Von Von Carlos Widmann

Der mexikanische Staat hilft seinen Bürgern, wo er kann. Auch bei der illegalen Einreise in die USA. Mit einer kleinen Fibel gibt die Regierung Tipps, wie Mexikaner am besten ins reiche Nachbarland kommen.

Schwere Bekleidung wird noch schwerer, wenn sie nass wird, und erschwert dann das Schwimmen oder Dahintreiben im Wasser" - so belehrt ein Büchlein den "lieben Landsmann", den unversehens die Reiselust packen sollte.

Illegale Einwanderer, AP

Auf der Suche nach einem besseren Leben in den USA durchqueren diese Mexikaner illegal den Rio Grande. (© Foto: AP)

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Aber auch für solche Mexikaner, die eine Grenzüberschreitung auf trockenem Wege bevorzugen, gibt es soliden Rat: "Beim Überqueren der Wüste erscheint es zweckmäßig, jene Stunden zu nutzen, in denen die Hitze weniger intensiv ist."

Kommt der in der Broschüre angesprochene Wandersmann seinem Ziel - dem Territorium der Vereinigten Staaten - nahe, so muss er auf Begegnungen mit fremdländischen Amtspersonen gefasst sein, die sich ihm in den Weg stellen könnten. In solchen Fällen ist Zurückhaltung empfehlenswert: "Bewerfen Sie den Beamten oder Streifenwagen nicht mit Steinen oder Gegenständen, denn dies wird als Provokation aufgefasst."

Büchlein stößt in den USA auf Unmut

Der praktische Menschenverstand, der aus diesen Anweisungen spricht, ist in einem Handbuch gesammelt, das zum Jahresende von der mexikanischen Regierung in einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren kostenlos verteilt wurde. Als "Migranten-Führer" betitelt und nur 31 Seiten stark, erteilt die amtliche Fibel ihre Belehrungen im leicht fasslichen und anschaulichen Comic-Format.

Einige Abgeordnete im US-Kongress, denen das "Gewusst-wie"-Büchlein in die Hände fiel, haben es prompt missverstanden - als unverblümte Aufforderung an arbeitslose Mexikaner, sich lieber einen Job im nahen Norden zu suchen und gegen die Einwanderungsgesetze der USA zu verstoßen.

Keineswegs, erwidern mexikanische Beamte: Vielmehr handele es sich hier um reinen humanitären Beistand - vergleichbar der Aids-Aufklärung für Drogenabhängige. Schließlich seien im vergangenen Jahr über 300 Mexikaner bei dem Versuch umgekommen, sich den freien Latino-Zustrom durch Umgehung der US-amerikanischen Grenzmauern und -zäune zu erkämpfen.

Raufereien aus dem Weg gehen

Manche Passagen der Broschüre lassen freilich an diesem Motiv zweifeln: Sie belehren den illegalen Migranten, wie er sich in den USA verhalten muss, um eine Entdeckung zu vermeiden und der Gefahr einer Rückführung in die Heimat zu entgehen. Mexikaner im Gringoland sollen "lärmenden Parties" fernbleiben, "Nachtlokale bei Raufereien" sofort verlassen, "weder Messer noch Feuerwaffen am Körper tragen" und keine "häusliche Gewalt" gegen ihre Kinder oder Lebenspartner anwenden.

Es ist vor allem die Zuwanderung aus Mexiko, die die Hispanics zur größten ethnischen Minderheit in den USA erhoben hat, die zahlenmäßig den schwarzen US-Bürgern überlegen ist, auch wenn ihr politischer Einfluss als geringer gilt. Mit der Broschüre stellt die Regierung von Präsident Vicente Fox klar, dass sie zur Linderung ihrer sozialen Probleme verstärkt auf den Export von Arbeitslosen und auf den privaten Dollar-Rückfluss aus den USA setzt.

George W. Bush, der neulich einen Sohn mexikanischer Landarbeiter zum US-Justizminister befördert hat, wird dadurch unter Druck gesetzt. Er hatte gehofft, die Flut aus dem Süden durch eine Gastarbeiter-Regelung einzudämmen.

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(SZ vom 14.01.2005)