Guttenberg verzichtet auf Doktortitel Bewusstlose Wettertanne

Doktorarbeiten sind vor allem eins: ein ökonomisches Problem. Sind sie fertig, sind sie zu wenig nütze. Trotzdem gibt es Regeln, an die sich Guttenberg nicht gehalten hat. Wenn das nicht schlimm ist, dann sollte der akademische Grad in Zukunft am Mensa-Eingang ausgegeben werden.

Ein Kommentar von Bernd Graff

Nun lassen wir all das mal dahingestellt: das Federfuchsen, das Rumstöbern, das Spitzfindigkeitenwollen! Lassen wir dahingestellt, dass eine Meute die Fährte gewittert hat, die nun Dr. a. D. Guttenbergs Unpromotions-Arbeit feinfielseln wird und vermutlich noch übernommene Rechtschreibfehler aufspüren könnte. Lassen wir all das beiseite, was man auch unter Krämerseelenverdacht stellen könnte. Konzentrieren wir uns auf das Jetzt!

Der amtierende Verteidigungsminister hat sich selber eine Ruck-Rede zur eigenen Plagiatsaffäre gehalten, die darin gipfelte, dass er, umjubelt von irgendeiner CDU-Basis in Kelkheim, ausrief: "Eine oberfränkische Wettertanne hauen solche Stürme nicht um."

Mit Stürmen, wohlgemerkt, sind hier die Nachforschungen, Kommentare und Analysen gemeint, die im Anschluss an die ersten SZ-Enthüllungen um die mutmaßlich billig bekommene Promotion in der Öffentlichkeit einsetzten.

Das sagt, wohlgemerkt, ein Mann, der schon in der Einleitung seiner Arbeit gezeigt hat, wie man nach Gutsherrenart, so nennt man das wohl, mit wissenschaftlichen Standards umgeht, nämlich lässig. Das ist nach Guttenbergs Worten nun aber alles nur "Blödsinn" gewesen, zu dem er "stehen" könne, weil eben nicht "bewusst" geschehen sei, was geschehen ist. Aha.

Nimmt man die veradelte Wettertanne jetzt ernst, dann hat Guttenberg in irgendwelchen bewusstseinsveränderten Zuständen eine Einleitung - und mehr - zusammengeschrieben, die nicht wirklich toll wurden dadurch, dass sie aus verschiedenen, nicht benannten Quellen stammten. Das sei aber nicht in bewusster Täuschungsabsicht geschehen (schon wieder kein Bewusstsein!), sondern eben ... ja, wie eigentlich? "Überblick über die Quellen verloren", lautet die vor Jubelkelkheimern gegebene Antwort.

Während nun die Gremien tagen und Kanzlerin Merkel bereits meint, sie benötige schließlich keinen wissenschaftlichen Assistenten, sondern einen Verteidigungsminister, während also die Abwiegelungsmaschine in vollen Touren läuft, muss man sich das verlautbarte Wettertannen-Gestrüpp doch einmal auf der Zunge zergehen lassen. Selbstverständlich, wie Jürgen Kaube zu Recht in der FAZ schreibt, gibt es immer Wichtigeres als Fußnotengerangel und sowieso Wichtigeres als Doktorarbeiten. Aber, wieder Kaube, "soll man darum nicht mehr sagen dürfen, worum es sich handelt?".

Doktorarbeiten sind in Deutschland vor allem eins: ein ökonomisches Problem für die Betroffenen und ihre Familien. Man sitzt Jahre meist unbezahlt an irgendeinem Werk, von dem Doktorväter und -mütter meist immer wünschen, dass es noch üppiger ausfallen möge als es ohnehin schon ausfällt. Diese Jahre wollen finanziert und über die Runden gebracht sein.

Familien verzichten und finanzieren, damit die Kinder Doktorarbeiten schreiben können, Stiftungen verwenden - auch öffentliche - Gelder, um solche Arbeiten zu ermöglichen. Und die armen Doktoranden müssen monothematisch schuften, dass kein Ende ist. Dabei geht auch Lebenszeit drauf. Faktisch werden die Menschen älter und folglich arbeitsmarktferner, während sie so was schreiben.

Und warum das Ganze? Damit das Wissen gemehrt werde, die Professoren mit der Zunge schnalzen, und die Promotionsbeglückten leichter Wohnungen bekommen, wenn sie dem Vermieter einen Doktortitel vorzeigen. Denn leider: Sonst sind Doktortitel zu wenig nütze.

Aber es gibt eben diese Verfahren, Kodizes und Richtlinien, an die man sich halten muss, mag man sie auch für blödsinnig halten. Das ist wie bei der Führerscheinprüfung. Da kann man ja auch nicht "rechts vor links" mal eben überspringen, weil man keine Zeit und/oder Lust hat, sich das zu merken. Entweder man spielt ein Spiel nach den Regeln oder man spielt nicht mit.

Deshalb geht es bei Karl-Theodor zu Guttenberg nicht darum, ob er akademische Weihen zu Recht erhalten hat oder eben nicht. Es geht um das, was jedem Erstklässler eingebimst wird: Eine Klassenarbeit, die man abschreibt, ist keine eigene Leistung. Selbst wenn oft erstaunliche Leistungen erbracht werden, um das Abschreiben unauffällig geschehen zu lassen.

Darum kann Frau Merkel zwar getrost darauf verweisen, dass es doch wurscht sei, statt eines Akademikers nur einen faulen Akademiker in den Kabinettsreihen zu wissen. Dass sie aber - in diesem Fall - einen anscheinend bewusstlosen Täuscher zum Verteidigungsminister hat, muss ihr nicht auch noch öffentlich gefallen.

Abgesehen davon, dass sie ihrer Wahl-Klientel damit ja indirekt auch sagt: Wie blöd seid ihr eigentlich, euch für Akademie-Lorbeer krummzulegen, wo es doch eigentlich nur um - sagen wir - innere Werte oder Charisma oder Charakter geht, die ohnehin nicht an Akademien gelehrt werden. Das aber bringt uns schließlich an den Punkt, an dem der Doktor wider Wirken, der ja auch gerne volkstümelnd AC/DC-Shirts vor Publikum trägt, sich mit seinen Geringsten gemein macht. Denn er tut nun all das als Blödsinn und unbewusste Täuschung ab. Was faktisch eine Frechheit ist, nicht Chuzpe.

Was wäre eine Täuschung anderes als eine Täuschung? Da kann man sie etikettieren, wie man will. Sie bleibt Täuschung. Und die ist meist kein Lausbubenstreich oder Blödsinn. Jedenfalls nicht, wenn es nicht um Kaugummikauen unter der Schulbank geht, sondern um jene blödsinnigen Titel, die manche immer noch für den Türöffner zum Beruf halten.

Auf dem Guttenberglevel sollte der Doktortitel also mit den Haferflocken ausgebeben werden. Ja. Dann macht das auch bitte so, liebe Universitäten! Am besten am Mensa-Eingang für alle Erstsemester. Allen anderen empfehlen wir strengstmögliche Offenheit: Nennt jede schulische/akademische Verfehlung ab dem zehnten Lebensjahr möglichst klar und offen Blödsinn und unbewusst geschehene Täuschung! Dazu zieht ihr bitte AC/DC-Hemden an und nennt euch Wettertanne.

So funktioniert Deutschland als Farce - zumindest für die, die dringend benötigte Hoffnungsträger sind und ein bisschen Gel in den Haaren zu verteilen wissen.