Vier Abweichler durchkreuzten einst die Pläne der hessischen SPD-Politikerin Ypsilanti. Dem Journalisten Volker Zastrow gelingt es, mit seinem Buch "Die Vier" ins Innere des Geschehens vorzudringen. Literaturkritische Anmerkungen
So beschreibt ein Autor der mittleren Generation einen Frankfurter SPD-Politiker: Gernot Grumbach, "verkörperte mit seinem löwensenfbraunen Sakko über schwarzen Rollkragenpullovern aus untergegangenen Perlonarten und einem Gesichtsausdruck wie Löschpapier die Unsterblichkeit des sozialdemokratischen Nebenbeamtentums.
Die vier SPD-Rebellen: Dagmar Metzger, Jürgen Walter, Silke Tesch und Carmen Everts (von links) (© Foto: dpa)
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Aufgesetzt langsam gehend, schob er sich bei Parteiveranstaltungen sacht durch die Reihen, auf den leisen, weichen Sohlen seiner riesigen Mokassins, des einzigen Accessoires, das ihn noch mit Karl May zu verbinden schien". Kurz vorher hat der Leser erfahren, Grumbach habe über das Spätwerk Karl Mays promoviert.
140 Seiten später wird er in das Heim jenes Grumbach geführt: "Gernot Grumbach lebte in einer schönen Altbauwohnung in Frankfurts großbürgerlichem Westend, in der Beletage, gleich hinter den Bankentürmen. Vor dem Fenster standen zwei alte Ledersessel, und ringsumher an den dreieinhalb Meter hohen Wänden, selbst unter dem Fenstersims, gab es Regale voller Bücher.
Ganz oben die nachtblauen Marx-Engels-Werke. Dann Krimis von Jeffrey Deaver, politische, sozialwissenschaftliche, philosophische Literatur. Dazwischen eine Musikanlage mit einem silbernen Tonbandgerät, das einmal das Feinste vom Feinen gewesen war, dazu Kassetten, CDs.
In einer Anrichte warteten erlesene Scotch-Flaschen auf Zuspruch. Auch ein lebensgroßer Löwe stand im Raum, mit dem Steiff-Knopf im Ohr: Den hatte Grumbach sich aus einem Impuls heraus einmal zu Weihnachten geschenkt."
Grumbach "war links, gewiss, aber liebte den bürgerlichen Lebenszuschnitt, den Bildungsroman, das Feuilleton". Er und seine Freunde "hatten den Geist der späten sechziger, frühen siebziger Jahre, damals noch saftig perlend und frisch, in sich aufgenommen und bewahrt; Grumbachs Wohnung war wie ein Museum dieser Ideale.
Der Geist der Bewegung war, in unzähligen heißen Frankfurter Sommern und gut beheizten Frankfurter Wintern, in den vielen Büchern zu Futtergebirgen für Staubmilben getrocknet.
Grumbach lebte mittendrin, in seiner Welt, einer politischen Welt. Die er durchschaute, plante, projektierte. Es war eine weite Welt, die in seinen Regalen, seinen Büchern steckte, über deren Seiten winzige Milben krabbelten wie blasse Punkte."
Der Schriftsteller, der das geschrieben hat, tritt nicht in Klagenfurt auf, er hat nicht in Hildesheim oder Leipzig Literatur studiert, er ist auch kein Anfänger, der zu viel Simenon gelesen hat.
Volker Zastrow, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, will mit seinem Umriss der realen Figur Grumbach etwas wissen: "Wie kann man erfahren, mit welchen Augen jemand die Welt sieht?"
Denn Zastrow veröffentlicht in dieser Woche eine 400 Seiten lange Recherche über die Geschichte der "hessischen Vier", der vier Abweichler im Wiesbadener Landtag, die am 3. November 2008, einen Tag vor der Abstimmung zur Wahl des Ministerpräsidenten, verkündeten, nicht für Andrea Ypsilanti votieren zu können, aus Gewissensgründen, weil für deren Wahl die Stimmen der Linkspartei erforderlich gewesen wären (Die Vier. Eine Intrige. Rowohlt-Verlag).
Der Kampf um diese Frage - soll und darf die hessische SPD trotz anderslautender Aussagen vor der Wahl mit der Linkspartei zusammengehen, um eine Regierung zu bilden? - wuchs sich zu einem der schrecklichsten innerparteilichen Kämpfe der deutschen Nachkriegsgeschichte aus.
Für die Öffentlichkeit nahm er symbolhafte Züge an, denn es schien um Lüge und Glaubwürdigkeit im politischen Handeln zu gehen. Diesen Kampf erforscht Zastrows Buch von Grund auf, und es erzählt ihn in wesentlichen Zügen neu, so wie die Öffentlichkeit ihn bisher nicht kannte. So hat "Die Vier" das Zeug, auch eine politische Nachricht zu werden.
Dieses Buch, der hochriskante Versuch, Politik nicht nur als System, Kommunikation, Kräftefeld und Machtspiel zu beschreiben, sondern aus konkreten Personen mit ihren Schwächen, Tragödien und Irrtümern, ihrem Mut und ihrer Gewissensstärke zu entwickeln, verdient es, mit anderen Versuchen verglichen zu werden, deutsche Politik der Gegenwart literarisch zu durchleuchten.
Denn in diesem Feld behauptet sich Volker Zastrow glänzend. Auch wer an Hessen nur marginales Interesse nimmt, kann hier einen erschütternden Roman lesen.
Das soll kein vergiftetes Lob sein, denn Zastrow hat überaus sorgfältig gearbeitet. Er hat mit den Beteiligten stunden- und tagelange Interviews geführt, Tausende Mails durchgesehen, sich SMS zeigen lassen, Aussagen verglichen und Ortstermine wahrgenommen. Nichts sei erfunden, selbst dann nicht, wenn er Gefühle und Gedanken der Handelnden wiedergebe.
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was mich interessieren würde, was sich bei jeder/jedem einzelnen im tiefsten Inneren abspielte, als sich das Gewissen zum ersten Male meldete. Zu welchem Zeitpunkt geschah das?
Auch würde ich gerne wissen, wie jeder eine Gewissensentscheidung definiert.
Man nehme das "Darmstädte Echo" und lese alle Artikel, Kommentare über Dagmar Metzger seit dem ersten Tage ihrer "Gewissensargumentation" bis zur abschließenden Pressekonferenz und man wird die kontinierliche Veränderung der Argumente vom Gewissensargument zur inhaltlichen Ablehnung der von der SPD-Hessen beschlossenen Energiepolitik bilderbuchartig feststellen können. In den letzten vier Wochen vor der Abstimmung fiel das Wort Gewissen von Dagmar Metzger überhaupt nicht mehr - es ging ihr in Wahrheit um die Ablehnung der Energiepolitik - siehe auch ihr Aufsichtsratsmandat bei der HSE, dem Hessischen Energieversorger.Dieser hat vehement die SPD-Energiepolitik abgelehnt.
Eine diplomatische Meisterleistung, die die demokratische Willensbildung einer Partei und die Respektierung von Mehrheitsentscheidungen mit Füßen tritt.
".....Die Schiedskommission des SPD-Bezirks Hessen-Süd wies die Berufung Walters gegen die Entscheidung einer Schiedskommission des SPD-Unterbezirks Wetterau aus dem März zurück.
In der am Montag unterzeichneten Entscheidung unterscheidet die Schiedskommission des Bezirks Hessen-Süd wie bereits die Vorinstanz zwischen Walters Rolle als Abgeordneter und seiner Rolle innerhalb der SPD: "Es geht hier nicht um die Ausübung des freien Mandats", sondern ausschließlich um Walters Verhalten als "führendes Parteimitglied", heißt es in der Begründung.
Als stellvertretender Landesvorsitzender habe er "wochenlang entscheidend" mit den Grünen über eine Koalition verhandelt, "wobei von Anfang an klar war, dass eine Wahl der Genossin Ypsilanti zur Ministerpräsidentin nur mit Hilfe der Partei Die Linke möglich war". Er habe "durch sein grob illoyales Verhalten der Partei schweren Schaden zugefügt".
Ob das Funktionsverbot gegen Walter "angesichts der gravierenden Verstöße ausreichend und angemessen ist", könne "dahingestellt bleiben". Ein Parteiausschluss aber sei nicht in Betracht gekommen, weil nur Walter Berufung eingelegt und somit das Verschlechterungsverbot gegolten habe, man also keine härteren Sanktionen habe verhängen dürfen als die Vorinstanz.
In der Entscheidung heißt es weiter, "das mindeste", was man von Walter hätte verlangen können, "wäre eine entsprechende persönliche Erklärung an die Landes- und Fraktionsvorsitzende oder eine hinreichend deutliche Erklärung auf dem Landesparteitag am 1. November 2008 gewesen". Stattdessen habe Walter "durch ein persönliches 'Sich-in-Szene-setzen'" bei Medienauftritten mit den drei anderen Abgeordneten die Krise der Partei vertieft.
Ihm habe klar sein müssen, dass ihre Entscheidung Neuwahlen auslösen würde - mit einem entsprechend schlechten SPD-Ergebnis. "Im Übrigen ist er heute noch nicht bereit, sein Verhalten mit Anstand zu reflektieren", so die Schiedskommission. Dies zeigten seine "fortwährende Herabwürdigung anderer Parteimitglieder und der Partei insgesamt sowie seine beleidigenden Äußerungen anlässlich der mündlichen Verhandlung vom 6. Juli 2008 gegenüber den Mitgliedern der Schiedskommission".
Walter, sein Anwalt Mathias Metzger, Ehemann von Dagmar Metzger!!!
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