Hartz IV hat der Gesellschaft die Grundsicherheit genommen. In der Mittelschicht gilt es nicht als soziales Sicherheitsnetz, sondern als Rutsche in die Armut.
Deutschland ist fürwahr kein armes Land, aber es gibt immer mehr Armut in Deutschland. Diese Armut hat viele Gesichter, das macht die Armutsbekämpfung so schwierig: Da ist der wegrationalisierte Facharbeiter, da ist der arbeitslose Akademiker, da ist die alleinerziehende Mutter, die den Sprung ins Berufsleben nicht mehr schafft.
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Ein Wort mit so viel Bedeutung: Hartz IV hat der deutschen Gesellschaft die Grundsicherheit genommen. (© Foto: AP)
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Da sind die Einwandererkinder, die nicht aus ihrem Ghetto herauskommen, da sind die dreihunderttausend Obdachlosen und da sind die Ein-Euro-Jobber. Da sind die schon immer zu kurz Gekommenen am Rand der Gesellschaft und da sind die, die sich nie hatten vorstellen können, auf einmal nicht mehr gut situiert zu sein.
All diese relativ Armen haben wenig gemeinsam, es verbindet sie nur Hartz IV. Hartz IV ist der große Hobel der deutschen Gesellschaft. Das "Gesetz über die Grundsicherung von Arbeitssuchenden" (so heißt das Hartz-IV-Gesetz im Wortlaut) hat der deutschen Gesellschaft die Grundsicherheit genommen - die Sicherheit darüber, dass es in Deutschland soziale Grundsicherheit gibt.
Hartz IV ist die Chiffre dafür geworden, dass das Sichere nicht sicher ist. In der Mittelschicht gilt Hartz IV nicht als Netz sozialer Sicherheit, sondern als Rutsche in die Armut. Das ist nicht falsch. Vor den Sozialgerichten des Sozialstaats Deutschland hat dieses Gesetz zu Recht keinen Bestand mehr.
Zwei hohe Gerichte haben das "Gesetz über die Grundsicherung von Arbeitssuchenden" dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt - und es war höchste Zeit dafür, weil dieses Gesetz seinem Namen nicht gerecht wird. Es ist kleinlich, es pauschalisiert auf ungute Weise, es produziert mit irrwitzigem Verwaltungsaufwand schlechte Ergebnisse.
Es funktioniert wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme - leider nicht für die Langzeitarbeitslosen, sondern für die Gerichte und die Rechtsanwälte.
Hartz IV ist der Name der Armut in Deutschland. Es ist dies natürlich eine andere Armut als die in Kalkutta. Die deutschen Armen wären Krösusse in der Dritten Welt. Aber dort leben sie nicht, sie leben hier, in einer immer noch reichen Gesellschaft. Arm zu sein unter Armen, so stand es in einem Brief an den Münchner Oberbürgermeister, arm zu sein unter Armen, das könne man ertragen; arm zu sein unter protzenhaftem Reichtum, das sei unerträglich. Die deutschen Armen verhungern nicht, Armut hierzulande ist keine Kalorienfrage. Armut in Deutschland bedeutet, ausgeschlossen zu sein aus einer Gesellschaft, die sich nur den Bessergestellten entfaltet.
Die deutschen Armen sind relativ arm - und sie sind relativ arm dran: Sie haben die Anerkennung ihrer Bedürftigkeit verloren. Das ist das besonders Bittere an Hartz IV. Und deshalb tut sich die Politik so schwer damit, den Grundbedarf der Langzeitarbeitslosen an die seit zehn Jahre steigenden Preise anzupassen; die Kampagne gegen den Sozialstaat, der das soziale Netz als soziale Hängematte diskreditiert hat, wirkt nach. Der Staat, der sehr schnell ungeheuere Milliardenpakete für die Wirtschaft packen kann, tut sich schwer damit, den Armen seiner Gesellschaft das Existenzminimum zu sichern.
Die Sozialgerichte haben das Hartz-IV-Gesetz dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt, weil sie das Gesetz beziehungsweise entscheidende Teile dieses Gesetzes für verfassungswidrig halten. Es ist dies die Aufforderung an die Politik, sich den Sozialgesetzen mit der Kraft und der Inbrunst zu widmen, mit der sie sich den Programmen zur Rettung der Banken widmet. Im Jahr des 60. Jubiläums des Grundgesetzes darf man sich daran erinnern: Das Grundgesetz konzipiert diesen Staat als sozialen Rechtsstaat.
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(sueddeutsche.de/gba)
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Hartz IV hätte seine Berechtigung,wenn es mehr Jobs als Bewerber gäbe.Aber diese Situation wird es nie mehr geben.
Ansonsten ist Hartz IV eine Gehaltserhöhung für ehemalige Sozialhilfeempfänger und ein Zuchtmittel mit Armutsandrohung für einen Großteil der Gesellschaft.
Festhalten muss man immer wieder:und Fdp haben diese Regelungen ebenfalls gewollt, wobei sie teilweise noch witer gehen wollten.
Der eigentliche Skandal aber ist, dass es die angebliche Partei der kleinen Leute auf den Weg gebracht hat und die Grünen alles abgenickt haben was Schröder ihnen vorgesetzt hat.
Wenn man sich dann erinnert, das ein " Macher" wie Clement federführend war braucht man sich über die vielen handwerklichen Fehler nicht zu wundern.
Die Politik sollte soviel Größe besitzen, Hartz IV einer Revision zu unterziehen, Bilanz ziehen und zumindest die schlimmsten Auswüchse zu beseitigen. Letzteres sollte eigentliche bei allen Gesetzesinititiven der Fall sein.
Nur am Rande: Ich beziehe nicht H.IV und muss es wahrscheinlich auch nicht befürchten, kenne aber sehr viele Vertreter aus allen hier beschriebenen Gruppen
Besonders interessant ist in der Sozialstaatsdiskussion die Position der (Super-)Liberalen.
Sie bezeichnen sich selbst als verfassungs- und gesetzestreu, lassen bei ihren Plattitüden ("Der Sozialstaat mindert die Leistungsbereitschaft") aber den Artikel 20 Absatz 1 Grundgesetz außer Acht.
"...arm zu sein unter Armen, das könne man ertragen; arm zu sein unter protzenhaftem Reichtum, das sei unerträglich."
Aha. Es geht also nicht darum was man selber hat sondern dass andere mehr haben - Armut als relatives und nicht als absolutes Kriterium. Loesung: Wir machen alle arm dann muessen die jetzigen Armen nicht mehr den "protzenhaften" (ist das eigentlich ein Wort?) Reichtum anderer ertragen, zusaetzlich zu ihrer Armut. DAS waere dann mal wirklich ein "Hobel der Gesellschaft".
"Armut in Deutschland bedeutet, ausgeschlossen zu sein aus einer Gesellschaft, die sich nur den Bessergestellten entfaltet."
Also wenn man an der angeblichen Spassgesellschaft nicht mehr teilnehmen kann dann ist man schon arm? Wenn einer einen neuen BMW faehrt und man selber einen 10 Jahre alten Toyota hat, dann ist man arm, oder wenn man nicht mehr zweimal im Jahr in den Urlaub fahren kann?
Faellt eigentlich irgendwem auf dass es mit diesen Kriterien immer Armut geben wird - dass sie niemals verschwidnen oder auch nur reduziert wird? Jedesmal wenn jemand erfolgreich ist produziert er damit auf der anderen Seite Arme.
Und wenn man schon H Prantl folgen will und Hartz IV kippt, was tritt an dessen Stelle? Das alte Durcheinander von Arbeitslosengeld, Arbeitlosenhilfe und Sozialhilfe? Oder eine Pauschale? Wie sieht die Loesung aus?
nehmen wir noch Rentnerabspeisung hinzu, dann uneingeschränktes Bravo.
Hartz IV hat aber auch für Gewissheit gesorgt. Statt des diffusen Begriffs "Sozialhilfe" weiß nun jeder: Ein Jahr, dann 350 . Und jeder denkt sich: "Könntest Du davon leben?"
Die meisten beantworten diese Frage mit einem klaren: "Nein". Und auch mir fiel es sehr schwer.
Deshalb fühlen wir alle uns heute so wie in einem Hamsterrad! Hartz IV trifft nicht nur die Arbeitslosen, sondern setzt auch die unter Druck, die noch Arbeit haben. Und es verteuert die Mieten in den Städten.
Andererseits: Wer jetzt keine Solidarität mit den Arbeitslosen aufbringt, der wird es nie lernen - so wie manche Politiker, die die Gelder noch kürzen wollen!
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