Von Bernd Oswald, Frankfurt

Die hessische SPD gibt sich zum Wahlkampfabschluss kämpferisch. Intern richten die Genossen und ihr Spitzenkandidat Schäfer-Gümbel den Blick schon weit nach vorn.

Wahlkampf im Winter ist eine undankbare Aufgabe: Als die Jusos am Samstagnachmittag vor der Frankfurter Hauptwache für die SPD werben, geht mit einem Mal prasselnder Regen nieder, der an Hagel erinnert. Gespräche werden abgebrochen, Jusos und Passanten suchen Unterstand.

Bild vergrößern

Hessen wählt: Wahlplakat von Thorsten Schäfer-Gümbel (© Foto: AP)

Anzeige

Die eisigen Temperaturen haben die SPD dazu veranlasst, ihre Abschlusskundgebung drinnen abzuhalten: im Casino der Stadtwerke. Etwa 250 Stühle sind aufgestellt, unter freiem Himmel erreicht man sicher mehr Leute - aber was will man bei diesen Temperaturen sonst machen?

Es stellt sich aber auch die Frage: Was will die hessische SPD bei diesen Wahlen noch machen? Jede Umfrage sagt den Sozialdemokraten eine krachende Niederlage voraus; um die 25 Prozent werden prognostiziert, es wäre das schlechteste Ergebnis aller Zeiten für die SPD Hessen.

Natürlich geben sich die Spitzenleute bewusst kämpferisch. Andrea Ypsilanti etwa, die Landes- und Fraktionsvorsitzende. In ihrem Grußwort auf der Abschlusskundgebung lobt sie den Spitzenkandidaten ihrer Partei: Thorsten Schäfer-Gümbel habe unter schwierigen Bedingungen einen hervorragenden Wahlkampf gemacht: "Er hat tolle Werte, er holt auf und in zwei Wochen hätte er Koch überholt".

Hätte. Wäre. Wenn Andrea Ypsilanti im vergangenen Jahr nicht entgegen ihrer Ankündigung gleich zweimal die Wahl zur Ministerpräsidentin mit Hilfe der Linken angestrebt hätte, dann sähe einiges anders aus. Dann würde sie auf der Abschlusskundgebung ihrer Partei nicht nur das Grußwort sprechen dürfen. Dann wäre sie wieder Spitzenkandidatin. Und dann stünden in ihrem Wahlkreis keine Ypsilanti-Plakate, auf denen blaue Aufkleber mit der Aufschrift "Rückgrat gegen Wortbruch" über ihr linkes Auge und ihren Mund geklebt sind.

Dieser Wortbruch überlagert den kompletten Wahlkampf. Da mag die SPD für kleinere Schulklassen kämpfen, für den Mindestlohn, für mehr Polizisten und für ein Nachtflugverbot am Frankfurter Flughafen. Mit den Themen, mit denen sie vor Jahresfrist immerhin 36,7 Prozent der Stimmen eingefahren hat.

"Wir haben Fehler gemacht"

Dieses Mal wird das nicht viel nützen. Die SPD hat ein massives Glaubwürdigkeitsproblem, das einige Prozentpunkte kosten wird - zu viele jedenfalls, um ans Regieren denken zu können. Das weiß die Parteispitze, das wissen die Wahlkämpfer: "SPD - sturmerprobt seit 1863", steht auf den neonroten Buttons der Jusos von der Hauptwache. Das Wahlergebnis vom 18. Januar 2009 wird ein starker Sturm für die SPD in Hessen werden.

Der Spitzenkandidat streift das Thema in seiner letzten großen Wahlkampf-Rede nur am Rande: "Sie können uns für die letzten zwölf Monate abstrafen und sagen: 'Ihr habt Fehler gemacht'. Ja, wir haben Fehler gemacht", gesteht Schäfer-Gümbel ein, um sofort zur Kehrtwende anzusetzen: "Wir reden nicht über die letzten zwölf Monate, wir reden über die nächsten fünf Jahre". Was seinen Landesverband betrifft, so stehen die Chancen gut, dass es seine Jahre werden. Es gilt als ausgemachte Sache, dass Schäfer-Gümbel als Dank dafür, dass er dieses Himmelfahrtskommando angetreten hat, Partei- und Fraktionsvorsitz übertragen bekommt.

"Klare Worte und Humor"

Kein geringerer als SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier fasst das wenig verklausuliert in Worte: "Thorsten, vor Deiner Leistung habe ich allergrößten Respekt. Du hast mutig in einer Zeit Verantwortung übernommen, wo das nicht jeder erwarten konnte", lobt er den 39-Jährigen auf der Abschlusskundgebung. Und weiter: TSG sei das Gesicht einer neuen Generation der SPD in Hessen, "mit Freude, Kompetenz, klaren Worten und auch mit Humor." An dieser Stelle seiner Rede erntet Steinmeier den meisten Applaus.

In der Tat scheint Schäfer-Gümbel, der Mann, en sie "TSG" nennen, nicht die schlechteste Wahl für den Neuaufbau der SPD in Hessen zu sein. Als Redner gibt er eine gute Figur ab, wie sich im Stadtwerke-Casino zeigt: Er redet klar und flüssig, fast schnell, aber immer gut vernehmbar.

Wenn er vom sozialen Aufstieg durch Bildungspolitik spricht, dann auch authentisch: Er erzählt, dass er in einer 75 Quadratmeter großen Sozialwohnung aufwuchs, zusammen mit drei Geschwistern. Weil die Realschul-Lehrer sagten, er könne mehr, durfte er aufs Gymnasium. Sein Vater sagte damals: "Wenn Du jetzt aufs Gymnasium gehst, dann wird das durchgezogen, Deine Geschwister bekommen diese Chance nicht mehr."

Wenn sein Wahlergebnis nicht zu desaströs ausfällt - Schäfer-Gümbel hat sich selbst eine nicht bezifferte Schmerzgrenze gesetzt - wird er das Ruder in der Hessen-SPD übernehmen, Entweder noch am Wahlabend oder spätestens am Tag danach, Andrea Ypsilantis Rücktritt von beiden Ämtern gilt als ausgemacht.

Der Blick ist schon jetzt nach vorn gerichtet: "Wir müssen niemanden mehr aufbauen für 2014", sagt der Juso vom Wahlkampfstand. Dann könnte Thorsten Schäfer-Gümbel eine Chance bekommen, bei der er wirklich eine Chance hat.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: Die Pflicht zur Kür

Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...

(sueddeutsche.de/lala)