Guttenberg: Krisenstrategie Der doppelte Karl-Theodor

Volten, Wandlungen, Widersprüche - und stets im Brustton tiefer Überzeugung: Minister Guttenberg irrlichtert immer wieder und schafft es trotzdem, sich als Klartext-Politiker zu profilieren.

Von Oliver Das Gupta und Marc Widmann

Da ist es wieder, sein Lieblingswort: Absurd. "Wenn es gelegentlich etwas absurd wird, hält man die Dinge auch aus", ruft Karl-Theodor zu Guttenberg. Eine oberfränkische Wettertanne haue so ein Sturm noch lange nicht um. Rücktritt? "Soweit kommt's noch!" Als er fertig ist, springen sie auf: 900 euphorisierte CDU-Anhänger in der Kelkheimer Stadthalle. Jubelgebrüll.

Absurd, das ist an diesem Abend nicht seine zusammenkopierte Doktorarbeit, für die er sich entschuldigt. Absurd ist für Guttenberg das Verhalten der Journalisten, die groß darüber berichtet haben. "Wir müssen sehr darauf achten, dass wir die Dinge noch im Lot halten", doziert der Verteidigungsminister von der Bühne. Und fragt mit gepresster Stimme: "Ist das verantwortbar?"

Er hat die Menge im Griff wie nur wenige Redner. Er ruft wütende Sätze - der Saal schnaubt. Er spricht leise und beschwörend - der Saal nickt. Er lobt recht zusammenhangslos den "begabten Buchautor" Thilo Sarrazin - der Saal klatscht energisch. Zwischendurch macht er sich lustig über die "bebende Unterlippe der Empörung" seiner Kritiker. Der Saal lacht.

Das CDU-Volk in Kelkheim jubelt ihm zu. "Jawohl", brüllen ältere Männer immer wieder dazwischen. Absurd - das sind die anderen.

Abstrus. Dieses nur etwas andere Wort bemühte der CSU-Star knapp eine Woche zuvor. So geißelte er die Plagiatsvorwürfe, die mit einem Bericht in der Süddeutschen Zeitung ihren Anfang genommen hatten. Empört wies Guttenberg damals den delikaten Verdacht zurück, er habe systematisch und in größerem Umfang abgekupfert. Wenn "vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten", so würde er "dies bei einer Neuauflage berücksichtigen", marginalisierte der Minister die Vorwürfe.

Am Freitag dann düpierte er das Gros der Hauptstadt-Korrespondenten: Vor einigen "ausgewählten" (O-Ton Guttenberg-Sprecher) Medienvertretern verkündete er, er wolle auf das Führen seines Doktortitels verzichten - natürlich nur vorübergehend, bis zur Klärung der Vorwürfe. Über die Dissertation wolle er nurmehr mit der Universität Bayreuth sprechen, beschloss der Minister. Drei Tage später redet er in Kelkheim dann doch wieder darüber, räumt "Blödsinn" beim Verfassen der Arbeit ein, entschuldigt sich, verzichtet auf den "Doktor" - dauerhaft. Und wettert gegen das Verhalten der Presse.

Fünf Tage, drei Statements, zwei Guttenbergs.

Die Kelkheimer Kehrtwende demonstriert eine für Guttenberg inzwischen typische und bislang bewährte Form der Krisenbewältigung: die Methode der doppelten Darstellung.

Gebasteltes Klartext-Image

An einem Tag wird etwas behauptet, wenig später gegenteilig gehandelt - und beides mit dem Brustton der allergrößten Überzeugung vertreten. Es ist eine Strategie, die der Disziplin bedarf - und einer gehörigen Portion Chuzpe. Mit gutem Grund trauen sich viele Politiker solche Volten nicht zu, sie schwurbeln deshalb lieber herum, bleiben im Ungewissen, meiden, solange es geht, Festlegungen. Das ist nicht glamourös, aber verschafft Sicherheit. Die Kanzlerin etwa hat diese Methode perfektioniert.

Anders Guttenberg. Neben seiner Herkunft, seiner flotten Frau und seinem juvenil-schneidigen Auftreten gründet seine Popularität vor allem auf dem Nimbus, Anti-Politiker zu sein. Seit seiner Zeit als Wirtschaftsminister und erst recht seit dem Wechsel ins Verteidigungsressort bastelt er am Image des Klartext-Volksvertreters. Seine Botschaft: Ich rede nicht um den Brei herum, bei mir gibt es klare Kante, schnelle Entscheidungen, zack, zack.

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