Erster Weltkrieg Blutpumpe, Knochenmühle, Hölle - Verdun hat viele Namen

Verdun. Ein Städtchen an der Maas, umringt von Festungsanlagen und Bunkern, von Hügeln, Wäldern und Schluchten, die gespenstische Namen tragen: Toter Mann, Kalte Erde, Falsche Rippe, Wolfsgrund, Todesschlucht. Seit Februar 1916 frisst die Schlacht um Verdun deutsche und französische Regimenter. Zehntausende sterben in den Trichterfeldern, Kompanien gehen mit 200 frischen Männern ins Gefecht und kehren mit 20 zitternden Überlebenden zurück. Blutpumpe, so wird Verdun genannt, Knochenmühle, Hölle.

Am östlichen Maas-Ufer, zwischen den Festungen Douaumont und Vaux liegt der Caillette-Wald, eine von Schluchten eingefasste Anhöhe. La Caillette - das ist der Labmagen einer Kuh. Bäume stehen hier im Sommer 1916 nicht mehr. Die Erde ist zerwühlt vom Trommelfeuer. Bis heute ist der Boden dort durch diese Gewalt geformt, er ist bucklig, als habe er gebrodelt und sei dann erstarrt. Diese verheerte Kuppe, auf der sich die Franzosen festgekrallt haben, soll das Regiment von Haas erobern.

Schon der Marsch an die Front, geschildert in der 1939 erschienenen Regimentsgeschichte, ist furchtbar. Die Soldaten stolpern durch das zerpflügte Gelände. Überall liegen Tote. Am 29. Mai rücken die Männer nachts in ihre Stellungen im Caillette-Wald und der nordöstlich gelegenen Kasematten-Schlucht ein. Statt Pickelhauben tragen sie zum ersten Mal die neuen Stahlhelme. Am 1. Juni sollen sie angreifen.

"Blut muss fließen, viel Blut"

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"Es wird nun Ernst", schreibt Haas

Der Tag vor dem Sturm muss grauenvoll gewesen sein. Haas schreibt seinen vorletzten Brief: "Vor Verdun. 31. Mai 1916. Meine lieben guten alten Eltern! Hier ist Krieg, Krieg in seiner allerschrecklichsten Form - und Gottesnähe in höchster Spannung."

Die 12. Kompanie des Regiments, zu der Haas gehört, liegt als Teil der Reserve in der Kasematten-Schlucht. Vier- bis fünftausend Mann drängen sich in dem kleinen Tal zusammen. Am Südhang sieht man noch die Reste der elenden Deckungslöcher, in denen die Soldaten Schutz gesucht haben. Es regnet, viele Männer leiden an Durchfall, es gibt kaum Essen. Die Leichen, die allerorts verrotten, verderben den Soldaten ohnehin den Hunger. "Es wird nun Ernst", schreibt Haas.

Während er diese Zeilen schreibt, werden um ihn herum Dutzende Kameraden getötet und verwundet. Die französische Artillerie feuert heftig. Noch schlimmer ist: Die Rohre einiger deutscher Geschütze sind so ausgeleiert, dass ihre Granaten in die Kasematten-Schlucht streuen und zwischen den eigenen Truppen explodieren. Den ganzen Tag geht das so, die Männer sind verzweifelt. Haas hockt in dem grausigen Gewühl, bereit zu sterben. "O, ich denke viel ans Jenseits, mit Freude", schreibt er. "Vor dem Gericht bangt mir nicht. Es muss doch schön sein, Gott zu schauen."