Gulag in Nordkorea Menschenrechtler revidiert Bericht über Straflager

Shin Dong-hyuk im Dezember 2013 in Washington

(Foto: Reuters)
  • Shin Dong-hyuk wurde in einem nordkoreanischen Straflager geboren. Nach seiner Flucht wurde er einer der wichtigsten Zeugen der Menschenrechtsverletzungen der Regierung in Pjöngjang.
  • Nun korrigiert er Teile seines Berichts. So wurde er nicht mit 13 Jahren gefoltert, sondern als 20-Jähriger. Auch hat er nicht nur im Lager 14 gelebt, sondern lange Zeit in einem anderen Lager.
  • Menschenrechtler halten seine Aussagen jedoch noch immer für glaubwürdig und wichtig.

Es war eine furchtbare Geschichte, die Shin Dong-hyuk nach seiner Flucht aus Nordkorea zu erzählen hatte. Geboren in einem Gefangenenlager, war er als Kind gefoltert und zur Arbeit gezwungen worden, hatte die Fluchtpläne der Mutter und des Bruders verraten und mit ansehen müssen, wie diese hingerichtet wurden.

Nach seiner eigenen Flucht erzählte er dem US-Journalisten Blaine Harden davon. Der veröffentlichte Shins Geschichte unter dem Titel "Flucht aus Lager 14" - das Buch des Washington-Post-Autors wurde ein Bestseller und Shin zu einem der wichtigsten Kronzeugen für die Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea.

Nun sorgt Shin erneut für Aufregung - allerdings auf eine unerfreulichere Weise als bisher. Er musste einräumen, dass seine Biografie in einigen Teilen anders aussieht, als er zuvor behauptet hatte.

Demnach wurde er nicht als 13-Jähriger schwer gefoltert, sondern als 20-Jähriger. Und seine beiden Angehörigen wurden nicht im Hochsicherheitsgefängnis Lager 14 im Norden Pjöngjangs hingerichtet, sondern in einem benachbarten Lager mit der Nummer 18.

Das hat der heute 32-jährige Nordkoreaner dem Autor gestanden. Aus dem Lager 18 war Shin nach eigener, aktueller Aussage, demnach zweimal geflüchtet. Nach der ersten Flucht 1999 dauerte es nur wenige Tage, bis er wieder gefasst wurde. 2001 kam er dann immerhin bis nach China. Die Polizei schickte ihn jedoch nach Nordkorea zurück. Und dort wurde er dann ins Lager 14 gebracht, wo er 2002 - 20-jährig - über einen Zeitraum von sechs Monaten bestraft und gefoltert wurde. Aus diesem Lager gelang ihm schließlich 2005 die Flucht, indem er über den Körper eines Mitgefangenen kletterte, der am Elektrozaun gestorben war. 2006 erreichte er über China Südkorea.

Ursprünglich hatte Shin Harden erzählt, die Folterer hätten ihn im Lager 14 als 13-Jährigen gefoltert, weil er im Verdacht stand, gemeinsam mit seiner Familie die Flucht geplant zu haben. Auch sagte er, der Grund für die Verstümmelung eines Fingers durch einen Wärter sei, dass er eine wertvolle Nähmaschine fallengelassen hatte. Heute sagt er, er habe das Fingerglied verloren, als ihm die Folterknechte den Fingernagel herausgerissen hätten.

Vor Harden rechtfertigte sich Shin für seine ursprünglichen Unwahrheiten damit, dass er es als zu schmerzhaft empfunden hätte, über einige Ereignisse nachzudenken. Deshalb habe er einige Details, die ihm nicht relevant erschienen, anders erzählt. "Ich wollte nicht exakt erzählen, was geschehen war, um nicht erneut diese schmerzhaften Momente durchleben zu müssen", sagte er Harden. Auf die Frage, warum er Details verändert hätte, obwohl sich das Grauen seiner Geschichte dadurch nicht verändert hätte, sagte Shin, er hätte gedacht, dass die Daten, Plätze und Umstände überhaupt nicht so wichtig wären. Es tue ihm leid, dass er nicht in der Lage gewesen sei, "von Beginn an die volle Wahrheit gesagt zu haben", zitiert der Journalist den Dissidenten. Ihm sei klar, dass seine Glaubwürdigkeit darunter leiden würde.

Blaine Harden und Shin Dong-hyuk bei der Vorstellung ihres Buches "Escape from Camp 14" in Paris

(Foto: Reuters)

"Ich bin überzeugt, dass er gefoltert wurde"

Harden selbst geht eigenen Angaben zufolge davon aus, dass die wichtigsten Angaben Shins weiterhin richtig sind. "Ich bin wegen seiner Narben überzeugt davon, dass er gefoltert wurde", sagte er jetzt der Washington Post.

Wie die Zeitung berichtet, halten auch andere Experten Shins Bericht in seiner neuen Version für eine überzeugende Darstellung der Zustände in den Straflagern in Nordkorea und den Umgang der kommunistischen Regierung mit Dissidenten.

Die wichtigsten Punkte in Shins Bericht würden nicht in Frage gestellt, sagte Greg Scarlatoiu vom Committee for Human Rights in North Korea in Washington. "Er ist ein Überlebender aus einem politischen Gefangenenlager. Dieser junge Mann wurde auf verabscheuungswürdige Weise gefoltert. Das ist wahr."

Shins Ehefrau Leeann Roybal sagte der Washington Post, ihr Mann befürchte nun, Nordkorea werde versuchen, das Eingeständnis ausnutzen, um Shin als Lügner darzustellen. Wie die New York Times berichtet, teilen andere Überlebende nordkoreanischer Lager sowie Menschenrechtsaktivisten diese Sorge.

UN-Bericht: Unmenschliche Verhältnisse in Nordkoreas Lagern

Die Vereinten Nationen haben vor einigen Jahren begonnen, Informationen über Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea zu sammeln und festgestellt, dass in den Gefangenenlagern dort unmenschliche Zustände herrschen. Der Bericht der UN-Untersuchungskommission, der 2014 vorgestellt wurde, basiert unter anderem auf Aussagen von Ex-Häftlingen - insbesondere auch auf den Beschreibungen Shins. Nordkorea hat den Darstellungen widersprochen.

Die USA und andere Staaten versuchen gegenwärtig, den UN-Sicherheitsrat davon zu überzeugen, dass der Internationale Strafgerichtshof die Verhältnisse in Nordkorea untersuchen sollte. Die dortige Regierung hat deshalb Ende vergangenen Jahres versucht, Shins Glaubwürdigkeit zu beschädigen. Pjöngjang veröffentlichte im Oktober ein Video, in dem Shins Vater behauptet, sein Sohn sei niemals Insasse eines Straflagers gewesen. Shin selbst hatte zuvor gesagt, er sei Vollwaise. Nach dem Video kritisierte er, das nordkoreanische Regime halte seinen Vater als Geisel.

Auch andere nordkoreanische Flüchtlinge haben Zweifel an Shins Darstellung - auch an der neuen Version. "Es ist nicht möglich, gleich zweimal aus einem nordkoreanischen Gefangenenlager zu flüchten, am Leben zu bleiben und ein drittes Mal zu flüchten", zitiert die New York Times einen anonymen Überläufer.

Allerdings würde es den UN-Bericht über Nordkoreas Menschenrechtsverletzungen nicht infrage stellen, wenn Shin gelogen hätte. Der Bericht beruhe schließlich auf den Aussagen von 80 Zeugen und mehr als 240 vertraulichen Gesprächen mit Opfern und anderen Zeugen, die sich nicht getraut hätten, öffentlich aufzutreten, sagte Brad Adams von Human Rights Watch der New York Times.

Auf Facebook entschuldigte sich Shin für seine falsche Darstellung und bat alle Leser, sich weiter für die politischen Gefangenen und überhaupt die Menschen in Nordkorea einzusetzen. Er selbst kündigte an, dass er sich selbst nicht mehr äußern werde.

Blaine Harden hat inzwischen angekündigt, er und der Verleger des Buches "Flucht aus Lager 14" würden weitere Informationen sammeln und das Buch überarbeiten.