Von Hans-Jürgen Jakobs

Mit Frau geht es besser: Kandidat Frank-Walter Steinmeier übt den politischen Paarlauf bei "Kerner". Die Kolumne zum Medienwahlkampf.

Es gibt Neues von Frank-Walter Steinmeier. Er kann 60 Minuten lang lachen und den Gute-Laune-Bär geben. Er kann Anekdoten einigermaßen kurzschweifig erzählen und findet sogar heraus, wenn bei einem alten Citroën 2 CV, Typ "Ente", die Zündspule locker ist. So ein Auto hat er einmal gefahren.

Steinmeier und Büdenbender, dpa

Der erste gemeinsame Auftritt im Wahlkampf: SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier mit seiner Frau Elke Büdenbender bei der Vorstellung des SPD-Wahlprogramms im April in Berlin. (© Foto: dpa)

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Deutschland kann also ruhig schlafen, wenn so einer Kanzler wird - das teilte ein enger Steinmeier-Freund ja auch gleich in jener TV-Sendung mit, die so etwas wie der Volks-TÜV für ambitionierte Politiker ist, und die wie ihr Moderator "Kerner" heißt.

Hier, im ZDF, hatte der Bundesaußenminister und SPD-Kanzlerkandidat am Mittwochabend einen für seine Verhältnisse lockeren Auftritt. Das lag weniger am routiniert freundlichen Gastgeber Johannes B. Kerner, der seine letzten Monate im ZDF mit politischen Lockerungsübungen zu verbringen scheint. Ausschlaggebend war vielmehr Elke Büdenbender, die Frau an seiner Seite.

Familie Steinmeier plauderte sich im Studio durch 20 Jahre gemeinsame Beziehung und durch eine Zukunft, die aus dem spröden Spitzenbeamten einen jovialen Kanzler aller Deutschen machen soll. Natürlich traten, wie es sich für Kerner gehört, Steinmeier und Frau "exklusiv" auf - also erstmals gemeinsam in einer Talkshow.

"Mein Mann ..."

Man muss schon etwas bieten, in diesen Monaten des Superwahljahres, in dem ein emotionaler Höhepunkt den nächsten jagt und die Sozialdemokraten immer noch deutlich hinter dem Angela-Merkel-Fanklub CDU zurückliegen.

Cherchez la femme, trouvez la femme: Haben es die USA nicht vorgemacht? Barack Obama hat seine famose Michelle ja auch immer wieder auf die Bühne gebracht - und als die SPD im April im Berliner Tempodrom zur großen Offensive trieb, da stand auch Elke Büdenbender im Scheinwerferlicht.

Die Juristin ist von jener kritischen Solidarität, die solche Ehen am Laufen hält. Bei Kerner erledigte sie ihren Part, den Mann zu loben und zu ehren, mit energischen Bekenntnissen. Eine kleine Auswahl ihrer subjektiven Insider-Urteile: "Mein Mann ist ein ausgezeichneter Politiker"; "er ist ein Macher und geht auf die Menschen zu"; "er ist zielstrebig"; "mein Mann hat klare Ziele". Vor allem zu Beginn der Sendung suchten die beiden im Dienst der Sache Handkontakt.

Das Volk will keinen Politruk wählen, der Akten frisst und mit Netzplantechnik von A nach B kommt. Das Volk will einen, der ganz Mensch ist, vor dem man keine Angst hat und der mit seiner Frau klarkommt. Der Boulevard liefert die Geschichten hierzu, gedruckt und online. Und nach dieser Geschichtspflege ist das Fernsehen für die Gesichtspflege zuständig.

Im Nahfamiliären hat Frank-Walter Steinmeier hierbei einen klaren Vorteil gegen die amtierende Kanzlerin. Angela Merkel schleift ihren Mann höchstens mal zu Opernaufführungen mit sich; dann sieht man Professor Joachim Sauer mit Smoking und Fliege. Im Rahmenprogramm auf großen internationalen Konferenzen bleibt der Wissenschaftler dekorativ unter lauter Politikergattinnen im Hintergrund. Höchstens einmal Winken für die Presse, damit ist nicht viel Staat zu machen. Elke Büdenbender aber punktet.

Die eigene Ehefrau war für die Imagebildung von Spitzenpolitikerin schon immer ein Faktor. Geht es mit dem Paar gut, funktioniert der Nachschub an Storys und Bildern. Die Norwegerin Rut Brandt wirkte distinguiert-repräsentativ neben Willy Brandt, Loki Schmidt pflegte ihr intellektuelles, schwarzpullovriges Eigenleben neben Helmut Schmidt. Hannelore Kohl schien auf Jahre die Rolle der sanftmütigen, sozial engagierten Kanzlerfrau neben ihrem Helmut auszufüllen, ehe später die Zerrissenheit ihres Lebens deutlich wurde.

Marie-Luise Kiesinger hatte 1966 auf die Frage nach ihren Zielen als Kanzlergattin noch die einfache Antwort parat gehabt: "Ich werde versuchen, mein Privatleben zu retten." Das war naiv. Ihr Kurt-Georg regierte nur drei Jahre.

Altkanzler Gerhard Schröder wiederum, der langjährige Chef Steinmeiers, inszenierte erst das Glück im Hannoveraner Haushalt der damaligen Gattin Hiltrud mit ihren zwei Töchtern, ehe dann die einstige Boulevardjournalistin Doris Köpf Einfluss gewann. Sie wurde Beraterin und Ehefrau - immer bereit, sich einzumischen.

Ein Lob dem Frühstück

Elke Büdenbender, die Partnerin des aktuellen Kanzlerkandidaten der SPD, kommt kumpelhaft daher. Eine Michelle ist sie so wenig wie ihr Mann ein deutscher Obama, aber immerhin geben die beiden vor Millionenpublikum glaubhaft ein Team, das alles schafft: Den Sprung vom Hausmeier zum Regierungschef ebenso wie die Reparatur eines 2 CV. Ein Fall für zwei.

Es kocht nur einer: sie oder er

Zur vielbeschriebenen "Kernerisierung" der Gesellschaft leisteten die aus Berlin angereisten Eheleute insofern einen Beitrag, als es vom regelmäßigen gemeinsamen Frühstück mit der Tochter schwärmte und über deren aktuelle musikalischen Vorlieben redete, von Beyoncé bis Lady Gaga. Das macht sich schon besser als der läppische Vergleich der Rolling Stones mit den Beatles, den Steinmeier in der ersten Phase des Wahlkampfs platziert hat.

Man erfuhr bei jenem politischen Paarkunstlauf auch, bedingt durch die halbgare Fragetechnik des Ex-ZDF-Kochshowstars Kerner, dass im Hause Steinmeier immer nur einer kocht: sie oder er. Der Minister sei bei dieser Tätigkeit "ein freischaffender Künstler", während sie streng nach Kochbuch vorgehe, enthüllte Elke Büdenbender.

Wer hätte das gedacht! Der Mann, der öffentlich oft so spricht, als lese er aus einem Verwaltungshandbuch vor, greift zu Hause mit großer Geste ins Salztöpfchen! Die Information, dass er wie Angela Merkel gerne Rouladen macht, ersparte Steinmeier dem Publikum.

Der politischen Aufklärung diente auch, dass seine Frau die Einkäufe erledigt und potentielle Anzüge zur Anprobe herbeibringt. Allerdings hat es auch mal richtig Streit gegeben: Protestant Steinmeier stritt mit Katholikin Büdenbender um die Religionszugehörigkeit des Kindes. Am Ende habe sie gesagt: "Wir könnten sie ja wenigstens evangelisch taufen." Das sind Informationen aus erster Hand.

Dass Frank-Walter Steinmeier nach ganz oben strebt, hat man spätestens geahnt, als er im Juni 2008 für Bunte, das Zentralorgan des neuen Deutschland, im sündteuren Berliner Hotel de Rome auf einem Hotelbett den Aktenkoffer öffnete, und beispielsweise über seine anstrengendes Reiseaktivität redete. Schon damals kam der Crosstrainer im häuslichen Keller vor, den er zu selten benutze.

Seitdem hat der heute 53-Jährige eine Solorunde bei Kerner-Konkurrent Reinhold Beckmann in der ARD hinter sich gebracht, wobei sich die Absenz seiner Frau im Nachhinein doch als sehr negativ für ihn erwiesen hat. Etwas Sauertöpfisches belastete die Veranstaltung. Er war noch nicht soweit, über Persönliches lange zu reden. Erst später, in Bild und Bild am Sonntag, gab er preis, dass ein altes Augenleiden ihn fast blind gemacht hätte. Über die Transplantation wurde sein Haarschopf grau, das wissen die Deutschen jetzt.

"Hello, Hillary, where are you?"

Da Steinmeier einst Sportreporter werden wollte (ein Beruf, den Kerner ausübt) war ein gewisses Grundverständnis in der ZDF-Show vorhanden. Der Architekturfan von der SPD gab anhand eines Modells seine Meinung zu Berliner Bauten kund - und betonte wiederholt mit fester Stimme, ja sogar lachend, dass die SPD die Wahl gewinne. Ganz sicher. Seine Wunschschlagzeile für den 28. September, den Tag nach der Bundestagswahl: "Überraschung: SPD absolute Mehrheit". Sein Frau machte es kürzer: "Merkel gratuliert".

Selten zeigte Steinmeier bei "Kerner" jene konkav nach unten gerichteten Mundwinkel, die beim Wähler schlecht ankommen. Nur als ein Einspielfilm einen Tag im Leben des großen Ministers zeigte, wurde er verkrampft. "Ich telefoniere nachher mit Hillary Clinton, das weißt du", sagte der Außenminister seinem Mitarbeiter. Und nachher durfte die TV-Kamera der Nachwelt das makellose Steinmeier-Englisch erhalten: "Hello, Hillary, where are you ...?"

Im Studio aber erzählte der Sozialdemokrat, irgendwie gelöst, von Flugangst, Opel, Arcandor, politischer Verantwortung. Und stichelte gegen den Wirtschaftsminister von der CSU: "Alles kaputtgehen lassen, das kann nicht sein", sagte er. Oder: "Manche Untätigkeit ärgert mich."

Je länger die Schmusi-Sendung dauerte, umso weniger wurde Elke Büdenbender gefragt. Über ihren Halbtagesjob als Richterin für Sozialrecht am Berliner Verwaltungsgericht erfuhr man ebenso wenig wie über ihre langjährigen Mitgliedschaften in SPD und IG Metall. Sie war hier im Fernsehen schließlich Frau Steinmeier, nicht Frau Büdenbender.

Irgendwann gegen Schluss machte Steinmeier ein Versprechen, das nicht zu halten ist: "Meinen Stil", sagte er, "werde ich nicht verändern." Wenn sich der Mann, der mit seiner Frau Kanzler werden möchte, diese Kerner-Stunde einmal in Ruhe anschaut, wird er vielleicht anders urteilen.

Mit ihm und Elke kann Deutschland ruhig schlafen.

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(sueddeutsche.de/ihe)