Haiti nach dem Erdbeben "Eine Epidemie sexueller Gewalt"

Eine Untersuchung bringt ans Licht, wie Frauen in den Notunterkünften Haitis zunehmend Opfer sexueller Gewalt werden. Ein Gespräch mit Annie Gell, einer der Autorinnen der Studie, über Gleichgültigkeit, Scham und den Mut der Frauen.

Interview: Inga Rahmsdorf

Die Täter kommen vor allem nachts und vergewaltigen ihre Opfer im Zelt oder auf dem Weg zur Toilette. In den provisorischen Zeltlagern in Haiti werden Frauen und Mädchen oft Opfer sexueller Gewalt. Viele Eltern trauen sich deshalb nicht mehr, ihre Kinder zur Schule zu schicken, heißt es in einem Bericht, den nun die City University of New York mit dem Institut für Gerechtigkeit und Demokratie in Haiti (IJDH) und der Frauenorganisation Madre veröffentlicht hat und der auf Interviews mit Betroffenen basiert. Offizielle Zahlen existieren nicht, doch Nichtregierungsorganisationen gehen von Tausenden Fällen aus. Trotzdem kümmere sich kaum jemand um dieses Problem, kritisiert Annie Gell. Die US-amerikanische Rechtsanwältin ist eine der Autorinnen des Berichts. Sie arbeitet in Haiti und setzt sich dort für vergewaltigte Frauen und Mädchen ein.

In Haiti leben immer noch mehr als eine Million Menschen in provisorischen Zeltlagern. Die meisten schlafen unter notdürftigen Planen oder Bettlaken. Mädchen und Frauen leiden zusätzlich unter zunehmender sexueller Gewalt.

(Foto: dpa)

sueddeutsche.de: Das Erdbeben in Haiti liegt ein Jahr zurück. Hat sich die Situation seitdem verbessert?

Annie Gell: Mehr als eine Million Menschen leben immer noch in den knapp 2000 provisorischen Lagern und es sieht so aus, als werden viele noch Jahre dort leben müssen. Die Vergewaltigungen haben in den vergangenen Monaten noch zugenommen. In den Lagern wütet eine Epidemie sexueller Gewalt.

sueddeutsche.de: Wie erklären Sie die Zunahme der sexuellen Gewalt?

Gell: Die politische Instabilität, die andauernde Straflosigkeit, der Ausbruch der Cholera und die gewalttätigen Proteste haben dazu geführt, dass immer mehr Menschen frustriert und verzweifelt sind. Diese Emotionen kanalisieren sich oft in Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Verschlimmert wird dies vielleicht dadurch, dass viele Gefangene bei dem Erdbeben auf freien Fuß gekommen sind. Die Gefängnisse wurden ja auch zerstört.

sueddeutsche.de: Die UN und zahlreiche Hilfsorganisationen sind seitdem vor Ort. Setzen sie sich nicht für die Sicherheit der Frauen und Mädchen ein?

Gell: Es gibt zwar einige gute Projekte, aber wenn ich mit den Frauen in den Lagern spreche, dann sagen sie meist, dass sie nichts davon bemerken. Sie fühlen sich von der haitianischen Regierung und der internationalen Gemeinschaft im Stich gelassen. Hinzu kommt, dass die Hilfsorganisationen und die UN zwar helfen können, aber sie können die nationale Regierung nicht ersetzen. Umso beeindruckender ist es, was die Frauen mit ganz wenig Mitteln selbst auf die Beine stellen.

sueddeutsche.de: Was tun die Frauen?

Gell: Sie verteilen Taschenlampen, unterstützen sich gegenseitig und bilden eigene Sicherheitspatrouillen. Allerdings ist das schwierig. Denn auch für Männer, die versuchen, die Frauen und Mädchen vor Vergewaltigungen zu schützen, kann es oft sehr gefährlich werden.

sueddeutsche.de: Können die Frauen die Vergewaltigungen anzeigen?

Eine Szene aus einem der etwa 2000 Notfalllager in Haiti. Es sind vor allem Mädchen und Frauen, die unter sexueller Gewalt leiden. Einer neuen Studie zufolge hat sich die Lage nicht verbessert, sondern ist schlimmer geworden.

(Foto: Getty Images)

Gell: Nur wenige der Opfer zeigen die sexuellen Übergriffe an. Sie schämen sich oder wissen nicht, an wen sie sich wenden können. Einige Frauen haben mir auch erzählt, dass die Familien der Täter etwas Geld zahlen, damit die Frau keine Anzeige erhebt. Andere wurden von Männern vergewaltigt, die im gleichen Lager wohnen und sie auch nach der Vergewaltigung bedrohen. Hinzu kommt, dass es viel weniger Polizisten als vor dem Erdbeben gibt. Haitis ohnehin schwaches Rechts- und Ordnungssystem ist nach dem Beben vollständig zusammengebrochen.

sueddeutsche.de: Und was passiert, wenn Frauen die Vergewaltigungen doch anzeigen?

Gell: Frauen, die es wagen, die Taten anzuzeigen, stoßen bei der Polizei und den Behörden meist auf Gleichgültigkeit. Eine Frau hat mir erzählt, dass ein Polizist ihr gesagt hätte, sie hätte die Vergewaltigung verdient, weil sie so einen großen Hintern hätte.

sueddeutsche.de: Gibt es denn ein funktionierendes Rechtssystem in Haiti, so dass die Vergewaltigungen geahndet werden können?

Gell: In dem Büro für internationale Anwälte, wo ich arbeite, haben wir 50 offene Fälle. Sechs Mal ist es uns gelungen, die Verantwortlichen vor Gericht zu bringen und zu verurteilen. Natürlich, verglichen mit deutschen oder US-amerikanischen Verhältnissen, ist das ein sehr schwieriger und mitunter frustrierender Prozess. Aber er ist es wert.

sueddeutsche.de: Was könnten die haitianische Regierung und die internationale Gemeinschaft unternehmen, um den Frauen zu helfen?

Die amerikanische Juristin Annie Gell ist eine der Autorinnen des aktuellen Berichts über sexuelle Gewalt in Haiti.

Gell: Wir fordern ganz grundlegende Dinge, wie zum Beispiel Licht. Es ist kein großer Aufwand, aber es hilft sehr, wenn die Lager auch nachts gut ausgeleuchtet sind, besonders die Toiletten. Wir haben festgestellt, dass die Vergewaltigungen in den Lagern weniger sind, wo mehr Licht ist. Es müssten außerdem mehr Polizisten in den Lagern sein, auch weibliche Polizistinnen. Ganz wichtig ist auch, dass die Stimmen der Frauen gehört werden.

sueddeutsche.de: Was meinen Sie damit konkret?

Gell: Die Frauen aus den Lagern werden nicht eingebunden in Entscheidungsprozesse. Sie aber sind die Experten bei diesem Problem. Ein Beispiel: Die UN und die haitianische Regierung halten ihre Treffen nur auf Französisch ab und sind nicht bereit, sie auf Kreolisch (die haitianische Kreolsprache Kreyòl; Anm. d. Red.) zu übersetzen. Die Mehrheit der einfachen Bevölkerung spricht aber nur Kreolisch.

sueddeutsche.de: Sehen Sie Chancen für Verbesserungen in Haiti?

Gell: Es ist schwierig, aber immer wenn ich all die Frauen und Mädchen erlebe, die sich so stark und mutig einsetzen und weiterkämpfen, trotz all der Schwierigkeiten, macht mir das Hoffnung, dass Haiti vorankommen kann.

Die komplette Studie über sexuelle Gewalt in Haiti finden Sie hier.