Auf Mirsadas Terrasse in Tuzla liegen frisch gewaschene Teppiche zum Trocknen in der Sonne. Bald ist die Fastenzeit Ramadan vorbei, und ihr Haus soll sauber sein. Unter einem Birnbaum hat ihr neuer Mann Samir aus Steinen einen Tisch gebaut. Hier sitzt Mirsada in der gleichen Sommerhitze wie vor 20 Jahren. Auf dem Tisch Kaffee, Saft, schmelzende Schokoladenkekse und eine blaue Plastiktüte mit Fotos von Nijazija.

Als Mirsada von ihrem ersten Mann erzählt, geht Samir Rasen mähen. "Dann ist es einfacher für sie", sagt er später, als sie neuen Kaffee holt. Vielleicht ist es auch einfacher für ihn. Samir ist der Grund, warum Mirsada ihren Nachnamen nicht nennen will. Seine Familie will von ihrem alten Leben nichts hören. Und Mirsadas Familie nichts von einem Neubeginn. In ihrem Weltbild bleibt eine Frau, die ihren Mann verliert, bis zu ihrem eigenen Tod Witwe.

"Aber ich war doch jung. Ich wollte geliebt werden." Mirsada hat ihre schwarzen Haare hochgebunden, silberne Kreolen in die Ohrläppchen gesteckt und einen Jeansrock zum türkisen Oberteil angezogen. Wenn man ihr sagt, dass das schön aussieht, strahlt sie. Zwischen Keks und Kaffee vibriert ihr Handy. Mirsada tippt und wischt, dann zeigt sie das Display, auf dem ein Strichmännchen ein riesiges Herz umarmt. "Aus Srebrenica", sagt Mirsada, "von Dubravka".

Zwölf Frauen aus Srebrenica, teils bosnisch, teils serbisch, treffen sich regelmäßig

Mirsada, Dubravka, Svetlana, Selma, Nadzija, Almasa, Vojka, Jasminka, Amela, Liljana, Timka und Dada: zwölf Frauen aus Srebrenica. Sieben bosnische Muslimas und fünf serbische Christinnen. Die serbischen Frauen blieben in Srebrenica, in der Republika Srpska, die muslimischen Frauen wohnen seit dem Massaker von 1995 in Tuzla, im mehrheitlich muslimischen Teil des heutigen Bosnien-Herzegowina. Die gemeinsame jugoslawische Welt gibt es nicht mehr.

Zwölf ehemalige Nachbarinnen, zwischen denen heute zwei Stunden Autofahrt und die Frage liegen, wer schuld daran ist, dass der Hälfte von ihnen die Männer fehlen; die Väter, die Söhne, die Cousins. Ob sie sich dennoch regelmäßig treffen wollten, fragte vor 16 Jahren der bosnische Verein Prijateljice, Freundinnen. Sie wollten. Sie nennen sich "Kontaktgruppe", es gibt nur Vornamen. Eine der Frauen hat vor Gericht die serbischen Mörder ihres Mannes identifiziert. Die Witwe will ihre Kinder schützen und anonym bleiben.

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Sie weiß noch genau, wie sie das erste Mal den anderen Frauen erzählen wollte, wie ihr Leben weiterging, sagt Mirsada. "Ich konnte nur zwei Sätze sagen: Ich heiße Mirsada. Ich habe in Srebrenica meinen Mann verloren." Dann versagte ihr die Stimme. Es brauchte Monate, bis sie das erste Mal beschreiben konnte, wie sie 1995 alleine mit ihrem Baby zum UN-Stützpunkt lief, um sich in Sicherheit zu bringen. Wie sie dort zwei Tage lang in einem Keller wartete, in dem hüfthoch brackiges Wasser stand; wie sie ihr Baby auf den hohen Autoreifen eines Lasters legte, damit es schlafen konnte. Wie sie schließlich in einen Bus verfrachtet und nach Tuzla gefahren wurde.

Die Blauhelme hatten die "Schutzzone" ohne Gegenwehr an den bosnisch-serbischen General Ratko Mladić übergeben. Zwei Tage später hatte Mirsadas Baby keinen Vater mehr. Heute ist das Baby von damals eine junge, stille Frau, die sagt: "Der Juli ist immer ein trauriger Monat, das ist nun mal so."