Hamburg: Rücktritt von Ole von Beust Das tut man nicht

Er war ein Minenhund auf politischem Terrain zwischen all den stromlinienförmigen Karrieristen im Umfeld der Kanzlerin. Nach erfolgreichen Jahren hinterlässt Ole von Beust in Hamburg nun einen Scherbenhaufen - weil er einfach keine Lust mehr hat.

Ein Kommentar von Jens Schneider

Es war kein Zufallsprodukt, sondern ein Vorhaben mit Modellcharakter. Das Projekt Schwarz-Grün in Hamburg hatte Ole von Beust lange vorbereitet. Als er vor zwei Jahren die erste bundesdeutsche Koalition dieser Art präsentierte, gab er diesem Vorhaben einen großen Rahmen. Er sprach von der überfälligen Versöhnung der Gegensätze. Ökologie und Ökonomie sollten künftig "zusammen gedacht" werden. Beust klang wie einer, der aus besonderer Verantwortung einen Auftrag empfand - und sich in den Dienst der Sache stellen wollte. Der Hamburger Bürgermeister und seine grünen Partner erschienen dem ganzen Land als politische Entdecker im besten Sinne, als ein bisschen naiv, was ihre Hoffnungen anging, aber mit Grundsätzen.

Der Nächste, bitte

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Anfang dieses Jahres imponierte der Bürgermeister noch einmal mit einem außergewöhnlichen Vorstoß. Im Streit um die Hamburger Schulreform begnügte er sich, anders als es viele Kollegen getan hätten, nicht mit ein paar taktischen Zügen. Wieder ordnete er das Projekt höher ein als Stimmungen. Er machte sich das ursprünglich grüne Anliegen zu eigen und forderte so die Konservativen in der CDU heraus. So war Beust für Angela Merkel, die von stromlinienförmigen Karrieristen umgebene Parteichefin, ein Minenhund auf politischem Terrain.

Und jetzt: Aus! Er geht, ab durch die Mitte. Seine Gründe klingen für einen Politiker, der besondere Verantwortung übernommen hat, ein bisschen luxuriös: Beust hat einfach genug von der Politik. Man muss es so schlicht sagen: Der 55-Jährige hat keine Lust mehr.

Beust hat eine Ära geprägt

Zwar sollte respektiert werden, wenn ein Politiker sagt, man könne in der heute so aufgeregten Medienwelt nach acht Jahren als Regierungschef auch genug haben. Das lehrt einiges über die Ansprüche im politischen Geschäft. Und es wäre wohl billig, Beust vorzuwerfen, er wolle nun als Mann in den besten Jahren seine Pension auf Sylt verprassen. Das will er offenbar nicht; es würde nicht zu dem eher bescheidenen Mann passen. Sein Abgang ist kein Versorgungsproblem, die Sache ist eher schlimmer.

Hier geht einer vorzeitig, der Verdienste um die Stadt hat. Er hat mit seinem Stil eine Ära geprägt. Jetzt hinterlässt er der Hansestadt einen Scherbenhaufen. Der Streit um die schlecht verkaufte Schulreform hat Hamburg gespalten; Schwarz-Grün steht nur noch auf wackligen Beinen, die Stadt vor einem Schuldenberg. Hamburg bräuchte Führung, und Beust lässt nun die großen Projekte, für die er so große Worte hatte, allein.

Für die CDU im Bund ist dies nach all den Abgängen der letzten Wochen ein besonders schwerer Schlag - weil nach Koch, Rüttgers und den anderen ein weiterer eigenständiger Kopf verschwindet. Vor allem aber setzt dieser Abgang bundesweit ein verstörendes Signal, weil Beusts Abschied den Eindruck bekräftigt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Politiker lebenslang für ihre Aufgabe brennen. Früher hätte man, nicht nur in der CDU, gesagt: Das tut man nicht.

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