Helmut Zilk Der Spion, dem alle vertrauten

Der ehemalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk arbeitete für den tschechoslowakischen Geheimdienst - und für die CIA.

Von M. Frank

"Helmut Zilk, Spion" lautet die lakonische Schlagzeile der neuen Ausgabe des österreichischen Wochenmagazins Profil. Damit erhärtet sich auch in der Hauptstadt Wien ein grotesker Sachverhalt, über den die Süddeutsche Zeitung bereits vor zehn Jahren berichtete hat: dass der frühere, populäre einstige Wiener Bürgermeister, Fernsehjournalist und Kultusminister Helmut Zilk in den sechziger Jahren für die Tschechoslowakei als Agent tätig gewesen ist, und dass er dafür Geld genommen hat.

Das Magazin zitiert aus der Akte Zilk der tschechoslowakischen Geheimpolizei jener Tage. Was davon wahr ist, was erdichtet, ist schwer einzuschätzen. Die Kontaktnahme zu dem agilen, stets auskunftsfreudigen Journalisten und Politiker geschah 1965.

Damals hatte Zilk als Mitarbeiter des Österreichischen Fernsehens (ORF) zwei sogenannte "Stadtgespräche" eingefädelt. Ein Geniestreich: Aus Prag wurde eine Livesendung übertragen, in der das erste Mal über den Eisernen Vorhang hinweg Meinungen und Ansichten vor internationalem Publikum ausgetauscht wurden. Dem populären Wiener, der bis ins hohe Alter politisch tätig und vielen äußerst vertrauenswürdig war, sind die Stadtgespräche bis zu seinem Tod im vergangenen Oktober als großes Verdienst verbucht worden.

Vielleicht hat es mit seinem Tod zu tun, dass heute Akten habhaft sind, die vor zehn Jahren nur heimlich und in Kopie eingesehen werden konnten, ohne die Möglichkeit für Notizen oder Aufnahmen.

Zilk, Johann Maiz und Holec

Die Akten sagen, dass es Zilk hauptsächlich mit drei Ansprechpartnern zu tun hatte. Es gibt eine Quittung für eine Geldübergabe, die er noch mit seinem Namen zeichnete, später mit dem angeblich selbstgewählten Decknamen "Johann Maiz". Der tschechoslowakische Geheimdienst führte ihn unter "Holec".

Insgesamt 70.000 Schilling soll Zilk bekommen haben; die Zeitschrift Profil beziffert den heutigen Gegenwert auf 30.000 Euro. Daneben habe es Geschenke wie einen Kristallüster gegeben. Nach der ersten Affäre vor zehn Jahren rühmte sich der Beschuldigte, der alles von sich wies, dem SZ-Korrespondenten gegenüber, dass "mehr als 40 Prozent meiner Akte in Prag Weibergeschichten" gewesen seien.

Ob der gesprächige Zilk diese Auskünfte selbst als nachrichtendienstliche Tätigkeit empfunden hat? Viel Aufschluss wird er den Pragern nicht geliefert haben: Seine Auslassungen über Interna der Sozialistischen Partei (SPÖ), der er angehörte, und des ORF waren auch sonst auf dem Nachrichtenmarkt zu bekommen.

Dennoch wies der Prager Geheimdienst der SPÖ und dem ORF eine ähnliche Bedeutung zu wie der Staatspartei und dem Staatsrundfunk in der kommunistischen Heimat. Das machte Zilk, der in den innersten Zirkeln verkehrte, interessant und ließ seine Aussagen wertvoll erscheinen, auch wenn gelegentlich Missmut über dünne Inhalte laut wurde.

Schon vor zehn Tagen hat die Prager Tageszeitung Mlada Fronta Dnes sein Sündenregister auf Spionage für die CIA erweitert. Nach dem Ende des Prager Frühlings flüchteten drei von Zilks "Agentenführern" in den Westen und gaben den Amerikanern Auskunft. Die informierten damals die österreichische Staatspolizei, die wiederum Zilk und einige andere Personen seines Umkreises vernahm, ohne dass dies ruchbar wurde. Heute sind diese Akten verschwunden. Typisch Wien, möchte man meinen.