Mehr als 100 Ausländer sind in den vergangenen Monaten im Irak von Extremisten als Geiseln genommen worden. Doch auch wenn die Entführer meistens mit dem Stichwort "Islamisten" bezeichnet werden - eine einheitliche Gruppe sind sie nicht.
Welch unterschiedliche Ziele und Methoden die Extremistengruppen haben und wie uneinig sie untereinander sind, zeigen etwa die Entführungen des britischen Reporters James Branson und des amerikanischen Journalisten Micah Garen. Im August wurde sie als Geiseln genommen, um die US-Armee zum sofortigen Abzug aus der umkämpften Schiitenstadt Nadschaf zu zwingen.
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Der radikale Schiitenführer Moktada al-Sadr sah diese Forderung jedoch nicht im mindesten als Schützenhilfe, sondern sorgte für die Freilassung der beiden Gefangenen. Sein Sprecher verurteilte die Entführung, sie sei "nicht dem Islam gemäß", Journalisten seien Brüder und Freunde.
Druck auf ausländische Regierungen
Häufig versuchen die Terroristen mit den Geiselnahmen politischen Druck auf ausländische Regierungen auszuüben, die Soldaten im Irak stationiert haben. Besonders Italien, das mit 3000 Soldaten das drittgrößte Truppenkontingent stellt, ist von Erpressungsversuchen betroffen.
Der 35-jährige Italiener Fabrizio Quattrocchi wurde im April erschossen, nachdem sich die Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi geweigert hatte, ihre Soldaten abzuziehen. Ende August wurde der 56-jährige italienische Journalist Enzo Baldoni entführt und ermordet. Zurzeit sind zwei italienische Angehörige einer Hilfsorganisation in den Händen von Islamisten.
Geiseln bezahlen mit ihrem Leben
Auch Staaten wie Bulgarien und Südkorea blieben hart - die jeweiligen Geiseln bezahlten die Konsequenz ihrer Heimatländer mit dem Leben. Im Juni enthaupteten Extremisten den 33-jährigen Südkoreaner Kim Sun Il. Seine Mörder, die sich selbst als Gefolgsleute des weltweit gesuchten Terroristen Abu Mussab al-Zarqawi ausgaben, wollten mit der Entführung die Entsendung südkoreanischer Soldaten in den Irak stoppen.
Andere Staaten erwiesen sich als erpressbar: Die Philippinen zogen ihre 51 Soldaten vorzeitig aus dem Irak ab, einen Tag später war der als Geisel festgehaltene philippinische Lastwagenfahrer Angelo de la Cruz frei. Die Entführer hatten mit seiner Enthauptung gedroht.
Vertreibung von Firmen
Einige Extremisten nehmen Geiseln, um ausländische Firmen aus dem Land zu treiben - häufig mit Erfolg. So gab im Juli ein saudiarabisches Unternehmen den Forderungen der Entführer nach und stellte seine Geschäft im Irak ein; der als Geisel genommene ägyptische Mitarbeiter Alsajeid Mohammed Alsajeid Algarabawi kam frei.
Eine kuwaitische Transportfirma kündigte ihren Rückzug an, um das Leben ihrer sieben entführten Lastwagenfahrer zu retten. Und nach Morddrohungen gegen zwei türkische Geiseln zogen deren Arbeitgeber ihre übrigen Mitarbeiter aus dem Irak ab.
Rache als Motiv
Andere Kidnapper stellen gar keine Forderungen, ihr Motiv ist vor allem Rache. Das war etwa bei der Enthauptung des amerikanischen Geschäftsmanns Nicholas Berg der Fall, die weltweit Entsetzen ausgelöst hatte. Mit der Tat wollten die Terroristen nach eigenen Angaben Vergeltung für die Misshandlung irakischer Gefangener durch US-Soldaten üben.
Aus Rache handelten auch die Mörder der zwölf entführten Nepalesen, die für eine jordanische Firma gearbeitet hatten. Die Geiselnehmer hatten ihnen vorgeworfen, das amerikanische Militär unterstützt zu haben. Zu der Tat bekannte sich die Gruppe Ansar el Sunna mit den Worten: "Wir haben Gottes Urteil an zwölf Nepalesen vollstreckt."
Und mit der Ermordung der Geisel, die in dem Tötungsvideo als der am 9. April entführte US-Soldat Keith Maupin vorgestellt wird, wollten die Extremisten ihre "Märtyrer im Irak, Algerien und Saudi-Arabien" rächen.
Trittbrettfahrer nutzen chaotische Lage
Das Chaos begünstigt offenbar auch Trittbrettfahrer. So gibt es erhebliche Zweifel an der Echtheit eines Bekennerschreibens zur Geiselnahme der der Italienerinnen Simona Torretta und Simona Pari. Es wurde unter dem Namen "Mitglied der Ansar el Sawahiri" ins Netz gestellt und enthält Drohungen gegen Italien. Bislang sind keine Forderungen der Geiselnehmer bekannt.
Auch die Lösegeldforderung für die beiden gekidnappten französischen Journalisten Georges Malbrunot und Christian Chesnot wurde von der Gruppe "Islamische Armee im Irak", die als ihre Entführer gelten, als Fälschung bezeichnet. Zunächst hatten die Geiselnehmer nach einem Bericht des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira gefordert, Frankreich solle sein Kopftuchverbot an Schulen zurücknehmen.
Handel mit den Geiseln
Mittlerweile scheint sich sogar eine Art Handel mit den ausländischen Geiseln entwickelt zu haben. Die arabische Zeitung Al-Hayat berichtet, im Irak hätten sich Allianzen zwischen einigen Stämmen und selbst ernannten "Gotteskriegern" gebildet, die auch bei Geiselnahmen eine wichtige Rolle spielten.
Einige Terrorgruppen "kauften" ihre Geiseln von den ursprünglichen Entführern. Dies erkläre auch, weshalb Geiseln, die in anderen Regionen des Irak entführt worden seien, später in der westlich von Bagdad gelegenen Region um Falludscha und Ramadi wieder auftauchten.
Entführungen von Einheimischen
Während über die Entführungen und Hinrichtungen von Ausländern im Irak in den internationalen Medien ausführlich berichtet wird, bleibt das Schicksal irakischer Geiseln meist unbeachtet. Schätzungen zufolge wurden in den vergangenen Monaten hunderte Einheimische verschleppt.
Diese Verbrechen gehen jedoch nicht auf das Konto islamistischer Extremisten, sind also nicht politisch motiviert. Dahinter stecken vielmehr bewaffnete Banden, die versuchen, aus den Entführungen Profit zu schlagen.
Bekannt wurde der Fall des 14-jährigen Naufel Adel Hadschwel, der auf dem Schulweg gekidnappt wurde. Erst als die Familie ein Lösegeld von 6000 Dollar zahlte, kam er wieder frei.
(Sandra Müller/sueddeutsche.de/AP/dpa/AFP)
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