Hauen und Stechen bei den Piraten Bar jeder Vernunft

Die Piraten, noch vor kurzem als jung und erfrischend anders von den Wählern goutiert, sind in Rekordgeschwindigkeit zu einem guten Ersatz für Seifenopern geworden. Da beklagen Mitglieder Schläge mit Computerkabeln und üben sich im Rufmord. Die totale Öffentlichkeit der Newcomer-Partei ist inzwischen gruselig.

Ein Kommentar von Hannah Beitzer

Eigentlich sollte das ein normaler Vorgang sein: Der Vorstand einer Partei wechselt, die neuen Chefs tauschen einigermaßen geräuschlos einige Mitarbeiter aus und ändern ein paar Strukturen.

Nicht so bei den Piraten. Dort geht das alles nicht ohne lautstarkes Geschimpfe und Gezeter vonstatten. Wer dem Treiben der jungen Partei folgt, der braucht wahrlich keine Seifenopern mehr.

Jetzt packt gerade der zurückgetretene Pressesprecher Christopher Lang in mehreren Medien aus, ebenso seine Kollegen Aleks Lessmann und Gefion Thürmer: Von Mobbing ist da die Rede, von Machtspielchen, von einer feindseligen Atmosphäre. Das alles gipfelte in der unfreiwillig komischen Meldung, Lang sei von einem Berliner Abgeordneten "mit einem Lan-Kabel geschlagen worden".

Doch witzig ist das nur auf den ersten Blick. Denn eigentlich offenbart die Posse um den geschassten Pressesprecher, um Rufmord und Sticheleien, mehrere grundsätzliche Probleme der Partei. Im Fall Christopher Lang zeigen sich zwei Grundprinzipien der Piraten von ihrer hässlichsten Seite.

Zärtlich kultiviertes Recht auf einen ordentlichen Shitstorm

Zum einen kultivieren die Piraten ihr Anderssein, sie sind die Partei der Freaks, der Nerds. Das bedeutet nicht nur, dass sie in Sandalen auf Talkshow-Sofas Platz nehmen, sondern auch, dass sie sich im restlichen Leben nicht unbedingt um normale Umgangsformen scheren. Fast zärtlich kultivieren manche Parteimitglieder ihr Recht auf einen ordentlichen Shitstorm, auf haltlose Beschimpfungen, Sticheleien, Pöbeleien und zweifelhafte Witze auf Kosten anderer.

Wir sind anders und das ist auch gut so, ist das Credo. Das mag auch zutreffen, sofern es nur um die Auswahl der Fußbekleidung geht - sobald Menschen verletzt und gedemütigt werden, liegt die Sache ganz anders.

Verstärkt wird der Effekt durch eine zweite piratige Eigenart: Was die Parteimitglieder auch machen - alles geschieht öffentlich. Auf Twitter, in Mailinglisten, in Blogs und neuerdings immer häufiger gezielt über traditionelle Medien. Transparenz in der Politik mag ein hehres Ziel sein - doch bei den Piraten kann man die zuweilen gruseligen Auswirkungen totaler Öffentlichkeit wie unter dem Brennglas beobachten. Die öffentlichen Zankereien schaden dem Ansehen der Partei, ebenso die vergeblichen Versuche einiger Mitglieder, die Pöbler in den Griff zu bekommen.

Für die Piraten ist es Zeit zu erkennen, dass es bestimmte Regeln des öffentlichen und politischen Miteinanders nicht ohne Grund gibt. Dass es nicht unbedingt etwas mit Hinterzimmerklüngelei zu tun hat, wenn Probleme unter vier Augen geregelt werden, sachbezogen, ohne Feindseligkeiten und persönliche Beleidigungen. Dass öffentliches Beschimpfen anderer Menschen eben kein Grundrecht ist, sondern schlicht eine Unverschämtheit.

In einer Partei ist es - wie überall anders auch - völlig normal, dass sich Gruppen bilden, dass nicht jeder mit jedem kann, dass es Streit gibt. Doch die Piraten versagen zunehmend darin, die Meinungsverschiedenheiten vernünftig zu lösen. Und das, was sie sich gerade leisten, ist bar jeder Vernunft.