Er war ein Minenhund auf politischem Terrain zwischen all den stromlinienförmigen Karrieristen im Umfeld der Kanzlerin. Nach erfolgreichen Jahren hinterlässt Ole von Beust in Hamburg nun einen Scherbenhaufen - weil er einfach keine Lust mehr hat.
Es war kein Zufallsprodukt, sondern ein Vorhaben mit Modellcharakter. Das Projekt Schwarz-Grün in Hamburg hatte Ole von Beust lange vorbereitet. Als er vor zwei Jahren die erste bundesdeutsche Koalition dieser Art präsentierte, gab er diesem Vorhaben einen großen Rahmen. Er sprach von der überfälligen Versöhnung der Gegensätze. Ökologie und Ökonomie sollten künftig "zusammen gedacht" werden. Beust klang wie einer, der aus besonderer Verantwortung einen Auftrag empfand - und sich in den Dienst der Sache stellen wollte. Der Hamburger Bürgermeister und seine grünen Partner erschienen dem ganzen Land als politische Entdecker im besten Sinne, als ein bisschen naiv, was ihre Hoffnungen anging, aber mit Grundsätzen.
Anzeige
Anfang dieses Jahres imponierte der Bürgermeister noch einmal mit einem außergewöhnlichen Vorstoß. Im Streit um die Hamburger Schulreform begnügte er sich, anders als es viele Kollegen getan hätten, nicht mit ein paar taktischen Zügen. Wieder ordnete er das Projekt höher ein als Stimmungen. Er machte sich das ursprünglich grüne Anliegen zu eigen und forderte so die Konservativen in der CDU heraus. So war Beust für Angela Merkel, die von stromlinienförmigen Karrieristen umgebene Parteichefin, ein Minenhund auf politischem Terrain.
Und jetzt: Aus! Er geht, ab durch die Mitte. Seine Gründe klingen für einen Politiker, der besondere Verantwortung übernommen hat, ein bisschen luxuriös: Beust hat einfach genug von der Politik. Man muss es so schlicht sagen: Der 55-Jährige hat keine Lust mehr.
Beust hat eine Ära geprägt
Zwar sollte respektiert werden, wenn ein Politiker sagt, man könne in der heute so aufgeregten Medienwelt nach acht Jahren als Regierungschef auch genug haben. Das lehrt einiges über die Ansprüche im politischen Geschäft. Und es wäre wohl billig, Beust vorzuwerfen, er wolle nun als Mann in den besten Jahren seine Pension auf Sylt verprassen. Das will er offenbar nicht; es würde nicht zu dem eher bescheidenen Mann passen. Sein Abgang ist kein Versorgungsproblem, die Sache ist eher schlimmer.
Hier geht einer vorzeitig, der Verdienste um die Stadt hat. Er hat mit seinem Stil eine Ära geprägt. Jetzt hinterlässt er der Hansestadt einen Scherbenhaufen. Der Streit um die schlecht verkaufte Schulreform hat Hamburg gespalten; Schwarz-Grün steht nur noch auf wackligen Beinen, die Stadt vor einem Schuldenberg. Hamburg bräuchte Führung, und Beust lässt nun die großen Projekte, für die er so große Worte hatte, allein.
Für die CDU im Bund ist dies nach all den Abgängen der letzten Wochen ein besonders schwerer Schlag - weil nach Koch, Rüttgers und den anderen ein weiterer eigenständiger Kopf verschwindet. Vor allem aber setzt dieser Abgang bundesweit ein verstörendes Signal, weil Beusts Abschied den Eindruck bekräftigt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen Politiker lebenslang für ihre Aufgabe brennen. Früher hätte man, nicht nur in der CDU, gesagt: Das tut man nicht.
Joachim Gauck weiß, dass seine Israel-Reise eine Prüfung ist, persönlich und politisch. Der Bundespräsident besteht auch noch eine kleine Mutprobe. Seite Drei Jetzt lesen ...
- Thema
- Ole von Beust RSS
- Ole von Beust Der nächste Aussteiger 18.07.2010
- Volksentscheid zur Schulreform High Noon in Hamburg 22.07.2010
- Hamburg Ein Mann wie eine Insel 17.07.2010
- Hamburg Ole von Beust...und tschüss! 18.07.2010
- CDU: Der Neue nach Beust Christoph Ahlhaus - Kronprinz aus der Kulisse 18.07.2010
- Nach der Bürgerschaftswahl Hamburger CDU-Chef wirft hin 21.02.2011
- Olaf Scholz im Interview "Ahlhaus verwendet Worte von PR-Beratern" 16.02.2011
(SZ vom 19.07.2010/jab)
Bilder des Tages
Es widert mich an, wie Frau Schavan ihrem Parteikollegen von Beust in den Rücken fällt. Das tut man in der Tat (auch) nicht! Ich beziehe mich auf folgende dpa-Meldung:
Berlin. Die Ablehnung der Schulreform in Hamburg ist nach Meinung von Bildungsministerin Annette Schavan ein positives Signal für die Bildungspolitik in Deutschland. Im ARD-"Morgenmagazin" sagte sie, es sei eine gute Nachricht für das Gymnasium. Die Bürger seien es satt, "dass ständig an den Schulstrukturen herumgedoktert wird". Die Schulreformgegner hatten sich gestern im Hamburger Volksentscheid gegen die Einführung sechsjähriger Primarschulen klar durchgesetzt. Damit bleiben die vierjährigen Grundschulen dort erhalten. (dpa)
Sehr durchsichtig, wie Frau Schavan versucht, sich an die "Wir wollen streben"-Bewegung ranzuwanzen. Der Anstand hätte es einer CDU-Ministerin geboten, ganz dezent die Klappe zu halten, wenn ein CDU-Bürgermeister mit einem zentralen politischen Vorhaben scheitert, anstatt höhnisch Beifall zu klatschen. Aber ach, Anstand... das sind ja die viel gepriesenen "bürgerliche Tugenden". Und die haben die angeblich so Bürgerlichen ja ganz offensichtlich eh nie besessen.
Es wird hingeschmissen, wenn man keinen Bock mehr hat, man ist käuflich, bedient ganz unverhohlen die eigene Klientel (Nationales Stipendien Programm, Hotelsteuersenkung), kann kein Englisch und pöbelt hemmungslos rum - so präsentiert sich die angeblich bürgerliche Mövenpick-Koalition - auch als Gurkentruppe bekannt. Armes Deutschland! Aber selbst schuld, schließlich ist die Schwarz-Geld Koalition vor nicht allzu langer Zeit mit deutlicher Mehrheit gewählt worden.
Also verehrter Souverän - Suppe auslöffeln!
Sie glauben, es wäre billig, zu denken, von Beust wolle auf Sylt seine Pension verprassen. Dass er kein(e) Versorgungsproblem(e) hat, liegt ja wohl auf der Hand, dass er die Pension nicht verprassen will, auch. Aber: wenn er denn wirklich gegangen ist, weil er "keine Lust mehr" hat, ist das eigentlich noch schlimmer, dann hat er ein ganz schlechtes Demokratie- und Verantwortungsverständnis. Er wird in die Privatwirtschaft gehen, dort ein dickes Finanz-Polster anlegen, dazu seine nicht geringe Pension hüten – und endgültig zur Upperclass gehören. Oder sehe ich das falsch?
Erst Köhler, dann Koch, jetzt v. Beust - wer folgt noch? Dass die letzten "eigenständigen Köpfe" verschwinden, ist Madame Merkel ja vielleicht nur recht. So kann sie endgültig schalten und walten wie sie will - ohne störende Querdenker.
Dennoch meine ich: Köhler, Koch und v. Beust sollten sich ob ihrer Verantwortungslosigkeit in Grund und Boden schämen und aus eben diesem Schamgefühl heraus dem Steuerzahler nicht auf der Tasche liegen, sprich: auf ihre üppige Apanage verzichten. Wird aber wohl keiner tun.
Ich wollte, ich könnte auch einfach sagen, " ich bin frustriert, ich habe keine Lust mehr, meine Karriere wird nicht gefördert" und die Sachen hinwerfen. Kann ich aber nicht, weil ich dann bei Hartz IV lande. Und v. Beust & Co?....
Und wenn dann die Letzte geht, so wird sie schon lang vorher das Licht ausgemacht haben, damit niemand sieht, wie sie sich so davonstiehlt. Apropos stehlen: Zuvor hat sie dem kleinen Mann und dem nicht ganz so kleinen aber mal kräftig in die Tasche gegriffen, diese Nullingerin vom Dienst, der es gelingt, das Fußvolk in den Ruin zu treiben und die Großen zu mästen.
Nicht nur Hamburg ist ein Scherbenhaufen. Um die BRD ist auch auch nicht allzu rosig bestellt. Wir werden regiert von Opportunisten, Egoisten und Lobbyisten. Die Belange des Volkes sind nicht maßgeblich, jedenfalls dann nicht, wenn man vom Souverän kein Geld abpressen kann, um seine Situation zu verbessern. Wenn so viele Politiker das Schiff verlassen, wird es Zeit für eine Revolution. Der ihr Nutzen erscheint aber vor dem Hintergrund der Frage, wann der Mensch je mit Vernunft und Sorgfalt regiert wurde, äußerst fraglich. Bleibt nur eins: Alle Mann von Deck, Frauen und Kinder zu erst. (Wahlweise wird die Rettung vom Einkommen abhängig gemacht.)
Armes Deutschland
Diese Frau Merkel musste man schon im Jahre 2005 durchschauen können.
In politischen Foren wurde immerzu gefragt, wieso das sein kann, dass sich gestandene Politiker mit einigermaßen Weitblick so eine Frau vorsetzen lassen. Und man kam auf eine einzig mögliche Antwort: diese Frau ist okkultisch.
Paging