Hartz IV Arbeitslos, verschuldet, süchtig

Ein Arbeitsloser in einer Berliner Bahnhofsmission

In Deutschland beziehen Millionen Frauen und Männer Hartz IV. Eine Studie des Bundesarbeitsministeriums zeigt, dass viele dieser Menschen neben der Arbeitslosigkeit oft auch ganz andere Probleme haben - Hilfe bekommen sie aber kaum.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Es ist ein gewagter Vorstoß, mitten in den Weihnachtstagen: Der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank-Jürgen Weise, will die Zahl der Arbeitslosen auf nahezu 1,5 Millionen halbieren. "Das ist für mich das absolute Ziel", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Bis wann dies geschehen solle, sagte der BA-Chef nicht. Weise räumte aber ein, dass es immer Menschen gebe werde, "die den Anforderungen nicht gerecht werden".

Wie schwer sein Ziel zu erreichen ist, zeigt ein Forschungsbericht im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums. Die gut 400 Seiten starke Studie steht seit Monaten, unbemerkt von einer breiteren Öffentlichkeit, auf der Homepage des Hauses - und enthält jede Menge brisante Zahlen über die Situation von Hartz-IV-Empfängern, ohne dass diese Eingang in die Koalitionsverhandlungen gefunden hätten.

Viele Leiden unter einer Sucht

Im November waren 4,3 Millionen Bezieher von Hartz IV, die 15 Jahre oder älter waren, erwerbsfähig. Gut zwei Drittel von ihnen gelten statistisch als Dauerbezieher der Grundsicherung, weil sie innerhalb der letzten zwei Jahre mindestens 21 Monate Leistungen bezogen. Nicht alle sind arbeitslos gemeldet, etwa weil sie kleine Kinder haben oder sich gerade weiter qualifizieren. So waren im November in Deutschland 2,8 Millionen Frauen und Männer offiziell als Jobsuchende registriert.

Bekannt ist, dass viele unter den Dauer-Empfängern von Hartz IV Schulden oder psychische Probleme haben oder unter einer Sucht leiden. Oft verstärken sich solche Vermittlungshindernisse sogar gegenseitig. Die neue Untersuchung zeigt nun: Nur die allerwenigsten von ihnen werden entsprechend betreut, beraten oder behandelt, obwohl dies dazu beitragen kann, ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Und von einer Hilfe aus einer Hand, die einmal das Ziel der Hartz-Reformen war, könne "oftmals nicht gesprochen werden", sagt der Arbeitsmarktexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Wilhelm Adamy, der auf die Studie aufmerksam machte.

Eine Million Menschen mit Schuldenproblemen

Die Autoren der Untersuchung, Bruno Kaltenborn und Petra Kaps, schätzen, dass 25 Prozent der erwerbsfähigen Hartz-IV-Empfänger, also mehr als eine Million, Schuldenprobleme haben. Aus dieser Gruppe erhielten 2011 aber nur 34.000 eine Schuldnerberatung, obwohl Verschuldung, so das Forscher-Duo, "eine wesentliche Ursache von gesundheitlichen Problemen darstellt". Ähnlich sieht es beim Thema Sucht aus: Vorsichtig geschätzt hat laut der Studie etwa jeder zehnte erwerbsfähige Hartz-IV-Bezieher, das sind mehr als 400.000, ein Suchtproblem. Eine Beratung erhielten 2011 nicht einmal 10.000. Außerdem gehen die Wissenschaftler davon aus, dass knapp eine Million oder etwa 20 Prozent der Grundsicherungs-Empfänger psychosoziale Probleme haben. Eine Betreuung erhielten 2011 nur 19.000.

Mehr als sieben Millionen Bürger sind auf soziale Mindestsicherung angewiesen

39 Milliarden Euro hat der Staat im vergangenen Jahr für Hartz-IV-Empfänger, Sozialhilfeempfänger, Asylbewerber und Kriegsopfer ausgegeben. Zwar hat sich die Zahl derjenigen, die solche Leistungen beziehen, insgesamt nicht erhöht. Allerdings lohnt ein differenzierter Blick auf die einzelnen Transferleistungen. mehr ...

Die Gründe für die Misere sind vielfältig: In der Studie wird darauf hingewiesen, dass Drogen- oder Alkoholprobleme wie auch psychische Störungen häufig "nicht offenbart werden, dies gilt offenbar selbst bei intensiver Betreuung". Die Autoren kritisieren, die Hilfen seien von Kommune zu Kommune sehr unterschiedlich. In den zuständigen Behörden fehle es "häufig an konkretem Wissen und teilweise wohl auch am Wollen relevanter Akteure". DGB-Experte Adamy fordert deshalb bundesweit verbindliche Standards für diese kommunalen Leistungen. Eine BA-Sprecherin sagte, die Betreuungs- und Beratungsplätze seien bei Weitem nicht ausreichend. Das Defizit zu beheben, sei auch eine Frage des Geldes.