Sicherlich lässt sich das Waterloo der hessischen SPD nicht nur an der Persönlichkeitsstörung eines Politikers festmachen. Der Widerstand in der Landes-SPD gegen ein Kooperieren mit der Linkspartei war offensichtlich viel größer, als dies Ypsilanti wahrhaben wollte. Diesen Widerstand hat sie auch selbst gesät durch ihr falsches Wahlkampfversprechen, mit der Linkspartei nicht zusammenzuarbeiten.
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Sie hat vergeblich versucht, es wieder gutzumachen: Nach ihrem verstolperten ersten Anlauf zum Machtwechsel hat sie den zweiten Anlauf mit Beharrlichkeit und Akribie vorbereitet. Sie hat Regionalkonferenzen abgehalten, Abstimmung um Abstimmung in ihrer Partei veranstaltet. Sie hat versucht, Skeptiker in ihrer Partei zu gewinnen, und die Skeptiker haben sie im Glauben gelassen, das sei ihr gelungen.
Muss man Ypsilanti Machtbesessenheit vorwerfen? Hätte sie den Machtwechsel nicht versucht, wäre ihr Machtvergessenheit vorgeworfen worden. Man kann ihr Blauäugigkeit vorhalten. Aber sie musste nicht damit rechnen, dass drei Abgeordnete ihr Gewissen erst in letzter Minute entdecken - und dann die Folgen dieser Entdeckung für die gesamte SPD in rührender Naivität bedauern.
Nicht nur die SPD in Hessen verbrennt
Dagmar Metzger hatte ihr "Nein" vor Monaten kundgetan. Die Abgeordneten Carmen Everts und Silke Tesch taten es jetzt, sehr spät, erst nachdem sie die eigene Partei und die grüne Partei durch Schweigen und Mittun in eine Sackgasse gelockt hatten.
Es war geschickt, dass die drei Spät-Dissidenten bekannt haben, früher nicht den Mut zum "Nein" gehabt zu haben. Sie haben damit Sympathien für sich geerntet, aber ihrer (bisherigen?) Partei einen Tort angetan und Ypsilanti politisch exekutiert. Selten ist ein Politiker für ein gebrochenes Wahlversprechen so tückisch bestraft worden. Der Linkspartei wird das Hessen-Desaster nicht schaden, der SPD gewaltig.
Jürgen Walter ist ein kleiner Nero der SPD. Ein knapper Wahlausgang gab ihm Zündhölzer in die Hand. Er hat seine Partei angezündet und der CDU neue Lichter aufgesteckt. Das Wahlunglück Roland Kochs hat sich so in Glück verwandelt. Aus einem Wahlverlierer ist ein Zufallsministerpräsident geworden. Und wenn es Neuwahlen in Hessen geben sollte, werden diese die hessische CDU neu vergolden.
Der SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier kriegt dann, drei Monate vor der Bundestagswahl, ein großes Problem. Das Scheitern von Ypsilanti ist daher auch ein Schlag für die Ambitionen von Steinmeier und Franz Müntefering. Es verbrennt nicht nur die SPD in Hessen. Sie kokelt auch im Bund.
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(SZ vom 04.11.2008/segi)
Bilder des Tages
Daß die Wahl von Frau Y. zur MP auch negativ ausgehen könnte - so nach dem Muster von Schleswig-Holstein - und sie genauso elegant wie Heide Simonis scheitern könnte - damit hat man immer gerechnet (die GRÜNEN wollten z.B. zwecks Vermeidung von Imageschäden nur 1 Wahlgang stattfinden lassen ).. . Es stimmt also nicht, wenn H.Prantl meint, daß Frau Y. nicht "damit rechnen mußte, dass drei Abgeordnete ihr Gewissen erst in letzter Minute entdecken". Gegen die berühmten Heckenschützen ist ein zu Wählender immer machtlos ist (Beispiel Barzel beim Mißtrauensvotum gegen Brand oder Heide Simonis bei ihrer Wahl zur MP). Womit man nicht rechnen können mußte war, daß die Abweichler so anständig waren und ihren Dissens öffentlich kund taten.
Via Pressekonferenz und noch dazu 5 Minuten vor zwölf, was natürlich eine öffentliche Hinrichtung von Frau Y war und die Zerrissenheit und Unstimmigkeit der SPD aufzeigte und auch jedem klar machte, daß die Leute, die in der SPD das Sagen haben, alles Linksaußen sind. Vor der LT-Wahl sah so das nicht so aus. Da war die SPD noch eine ausgewogene Partei - in der Außendarstellung.
Es war für Frau Y. klar, daß sie die Sache durchziehen mußte, weil sie bei Neuwahlen keine Chance für eine Mehrheit mehr hat. Die Mehrheit der Hessen lehnt eine rot-rot-grüne Landesregierung ab. Frau Y. mußte, um MP zu werden, die Sache durchziehen. Augen zu vor der Wählertäuschung und durch.
Wenn man Frau Y. einen Vorwurf machen kann und muß, dann den, daß sie für ein Scheitern keinen Plan B hatte und auch nicht den Schaden abwog, der sich einstellen mußte: Die Landes-SPD im Keller, Bunde-SPD in Schwulitäten wegen Glaubwürdigkeit: es hat ja niem,and Frau Y. eingebremst
Der Humanist Herrn Prantl kennt sicherlich den Spruch der alten Römer :" quidquid agis, prudenter ages et respice finem". Was Du auch tust, handele klug und bedenke das Ende. Er hätte gut daran getan, diesen Spruch auf die Beurteilung von Frau Y. anzuwenden. Die Außenansicht des SPD-Mannes Bölling (s. anderer Arteikel) ist dagegen richtig wohltuend. .
Ich kann Herrn Prantl in seiner Analyse nur zustimmen.Da wir in Wiesbaden sozusagen direkt vor Ort des Geschehens sind und sowohl den unmöglichen Wahlkampf von Roland koch,für den man sich schämen musste,als auch den weiterenAblauf der Dinge hautnah miterleben mussten,bin ich sehr froh,dass sich wenigstens eine Zeitungsich um eine ausgewogene Bericterstattung bemüht.Ich möchte mich an dieser Stelle ausdrücklich dafür bedanken.Den Artikel"Kehrtwende in letzter Minute"finde ich auch sehr gut.Er macht deutlich,dass die Gewissensgründe der Abweichler nicht stichhaltig sind und dass Herr Walter,wäre er Wirtschaftsminister geworden,sein Gewissen getrost vergessen hätte.
Also, wenn hier schon Exkurse in die Psychopathologie versucht werden, dann doch bitte unter Würdigung aller Beteiligten. Politiker gelten gemeinhin als Grenzgänger zwischen Wahrheit und Lüge und benötigen mehr als nur Grundkenntnisse aus dem artverwandten Bereich der Schauspielkunst. Wenn jedoch die Grenze zwischen Realität und Theater verschwimmt, beschäftigt sich damit die Psychiatrie. Bei der histrionischen Persönlichkeitsstörung (Histrionen, lat. für Schauspieler) wird die Neigung von Menschen zur dramatischen Selbstdarstellung, theatralischem Auftreten, die ständige Suche nach aufregenden Erlebnissen und Aktivitäten, in denen die Betreffenden im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, zur pathologischen Entgleisung (Internationale Klassifikation psychischer Störungen ICD-10, F60.4). Die betroffenen Menschen sind meist ungemein charmant, ja verführerisch und legen ein andauerndes manipulatives Verhalten an den Tag, das das klinische Bild für die Psychiatrie komplettiert. Wenn Sie jetzt an Andrea Ypsilanti denken, auch wenn der Gedanke -zugegeben- ungemein reizvoll ist, honi soit qui mal y pense. Nach meinem Dafürhalten hat sich im hessischen Landtag, nicht nur in der SPD-Fraktion, aber dort massiv, ein Völkchen zusammen gefunden, das es an Neurotizismus durchaus mit dem Klientel einer psychiatrischen Akutstation aufnehmen kann. Ich hoffe, daß die hessischen Wähler dies zur Kenntnis nehmen und nicht nur Ypsilanti und ihren Alibi-Kandidaten Schäfer- Gümbel, sondern auch die Kochs und Hahns und wie sie alle heissen mögen, abstrafen werden. Wie das geht? Keine Ahnung. Ich vertraue auf die Kreativität der Wählerinnen und Wähler. Übrigens, die "ganz Roten" haben sich in dem ganzen Theater aus meiner Sicht noch am vernünftigsten benommen.
möchte noch hinzufügen, dass die o.a. narzißtische Kränkung bei Herrn Walter eine sehr gute Interpretation ist....die Psychoanalyse spricht in solch einem Fall von secundär narz.Kränkung....das Zurückgesetztwerden, nicht der 1.sein zu können...solche Typen können zur Bestie werden...es fehlt ihnen an jeder emotionalen Intelligenz...like Mr. Walter..wie mir scheint
So wenig, wie es sich gehört, Ypsilanti so massiv anzugreifen, wie es viele Journalisten getan haben, so wenig gehörte es sich auch, die eigene Redaktion öffentlich anzugreifen. Diese Debatte führt man in der Redaktion; nach außen veröffentlicht man seine eigene Meinung - als Kontrast zu dem, was die Anderen schreiben. So praktiziert es die SZ ja auch in der Regel. Die direkte Kritik an Jakobs, Hickmann, Denkler und Co. muss dann schon die Leserschaft leisten.
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