Hamburg: Amtsmissbrauch Alle schlittern - nur der Präsident darf streuen

Er heißt "Glatteis-Röder" und bereut: Der Hamburger Parlamentspräsident ließ seine Wohnstraße exklusiv vom Eis räumen. Ein Staatsrat half.

Von Ralf Wiegand

Diesen Winter im Norden grimmig zu nennen, ist wahrlich keine Übertreibung. Dauerfrost seit Wochen, auf Fußwegen türmen sich dreckige Schneegebirge, und die Straßen bedeckt dickes Eis. Ganz Hamburg rutscht.

Ganz Hamburg?

Nein, eine kleine Wohnstraße ist gänzlich vom Eise befreit. Es mutet wie ein Wunder an, denn all die Straßen in der Nachbarschaft haben seit Wochen kein Fahrzeug vom Räumdienst gesehen. Nur eben jene Frustbergstraße wurde am Abend des 5.Februar sauber abgestreut. Dass dort der Präsident des Parlaments, Berndt Röder (CDU), wohnt, - nein, es ist kein Zufall.

"Glatteis-Röder" läd zur Pressekonferenz

Wäre es nicht so kalt, man könnte sich an einer herrlichen Sommerloch-Affäre erfreuen. Am Dienstag lud Röder, "Glatteis-Röder" genannt, ins Rathaus zur Pressekonferenz und versprach, so etwas komme nie wieder vor. Aber zurücktreten? "Deswegen tritt man nicht zurück."

Weswegen eigentlich? Hamburg, Anfang Februar: Die Stadt, siehe oben, ist flächendeckend vereist. Es herrscht Streudienstnotstand. Der Bürgerschaftspräsident ist da auch nur Bürger: "Mir ist der Kragen geplatzt."

Vor seinem Haus führen sich Autos fest, die Frau des Nachbarn sei gestürzt. Also alarmiert Röder telefonisch den Chef des für seinen Wohnort zuständigen Bezirksamts, der sich sogleich für nicht zuständig erklärt und auf die Polizei verweist. Die könne bei Rutschgefahr im Verzug die Straßenreinigung zum Räumen verdonnern.

Die Heinzelmännchen von der Frustbergstraße

Röder aber hat bessere Nummern gespeichert als nur die seines Reviers. Er ruft den Staatsrat der für die Polizei zuständigen Innenbehörde an, der ihn allerdings auch nur weiterschickt zur Umweltbehörde. Dort klingelt Röder alsbald bei Staatsrat Christian Maaß (Grüne) durch, wiederum Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtreinigung. Tja, und noch am selben Abend räumen die Heinzelmännchen in der Frustbergstraße, und nur dort, brav alles Eis beiseite. Röders Chauffeur kommt nun sicher durch.

Das sehe nicht gut aus, sagte Röder nun, er hätte seine Straße nie erwähnen dürfen im Zorn über die gefrorene Stadt. Dass zwischendurch der Eindruck entstanden war, er hätte gar jeglichen Einfluss auf die Stadtreinigung leugnen wollen, sei ein Missverständnis gewesen. Diese Fehler erkannt, machte er gleich den nächsten und spendete 1000 Euro ans Rote Kreuz.

Das legte nahe, er würde einen wegen seiner Stellung gewährten Vorteil abgelten. "Ich hätte bei der Spende den Sachzusammenhang zu der Räumung nicht herstellen dürfen", sagte er.

Jetzt hat er gar keine Freude mehr an der abgetauten Straße, "nach so einer Woche". Gegner fordern seinen Rücktritt, selbst Parteifreunde schweigen betreten. Aber echte Freunde hätten gesagt, "Rücktritt wäre der falsche Schritt", erzählt Röder. Und bei der Glätte muss man ja auch gut aufpassen, wohin man tritt.