Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag Der alte Mann kann es

In seiner fulminanten Parteitagsrede warnt Altkanzler Helmut Schmidt davor, Europa auseinanderbrechen zu lassen und beschwört die Kraft der Gemeinsamkeit. Dabei liefert die Ikone der SPD endlich die neue europäische Erzählung, die der mögliche Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, sein politischer Ziehsohn, seit Monaten nur ankündigt.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Einen solchen Applaus hat es auf einem SPD-Parteitag lange nicht gegeben. Minutenlang, rhythmisch, stehend und begleitet von "Helmut! Helmut!"-Rufen. Ein Johlen brandet auf, als sich der Altkanzler nach seiner einstündigen Rede endlich eine seiner Menthol-Zigaretten anzünden kann. Er hat sich da schon wieder an seinen Platz in der ersten Reihe rollen lassen. Hätte ihn in diesem Moment jemand aufgefordert, 2013 die Kanzlerkandidatur der SPD zu übernehmen, die Delegierten hätten seine wahrscheinliche Absage einfach in Jubel ertränkt.

Er, der "alte Mann", wie er sich selbst bezeichnet, er kann es. Und er kann es womöglich immer noch besser als die meisten anderen Akteure in der altehrwürdigen SPD. Hannelore Kraft jedenfalls, die nach Schmidt den Parteitag im Kongresszentrum "Station" eröffnet, sagt nach der Rede ganz ergriffen: "Du hast uns wieder Richtung gegeben!" Der unausgesprochene Subtext: Das hat vom aktuellen Personal niemand geschafft.

Schon der Titel "Deutschland in Europa" ließ im Vorfeld Grundsätzliches erwarten. Hieße die Rednerin dazu Angela Merkel, es wäre Zeit, sich gemütlich zurückzulehnen und auf das Ende zu warten. Hieße der Redner Peer Steinbrück, die Sache wäre zwar unterhaltsamer, aber nicht immer erhellender.

Schmidt macht dagegen innerhalb einer Stunde die Notwendigkeit der europäischen Integration den Zuhörern derart deutlich klar, dass danach Widerspruch kaum noch möglich erscheint. Seine Kernthese: Bricht Europa auseinander, verfällt es in die voreuropäische Phase der Missgunst und nationalstaatlicher Rivalitäten. Weil dies nie mehr passieren darf, kommt Deutschland eine besondere Rolle zu.

"In absehbarer Zeit kein normales Land"

An den Anfang stellt Schmidt eine Frage, die ihm Wolfgang Thierse kürzlich gestellt habe: Wann wird Deutschland endlich ein normales Land sein? Schmidt zitiert seine eigene Antwort: "In absehbarer Zeit wird Deutschland kein normales Land sein." Zwei Gründe: "Dagegen steht unsere ungeheure historische Belastung." Und "dagegen steht unsere Zentralposition auf unserem kleinen Kontinent".

Beides führe dazu, dass "bei fast allen unseren Nachbarn ein latenter Argwohn gegenüber uns Deutschen besteht". Schmidt: "Mehrfach haben wir Deutschen andere unter unserer zentralen Machtposition leiden lassen." Es sei aber auch dieser Argwohn gegenüber der zukünftigen Entwicklung Deutschlands gewesen, aus dem heraus die europäische Integration erst initiiert worden sei.

"Vertrauen in die Verlässlichkeit beschädigt"

Unverkennbar, dass Schmidt der Überzeugung ist, dass die aktuelle Bundesregierung in der Euro-Krise geschichtsvergessen agiert. Deshalb die von viel Applaus begleitete Warnung: "Wer dieses Ursprungsmotiv der europäischen Integration nicht verstanden hat, dem fehlt eine unverzichtbare Voraussetzung für die Lösungen der gegenwärtig höchst prekären Krise Europas."

Die außenpolitischen Fehler der Merkel-Regierung skizziert der Altkanzler mit rasiermesserscharfer Rhetorik: "In den letzen Jahren sind erhebliche Zweifel an der Stetigkeit der deutschen Politik aufgetaucht. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit der deutschen Politik ist beschädigt."