Hannover blüht auf Phänomen an der Leine

Der Rübenacker kommt zu spätem Ruhm: Lena, Käßmann und die Wulffs machen die niedersächsische Hauptstadt endlich attraktiv.

Von Ralf Wiegand

Im deutschen Fernsehen ist am Donnerstag schier Unglaubliches passiert: Louisa ist ausgeschieden. Die blonde Tänzerin hat damit keine Chance mehr, von Heidi Klum zu Germany's Next Top Model erklärt zu werden, was insofern überrascht, als Louisa Mazzurana die letzte Kandidatin aus Hannover war. Wie konnte das passieren? Ist nicht automatisch oben, wo Hannover ist?

Die niedersächsische Landeshauptstadt ist ein Phänomen. Noch immer gilt die Stadt, von Gottfried Benn einst zum Rübenacker erklärt, als Inbegriff der Provinz. Hier mögen vielleicht die meisten ICE-Züge im ganzen Land anhalten, aber welcher Fahrgast würde etwas anderes tun als umzusteigen? Hannover besteht aus Ein- und Ausfallstraßen, es ist eine Stadt, die man nicht zu sehen bekommt, obwohl man sie mit dem Auto durchquert. Hannover ist ohne Ecken und Kanten, im Krieg zu 90 Prozent zerstört und vor allem nach praktischen Erwägungen wieder aufgebaut. Der echte Hannoveraner hat nicht mal einen Akzent, er spricht das sauberste Hochdeutsch überhaupt. Wie langweilig.

Durchschnittlichkeit als Stärke

Gleichzeitig ist die Durchschnittlichkeit Hannovers Stärke. Als hätte aus all den durchschnittlichen Deutschen der Durchschnittlichste gefunden werden müssen, um alle Bürger zu repräsentieren, traf es Christian Wulff - bisherige Anschrift Staatskanzlei Hannover, demnächst wohl Schloss Bellevue. Er ist wie seine Stadt, ohne Ecken und Kanten und ohne Akzent.

Es wäre aber sowieso Hannover geworden: Kandidatin Ursula von der Leyen oder die von der SPD kurz gehandelte fröhliche Ex-Bischöfin Margot Käßmann - Hannoveranerinnen. Hannover, Hannover, überall Hannover. Empörte Ablehnung erfuhr Wulff von SPD- Chef Sigmar Gabriel, ehemals Ministerpräsident in Hannover, und von Frank- Walter Steinmeier, der einst von Hannover aus nach Berlin zog, weil er Gerhard Schröder folgte. Der Ex-Kanzler mag heute wieder im Reihenhaus in Hannover leben, aber die Maschsee-Mafia, die er einst in der Bundeshauptstadt installierte, funktioniert weiter.

Es ist gerade so, als würde die Stadt an der Leine, über die kaum jemand etwas weiß, ihre Einwohner zu überdurchschnittlichen Leistungen animieren. Von hier aus startete die Abiturientin Lena Meyer-Landrut erst in Deutschland durch und dann ihre Reise nach Oslo, und als sie zurückkam, standen 30.000 Menschen in der Innenstadt und feierten die singende Schülerin und sich selbst.

Es gab ja schon über viele Jahre Anzeichen, dass sich die Raupe Hannover zum Schmetterling entpuppen wollte: Das Fürstenhaus Monaco heiratete sich an der Leine ein, als Caroline sich Ernst August nahm. Schauspielerin Veronica Ferres, bis dahin in der Münchner Bussi-Szene daheim, verbandelte sich mit Carsten Maschmeyer, einem Unternehmer aus Hannover. Und Hillu Schröder, Ex vom Ex-Kanzler, tanzte bei Let's Dance auf RTL. Aber erst zehn Jahre nach der Expo ist Hannover auf dem Zenit.

Von hier aus schaffte es Philipp Rösler als erster Minister mit asiatischen Wurzeln ins Bundeskabinett, hier wirkt in Aygün Özkan die erste muslimische Ministerin Deutschlands. Und hier, in Hannover, wird auch der Weltfrieden beginnen. Die hannoversche Band Scorpions, gerade auf Abschiedstournee, hat mit ihrem Hit Wind of Change einst schon die Mauer umgeblasen. Und neulich haben die berüchtigten Rockerbanden Hell's Angels und Bandidos ihr Kriegsbeil begraben - ganz offiziell, in einer Anwaltskanzlei in Hannover.