Haftanstalt wird abgerissen Festung Stammheim

Kaum ein Wort ist so sehr Chiffre für die Bedrohung der Bundesrepublik durch den Terrorismus wie Stammheim. In der Haftanstalt am Rande Stuttgarts saß einst die Führung der RAF: Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin. Jetzt soll der Komplex einem Neubau weichen - man will endlich zu einer ganz normalen Vollzugsanstalt werden.

Von Roman Deininger, Stuttgart

"Da geht man einmal in Urlaub", sagt der freundliche Justizvollzugsbeamte, er schüttelt den Kopf, auch nach fast 35 Jahren noch. Auf Menorca war er damals, und als er auf der Rückreise am Frankfurter Flughafen wieder eine deutsche Zeitung in die Hand bekam, wäre er "beinahe umgefallen".

Chiffre für die terroristische Bedrohung der Bundesrepublik durch die RAF: Der Künstler Olaf Metzel hat der Haftanstalt mit seiner Installation "Stammheim" beim Stuttgarter Kunstgebäude thematisiert.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Von der "Todesnacht in Stammheim" las er da, von seinen Kollegen, die am Morgen des 18. Oktober 1977 die Häftlinge gefunden hatten: den toten Andreas Baader, die tote Gudrun Ensslin, den sterbenden Jan-Carl Raspe und die schwer verletzte Irmgard Möller. Gleich dort drüben, in den Zellen am Ende des Gangs. Er habe viel darüber nachgedacht, sagt der Beamte. Aber im nachhinein sei er ganz froh, dass er Ferien hatte in jenen Tagen.

Stammheim ist ein Außenbezirk von Stuttgart, ganz sicher der berühmteste. Es gibt ein schönes Fachwerk-Rathaus, viele Schrebergärten und sogar ein kleines Schloss. Doch all das hat wenig beigetragen zum seltsamen Ruhm dieses Ortes. Einst hat ihn der heiße Wind der Geschichte getroffen, und das Brandmal ist ihm bis heute geblieben. Stammheim ist eine Chiffre für die terroristische Bedrohung der Bundesrepublik durch die RAF, genau wie für den fiebrigen Versuch des Rechtsstaats, dieser Bedrohung irgendwie Herr zu werden.

1964 nahm die Justizvollzugsanstalt Stuttgart ihren Betrieb auf, ein betongrauer Hof, zwei betongraue Hafthäuser, eines acht Stockwerke hoch. In diesem Bau Eins wurden 1972 die führenden Vertreter der ersten RAF-Generation inhaftiert und später im siebten Stock zusammengelegt. Hier klagten sie über "Isolationsfolter", hier strickten sie am Mythos Stammheim. Hier kämpften sie im "Deutschen Herbst" ihren letzten Kampf gegen den verhassten Staat, hier nahmen sie sich das Leben. "Jeder fragt nach dem siebten Stock", sagt Anstaltsleiterin Regina Grimm, sie muss gar nicht dazu sagen, dass sie das nervt. Aber bald soll es mit den Fragen ja vorbei sein.

"Dann sind wir endlich eine ganz normale Vollzugsanstalt"

Das geschichtsträchtige Hochhaus von Stammheim, hat das baden-württembergische Finanzministerium kürzlich mitgeteilt, wird 2015 abgerissen. Das Gebäude sei hoffnungslos veraltet, ein Neubau billiger als die Sanierung. Schon Anfang Februar sollen gleich nebenan die Gruben für fünf moderne Haftblöcke ausgehoben werden. Wenn die stehen, im Herbst 2014, sollen die derzeit 420 Insassen von Bau Eins umziehen. Grimm sagt: "Dann sind wir vielleicht auch endlich mal eine ganz normale Vollzugsanstalt."

Die "Festung Stammheim" galt früher als sicherstes Gefängnis des Landes, ach was, der Welt. "Ein Stück von dem Nimbus haben wir behalten", sagt Peter Jesse. "Bis heute schicken uns die Richter die harten Fälle nach Stammheim." Jesse ist der Leiter des Vollzugsdienstes, ein großer, kräftiger Mann mit sehr wenig Haar und sehr viel guter Laune.

1977 war er noch nicht in Stammheim, aber er hatte immer wieder mal mit RAF-Mitgliedern zu tun. Im Gerichtsgebäude nebenan, in dem den Terroristen der Prozess gemacht wurde, hat er mit Christian Klar "auf dem Boden gerungen, als der wieder mal einen Ausraster hatte". Man habe sich "einiges an Beleidigungen anhören" müssen von den Terroristen, erzählt Jesse. "Nur wenn man mal ganz allein mit ihnen war, ist es bei einigen in Richtung Freundlichkeit gegangen."

Die Häftlinge, die Jesse auf dem Weg zum Fahrstuhl zunicken, interessierten sich nicht besonders für die Vergangenheit des Gebäudes, sagt er, die hätten ja auch wahrlich andere Sorgen. In Bau Eins sitzen viele Untersuchungshäftlinge und viele, die noch in eine andere Anstalt verlegt werden sollen. "Deshalb ist es hier nicht ganz so gemütlich", sagt Jesse. Die Zellen sind zwar sauber, aber der Putz bröckelt von der Wand, die Möbel sind zerkratzt. Dem Komfort nach könnte man glauben, die Räumlichkeiten seien zuletzt in den Sechzigern vom sowjetischen Geheimdienst genutzt worden: zwei Stockbetten, ein Tisch, vier Spinde, vier Stühle. Eine Toilettenschüssel, und vor der Schüssel ein ausklappbares Brett für den allernötigsten Sichtschutz. Jesse sagt: "Das ist natürlich nicht mehr zeitgemäß. Deshalb wird ja neu gebaut.

Zelle 719 - hier saß Andreas Baader ein

Im siebten Stock sieht es nicht viel anders aus, ein bisschen freundlicher vielleicht. Am Eingang zu dem Flur mit dem braunen Boden, in dem sich die RAF-Mitglieder wohnlich einrichten durften, hängt eine Dartscheibe, seit 1990 ist hier die Jugendabteilung des Gefängnisses untergebracht. Am Ende des Gangs, kurz vor der Wand aus massivem verschliertem Glas, schließt Jesse Zelle 719 auf. Zunächst war das Ulrike Meinhofs Zelle, am 9. Mai 1976 hat sie sich dort erhängt. Dann wurde es Baaders Zelle, 21,3 Quadratmeter, Blick auf Wiesen und den Kornwestheimer Verladebahnhof. Es riecht wie in der Umkleidekabine nach einem Fußballspiel. Auf alten Fotos sieht Baaders Zelle aus wie eine Studentenbude, 900 Bücher soll er hier gehabt haben und unzählige Schallplatten. Dort im Eck habe er sich erschossen, sagt Jesse. Und dann: "Ich denke nicht, dass jemand diesen Ort vermissen wird."

Stammheimer Lokalpolitiker haben kurz darüber nachgedacht, ob sie nicht eine Art Gedenkstätte einrichten sollten. Aber sie haben das schnell verworfen. Es war die Frage aufgekommen, wem genau man eigentlich gedenken wolle. "Den RAF-Häftlingen ja wohl nicht", sagt Regina Grimm. Und den Opfern ihrer Anschläge? Für die, sagt Grimm, "gibt es ganz sicher bessere Orte als diesen".