Hamburg Erst Abi, dann Abschiebung

Kate Amayo hat einen Notendurchschnitt von 1,8 und ist Jahrgangsbeste in Deutsch. Trotzdem soll die 20-Jährige Abiturientin nach Ghana abgeschoben werden. Vielen fleißigen jungen Ausländern geht es ähnlich.

Von Ralf Wiegand

Für Kate Amayo wird die Sache wohl gut ausgehen, jetzt, da ihre Geschichte in der Öffentlichkeit ist. Die junge Frau, Tochter einer mit einem Deutschen verheirateten Ghanaerin, ist von Abschiebung bedroht. Noch bleibt ein Restrisiko, noch hat die Härtefallkommission der Hamburgischen Bürgerschaft nicht entschieden. Vier Abgeordnete werden sich die Akte Amayo am Donnerstag noch mal vornehmen, dann müssen sie einstimmig darüber befinden, ob die 20-Jährige bleiben darf. Es sieht gut aus. Doch bliebe sie dann nicht deswegen, weil Deutschland stolz auf sie wäre - sondern weil eben die Kommission sie an den Gesetzen vorbeigeschleust hätte.

Kate Amayo kam als 15-Jährige vor fünf Jahren aus Ghana nach Deutschland. Der Antrag auf ein Bleiberecht wurde ihr verweigert; sie wurde geduldet. Nach einem Jahr sprach sie die neue Sprache bereits fast perfekt. Nach zweien bestand sie den Realschulabschluss - und sollte abgeschoben werden.

Klagen vor dem Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht scheiterten, sie musste zum ersten Mal nach der Rettungsleine im Parlament greifen. Damals reichte bei der noch Minderjährigen die Zustimmung des Eingabeausschusses der Bürgerschaft, um eine Duldung bis zum Abitur zu bekommen. Kate durfte bleiben - bis zum Ende des Schuljahres 2009/2010.

Das ist nun vorbei, die Afrikanerin bestand das Abitur mit einem Notenschnitt von 1,8. Im Fach Deutsch war sie mit 13 Punkten Jahrgangsbeste. Kurz darauf kam Post von der Innenbehörde: Die Abschiebung stand nun kurz bevor.

"Das Problem ist, dass sie einen Einreiseverstoß begangen hat, und der ist nicht heilbar", sagt Wilfried Buss, als SPD-Abgeordneter Mitglied der Härtefallkommission. Immer wieder kommen ihm solche Fälle unter: Teenager, die einen Ausbildungsplatz haben, aber abgeschoben werden sollen, weil ihre Eltern vor Jahren ihre wahre Herkunft verschleiert hatten. Oder Jugendliche, die fleißig lernen, ihre Lehrer und Mitschüler hinter sich wissen - und gehen sollen, weil sie gar nicht erst hätten einreisen dürfen. Rund 30 Schicksale pro Jahr landen als Härtefälle vor der Hamburger Kommission.

Der Fall Kate Amayo ist besonders bedrückend. Ihre Mutter ist schon seit 1991 im Land, arbeitet als Putzfrau, hat sogar zwei Stellen angenommen. Als sie aus Accra kam, ließ sie ihr Baby Kate in Ghana zurück. In Deutschland kamen zwei Kinder zur Welt. Obwohl sie putzt, reicht der Verdienst nicht zum Leben, deswegen bekommt sie ergänzende Sozialleistungen vom Staat. Das Geld steht ihr zu - und war gleichzeitig der Grund für die Behörden, die Einreise der Tochter Kate zu verweigern. Ihre Mutter sei wirtschaftlich nicht in der Lage, für sie zu sorgen. Kate reiste also illegal ein, wie genau, sagt sie nicht. Sie sei mit einer Frau geflogen, dann war die Frau weg und sie hier.

Kate, sagt der Abgeordnete Buss, sei zwar "ein absoluter Ausnahmefall", aber ähnliche Geschichten gebe es zuhauf. In Bremen hat deswegen der Innensenator dafür gesorgt, dass gut integrierte Kinder bleiben dürfen, auch wenn deren Eltern einst bei der Einreise betrogen haben. Für Fälle wie Kate hat die SPD-Bundestagsfraktion Ende 2009 einen Gesetzesentwurf eingebracht: Ausländische Jugendliche, die hier einen Schulabschluss schaffen, sollen bleiben dürfen. Nur kommt das Gesetz nicht.

Kate Amayo wird Hamburg übrigens auch verlassen, wenn die Härtefallkommission für sie entscheidet. In Halle hat sie einen Studienplatz für Chemie bekommen. Medizin soll folgen.