Wir müssen Lehren aus den alten Fehlern in Haiti ziehen, wenn wir verhindern wollen, dass sie sich wiederholen. Erstens hat es globale Folgen, wenn nichts gegen den Zerfall und das Scheitern eines Staates unternommen wird. Wenn es weder Stabilität noch eine Regierung mit Verantwortungsgefühl gibt, schadet das nicht nur dem haitianischen Volk. Sondern dies eröffnet auch neue Routen für Menschenhandel, Waffen und illegale Drogen.

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Donald Steinberg, stellvertretender Chef der International Crisis Group in Brüssel, war von 1999 bis 2001 Sonderkoordinator der US-Regierung für Haiti. (© Foto: ICG)

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Haitis Polizei muss wieder funktionieren

Ferner verursacht es Flüchtlingsströme über Grenzen und Meere hinweg, hemmt internationalen Handel und Investitionen und erleichtert die Ausbreitung von Pandemien. Aus diesen Gründen muss auf die große finanzielle und personelle Unterstützung bei der Katastrophenhilfe nun ein ebenso großes oder sogar noch größeres Engagement für "besseren Wiederaufbau" folgen.

Eine weitere Lehre ist, dass der Aufbau einer stabilen Gesellschaft nicht nur materiellen Wiederaufbau erfordert, sondern auch die Wiederherstellung von Sicherheit. Während Haiti in den vergangenen fünf Jahren erhebliche Fortschritte in den Bereichen politische Stabilisierung und Wachstum gemacht hat, waren die Bedingungen für Sicherheit, Regierungsführung und wirtschaftliche Stabilität auch vor dem Erdbeben immer noch schwach. In diesem Sinne geht es in Haiti nicht um Wiederaufbau, sondern um Aufbau.

Und in Sachen Sicherheit können die 25.000 Friedenstruppen, die nun nach Haiti strömen, lediglich ein Puffer sein. Haitis Nationalpolizei muss möglichst schnell die Arbeit übernehmen, um im Alltag Stabilität und Rechtsstaatlichkeit zu gewährleisten. Angesichts des Umstandes, dass nicht einmal die Hälfte der Polizisten wieder arbeitsfähig ist, dass Plünderer bereits erschossen oder gelyncht wurden, gefährliche Gefangene auf freiem Fuß sind und die Angst unter den Bürgern wächst, bedeutet dies eine gewaltige Herausforderung.

Schluss mit "Der Sieger bekommt alles"

Ebenso müssen ausländische Partner dem Land beim Aufbau der drei Staatsgewalten helfen. Das Land braucht ein effizientes Parlament und eine funktionierende Justiz, die ein Gegengewicht zur Macht der Regierung bilden. Haiti sollte vorerst die Politik zur Seite legen, die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen verschieben und eine Machtverteilung nach dem Prinzip "Der Sieger bekommt alles" aufgeben.

Wirtschaftliche Erneuerung wiederum bedeutet mehr als den Bau von Straßen, Kliniken, Schulen, Kraftwerken und Häusern. Die Haitianer müssen die Grundlagen für langfristige Entwicklung legen. Durch Wiederbelebung der Landwirtschaft können sie Investoren anlocken. Ferner müssen sie für eine gleichmäßigere Einkommensverteilung sorgen und Jobs schaffen. Dies geht mittels einer Strategie, die Wert auf medizinische Grundversorgung und Schulbildung legt, aber auch die Kleinbauern unterstützt, auf Umweltschutz achtet und einen Erlass der Auslandsschulden anstrebt.

Die Regierung selbst muss mit der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten. Anwälte, Lehrer, Gewerkschaften und Frauen sind diejenigen Kräfte, die eine Gesellschaft zusammenhalten und sozialen Druck abfedern. Solche Gruppen sind in Haiti bisher allzu oft nur für "Teile-und-herrsche"-Strategien benutzt worden.

Hieraus folgt die letzte Lektion. So, wie die Haitianer neu zusammenfinden müssen, muss dies auch die internationale Gemeinschaft tun. Kabbeleien darüber, wessen Flugzeuge am Flughafen Port-au-Prince landen dürfen, passen nicht zur Größe der Aufgabe. Es braucht eine globale Anstrengung, auf der Basis einer Vision der Haitianer. Ein erster Schritt war es, den Vereinten Nationen die Führungsrolle zuzuweisen. Auch wenn sie angesichts der eigenen Verluste in Haiti geschockt und traumatisiert sind: Die Organisation muss die Kraft dazu finden. Es geht darum, beste Absichten in beste Taten umzumünzen.

Donald Steinberg, stellvertretender Chef der International Crisis Group in Brüssel, war von 1999 bis 2001 Sonderkoordinator der US-Regierung für Haiti.

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  1. Hundert Jahre Grausamkeit
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(SZ vom 9.2.2010/jab)