Nachruf auf Guido Westerwelle Der Unvollendete

Guido Westerwelle.

(Foto: Regina Schmeken)

Er war für viele Menschen eine Provokation. Bewegt hat er sie, als er, todkrank, für ein zweites Leben kämpfte. Er hat verloren.

Von Evelyn Roll

Als wir uns das letzte Mal getroffen haben, im September 2015, ein paar Monate nach der Stammzellen-Transplantation, sah er schon wieder gut aus, fast wie früher, mit Haaren jedenfalls. Die Augen tränten zwar unentwegt, man konnte sehen, dass ihm das Schlucken Schmerzen machte, er gab auch niemandem die Hand, um sich keine Infektion zu holen. Und auf die Frage "Wie geht es Ihnen? Wie geht es Ihnen wirklich?", antwortete Guido Westerwelle: "Noch ist nicht entschieden, ob mein neues Immunsystem meinen Körper abstößt."

Weil er immer ein sehr feines Gespür hatte für Irritationen seines Gegenübers, sagte er noch: "Es ist tatsächlich so. Wenn es nicht gut läuft, dann werden die neuen Immunzellen des Spenders meinen Körper als fremd und feindlich betrachten. Sie werden erst die Schleimhäute bekämpfen und abstoßen, dann meine Organe. Mein Körper würde dann zum Schlachtfeld eines Bürgerkrieges, in dem jeder gegen jeden kämpft, bis am Ende alle tot sind."

Die Schlacht ist verloren. Der Krieg ist zu Ende. Guido Westerwelle, der im Kölner Krankenhaus Paul Frings hieß, damit wenigstens die Boulevardjournalisten ihn nicht auch noch quälten, ist am Freitag im Alter von nur 54 Jahren in der Universitätsklinik Köln an den Folgen seiner Leukämie-Erkrankung gestorben. Das zweite Leben, um das er so hart gekämpft hatte, für mehr Zeit mit seinem Mann Michael Mronz, "darum, in Zukunft ein paar Dinge anders machen zu können", wurde ihm nicht geschenkt.

Früher, schlagfertiger, frecher und vor allem häufiger als alle anderen saß er in den Talkshows

Im September 2013 hatte dieses zweite Leben angefangen, unter Tränen. In der Wahlnacht, es war schon der andere Morgen in Costas Cassambalis' Charlottenburger Taverne an der Grolmanstraße, da weinte der Noch-FDP-Außenminister, aus Erschöpfung, aus Mitgefühl für die jetzt arbeitslosen Mitarbeiter der Fraktion und weil er erkannte: Für mich ist es damit vorbei. Ende mit der Politik. Aus.

Er hatte gespart und gut vorgesorgt. Er war gerade erst Anfang fünfzig, verliebt, relativ frisch verheiratet. Er fuhr mit seinem Mann nach Mallorca, nahm sich endlich Zeit zum Nachdenken und Nachspüren. Und er erkannte die Chance zu einem wirklichen Neuanfang, nach einem Leben für die Politik. Mehr Zeit für den Mann, das Leben, die Kunst, für Bücher, Freunde und, ja, das auch, für die Stiftung. Die "Westerwelle Foundation", mit der er in sogenannten Entwicklungsländern die Jugend und den Mittelstand fördern wollte, war dann möglicherweise schon der Erkenntnis geschuldet, dass ein kalter Entzug von der Politik nicht funktioniert, schon gar nicht, wenn man ein Junkie ist seit dem neunzehnten Lebensjahr. Man kann nach dreißig Jahren in der Politik ja auch verloren gehen.

Die politische Karriere Guido Westerwelles teilt sich in zwei Phasen. In der sehr langen Phase als Oppositionspolitiker galt er als der größte Zampano der Erregungsdemokratie. Er hatte, was für den Vorsitzenden einer kleinen Partei sehr wichtig war, früh erkannt, dass Bedeutung in einem zur Telekratie mutierten parlamentarischen System allein durch Präsenz hergestellt werden kann. Immer schon frecher, schlagfertiger, schlauer und vor allem häufiger als alle anderen saß er in den Talkshows. Er hatte sehr früh gemerkt, wo die Reise hingeht, hat es den anderen schon vorgemacht, als es generell noch eine gewisse Keuschheit und Zurückhaltung gab beim Spiel mit den Medien. Er saß schon bei Harald Schmidt und bei Stefan Raab, als selbst Gerhard Schröder sich noch mächtig zierte.

Das Seltsamste an Guido Westerwelle war möglicherweise, wie sehr sich alle an ihn gewöhnt hatten. Er gehörte einfach immer schon zum Inventar dieser Mediendemokratie. Er war der Erste, dem es gelang, ausschließlich durch eine penetrante Öffentlichkeitsstrategie umgekehrt proportional zur Bedeutung und Stärke der FDP in den Medien präsent zu sein.

Damit machte er die FDP zeitweise zur modernsten Partei, auch wenn er - vor allem unter dem Einfluss von Jürgen Möllemann - für den Geschmack vieler immer wieder überzog: Guidomobil, die 18 Prozent auf der Schuhsohle, der Big Brother Container. Sein Rechenexempel ging so: "Beim Fernsehen bin ich Herr jeden Wortes. Was sind, mit Verlaub gesagt, 500 000 Leser, wenn ich es vergleiche mit fünf Millionen Menschen, die ich bei Big Brother eine Stunde lang eins zu eins von der Politik der FDP überzeugen kann - oder von Politik überhaupt."

Arroganz war das nicht. Eher der Wunsch nach Effizienz und Kontrolle. Kontrolle vor allem. Unbedingte Kontrolle mitsamt ihrer Rückseite, der Angst vor Kontrollverlust, das könnte so ein Schlüsselwort sein, mit dem man sowohl Westerwelles Aufstieg in der FDP und in der Republik beschreiben, als möglicherweise auch seine so perfekt vor der größeren Öffentlichkeit verborgene Persönlichkeit erklären konnte.

Den privaten Westerwelle hat er ja, wie alle modernen, klugen Politiker und trotz seines späten "Outings", geheim gehalten. Bevor er krank wurde und über seine Krankheit in einem Buch erzählte, das ein Bestseller wurde, erzählte Westerwelle hier einmal etwas von der Villa Kunterbunt, in der er mit seinen Brüdern bei seinem Vater aufgewachsen ist, den er beim Vornamen nannte, Heinrich. Und dann dort etwas von der schrecklichen Akne, die er als Pubertierender hatte. Wie er, als er acht Jahre alt war, nach der Scheidung seiner Eltern beim Vater blieb, zum Speckpfannkuchen mutierte und das Gymnasium nicht schaffte. Wie er dann im zweiten Anlauf von der Realschule zurück aufs Gymnasium ging. Auch, welche Kränkungen und Erfahrungen er sich dabei abgeholt hat, vor allem bei den 68er-Lehrern und bei den, wie er sie nannte, "verwöhnten, gegen alles protestierenden Bürgerkindern".

Ein Detail ist dabei gerne übersehen worden: Als zweite Fremdsprache im zweiten Anlauf wählte er damals Latein, Leistungskurs. So war Guido Westerwelle. So kompensierte er Unterlegenheitsgefühle, auch als erwachsener Politiker: Euch werde ich es allen noch zeigen.

Vom Talkshow-Dauersitzer, der seine kleine FDP immer wieder über die Wahrnehmungsschwelle gehoben hat, wurde er mit dieser Methode zum Beinahe-Populisten und Möllemann-zu-spät-Ausbremser.

Möglicherweise muss deswegen auch noch von diesem anderen Westerwelle die Rede sein, vielleicht ist es seinen Nachfolgern eine Lehre. Westerwelle, der beim Wähler-Staubsaugen gerne auch frei vagabundierendes Rechtes, Nationales, und bisweilen auch Antisemitisches mitnahm. Zum Projekt "18 Prozent" gehörte das eben auch. Viele sogenannte liberale Demokraten erklären es einem damals auf vielen Veranstaltungen so, wie Horst Seehofer das jetzt gerade tut, dass das eben nichts Böses sei, im Gegenteil: Rechte an eine zweifelsfrei demokratische Partei anzubinden sei doch besser, als zu warten, bis ein Haider kommt. Das war auch der Grund, warum Westerwelle Jürgen W. Möllemann so zögerlich und spät zurückgepfiffen hat. Erst als an den Umfragen sichtbar geworden war, wie viele FDP-Wähler Antisemitismus gar nicht goutieren. Vielleicht auch erst, als Westerwelle in Jerusalem in der Knesset neben Ariel Scharon stehen musste und einen roten Kopf bekam. Als Möllemann dann in den Tod gesprungen war, ohne den Fallschirm zu ziehen, machte Westerwelle seine bitterste Politik-Erfahrung: "Dieselben Schreiber, die mir monatelang vorgehalten hatten, ich sei zu sanft und zu nachgiebig mit Jürgen Möllemann, behaupteten plötzlich, ich hätte ihn in den Tod getrieben."

Er hat sich davon erholt, wurde reifer und klüger, zum Hoffnungsträger und Ret-ter der FDP schließlich, und dann sehr schnell zum Großhelden der allgemeinen neoliberalen Verirrung. Er war jetzt die FDP und brachte sie in die Regierung. Es war der dritte Anlauf. Es hatte schon so ausgesehen, als würde es nie etwas werden mit der Regierungsbeteiligung im Bund. Er war schon fast Prinz Charles. Und dann: 14,6 Prozent, Hans-Dietrich Genscher hatte Tränen in den Augen am Wahlabend des 27. September 2009. Und in jener Nacht, vier Jahre zuvor, als Schröder die Elefantenrunde zusammendröhnte und polterte, als Angela Merkel staunte und schwieg, war er es, der ihr ins Amt half mit seiner coolen Nichtumfaller-Reaktion. Guido Westerwelle sagte deutlich und klar, die FDP werde auf keinen Fall mit der SPD verhandeln. So wurde Merkel Kanzlerin, Guido Westerwelle Außenminister, der jüngste, den die Republik je hatte.

Westerwelle zertrümmerte die Regel, wonach ein Außenminister immer hohe Beliebtheitswerte hat

Diese zweite Phase im politischen Leben Westerwelles währte nur eine Legislaturperiode lang. Man kann auch sie noch einmal in zwei Abschnitte teilen. Im ersten Abschnitt zertrümmerte Westerwelle die Regel, nach der ein Außenminister in Deutschland immer und vollautomatisch hohe Beliebtheitswerte hat. Er wurde sehr schnell und überraschend, vor allem für ihn selbst, zum meistgehassten Politiker des Landes. Und weil Parteien nun einmal sind, wie Parteien sind, vor allem die FDP, jagten sie ihn nur zwei Jahre später vom Hof, aus dem Amt des Vorsitzenden. Was für ein Absturz. Und was für ein Lehrstück.

Man kann bei der Vorbereitung auf einen neuen Job alles richtig machen. Man kann sein Englisch aufpolieren, ins Ausland reisen, vor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik Grundsatzreden halten und, wenn man Guido Westerwelle ist, sogar für die Fotografen einen Globus über die Straße tragen lassen. Und trotzdem kann dann alles falsch laufen.

Schon während der Koalitionsverhandlungen fand man interessanterweise niemanden mehr, der überhaupt zugab, FDP gewählt zu haben. Es war, als würden die eigenen Wähler Guido Westerwelle übel nehmen, dass sie ihm das neoliberale Zeug noch einmal geglaubt hatten, als es in der Finanzkrise schon längst entzaubert worden war. Journalisten, die schon über die neue liberale Bürgerlichkeit gegrübelt hatten, schrieben jetzt ihre Guido-Bashings.

Beim Wechsel ins Außenministerfach hätte er zu gerne die alten Westerwelle-Etiketten abgeworfen. Sie sind an ihm kleben geblieben. Er wurde die Bilder nicht mehr los, die er von sich erschaffen hatte. Da war Guido Westerwelle nicht mehr der große Zampano. Das war das eine.

Im Auswärtigen Amt fand man in dieser Fehlstart-Zeit außerdem immer jemanden, der bereitwillig über den Minister herzog: vielfliegender Dilettant. Solche Sachen. Scheint Stil des Hauses zu sein: Ist der Minister erfolgreich, waren wir es. Wenn nicht, ist er ein Idiot. Sie schenkten ihm ein Büchlein, in dem sie die wichtigsten Redewendungen auf Englisch zusammengestellt hatten. Und erzählten das nach draußen.

Frank-Walter Steinmeier hatte Englischunterricht genommen, Joschka Fischer auch. Der durfte ja überhaupt immer alles, Steine werfen, Turnschuhe tragen, dick werden, dünn werden, heiraten, noch mal heiraten. Ihm haben sie alle seine Rollenwechsel abgenommen vom Straßenkämpfer zum Groß-Staatsmann. Westerwelle aber kam nicht aus dem Guidomobil. Als dann Horst Köhler als Bundespräsident zurücktrat und die Koalition eigentlich schon am Ende war, beschloss Guido Westerwelle, es noch einmal richtig zu machen, so wie damals mit dem Gymnasium, sich noch einmal neu zu erfinden: keine Talkshows, keine Innenpolitik, keine FDP, eine neue Brille, neue Berater und Sprecher, eine neue Staatssekretärin, Emily Haber, die schon ewig mit Merkels außenpolitischem Berater Christoph Heusgen befreundet war. Die telefonierten zweimal am Tag und fanden für ihn die Marktlücken, die eine europa- und weltpolitisch ins Zentrum gerückte Kanzlerin einem Außenminister lässt: Afrika, Lateinamerika, Asien, die neuen, aufstrebenden Kraftzentren der Welt.

Den vorsichtigen Rhythmus von Merkel verstand er nicht, obwohl sie beinahe Freunde waren

Schließlich hatte er das Außenministersein ganz angenommen: ein Mann von 51 Jahren, schlank, dunkler Anzug aus leichtem Tuch, weißes Hemd, hellgelbe Krawatte, seriöse Kasten-Brille, die Haare gepflegt und außenministergrau. Das Blond, mit den noch blonderen Buben-Strähnchen des Spaßwahlkampfs war jetzt auch Vergangenheit, Innenpolitik auch. Es folgten Wochen und Monate, in denen Westerwelle nur zum Gepäckwechseln zwischendurch eine Nacht zu Hause in der Dachgeschosswohnung in der Mommsenstraße blieb. Der Airbus mit der Aufschrift "Bundesrepublik Deutschland" war sein zweites Zuhause geworden.

Westerwelle und Merkel veranstalteten keine Windhundrennen wie Steinmeier und Merkel in ihrer ersten Runde: Wenn die dahin fährt, muss ich aber vorher auch noch dahin. Und wenn zu Beginn des US-Wahlkampfs der amerikanische Präsident Barack Obama kam, durfte Guido Westerwelle ihn am Flughafen Tegel abholen, für die Fotos und überhaupt.

Es lief besser. Er konnte über die Fehler sprechen, die er in der Anfangsphase gemacht hatte: die Sache mit dem BBC-Journalisten beispielsweise, den er gebeten hatte, Deutsch zu sprechen. Die Stimmenthaltung im UN-Sicherheitsrat zum militärischen Eingreifen in Libyen, die mit Merkel gemeinsam beschlossen war, aber an ihm allein hängen blieb. Den vorsichtigen Rhythmus der Union unter Angela Merkel verstand er nicht, obwohl sie beinahe Freunde waren: zwei Geschwindigkeiten, zwei Temperamente, zwei Temperaturen. Und das in Zeiten, in denen die Regierungschefs die Außenpolitik selber übernommen haben.

Einmal, auf dem Rückflug von Ghana, nach einer Reise durch die afrikanischen Tiger-Staaten, sagte er: "Hätten wir fünf Prozent weniger gehabt, wäre es leichter gewesen. Bei 14,6 wollen plötzlich viele Hunde den Hasen jagen." Und: "In einer Situation, in der Sie unter größtem Druck und massivem Beschuss sind, passieren Ihnen Dummheiten und Fehler, Fehler, die dann die Ursache sind für noch größeren Beschuss."

Wenn man ihn dann nach der FDP fragte, deren Vorsitzender er schon nicht mehr war, wenn man fragte, ob er zwischendurch nicht mal gedacht hat, na, ihr könnt es ohne mich aber auch nicht wirklich besser, jetzt setzt ihr gerade alles in den Sand, behauptete er: "Nein, das habe ich nicht. Ist auch keine Art von mir."

Innenpolitisch eisern die Klappe halten, vor allem über seine Nachfolger in der FDP, das wurde das große Latinum dieses zweiten Anlaufs. Auch wieder ein Leistungskurs.

Und eine Frage von damals gehört auch noch zur Geschichte: Ob er denn mal gedacht hat, dass vieles an seinem Fehlstart als Außenminister auch einfach an latenter bis offener Homophobie in diesem Land lag, an Vorurteilen und Hass gegen Homosexuelle? Antwort: "Das habe ich nicht gedacht. Das ist der Fall gewesen."

Dann erzählte Guido Westerwelle von dem SPD-Bürgermeister, der noch in der Wahlnacht den Agenturen sagte: Ich will nicht von einem Schwulen im Ausland vertreten werden. Davon, was für ekelhafte E-Mails und Briefe er bekam. Vom traditionellen Neujahrskonzert im Auswärtigen Amt, das eine der gesellschaftlichen Spitzenveranstaltungen in Berlin ist: Als da zum ersten Mal auf der Einladung stand "Außenminister Dr. Guido Westerwelle und Michael Mronz bitten. . .", da haben ihn tatsächlich viele beiseitegezogen: Ich stehe ja total hinter euch. Aber das mit der Karte hätte ja vielleicht nicht sein müssen.

Er hat sich sein internationales Netzwerk aufgebaut. Und es drehte sich dann ja auch langsam, am Ende waren 48 Prozent mit ihrem Außenminister zufrieden bis sehr zufrieden. Aber etwas blieb: Außenminister Westerwelle wirkte, wenn es in der Welt groß und offiziell wurde, immer angestrengt, wie einer, der auf überhaupt gar keinen Fall einen Fehler machen möchte. Sehr deutsch.

Im Flugzeug tauschte er dann Sakko und Krawatte gegen eine dunkelblaue Strickjacke von Ralph Lauren mit braunen Lederpatches auf den Ellenbogen. Dann durften die Journalisten in der Maschine nach vorne kommen zu Gesprächen. Dann war er locker, witzig, nett und unterhaltsam, als habe er mit dem Anzug auch die Außenminister-Spannung abgelegt.

Angela Merkel und ihr erster Außenminister haben viel miteinander geredet, telefoniert und gesimst, waren öfter miteinander essen, als die Öffentlichkeit das wahrnahm. Merkel hatte ihm immer gesagt: Den Parteivorsitz abgeben, Guido, ist der Anfang vom Ende.

Er musste sich von den Ärzten fast töten lassen, um überhaupt eine zweite Chance zu bekommen

Es war der Anfang vom Ende. Schwarz-Gelb wurde nicht wiedergewählt. Das war das Ende für Guido Westerwelle in der Politik. Ein Unvollendeter wie Strauß und Lafontaine, einer mit klugen Plänen für ein zweites Leben nach der Politik.

Am 17. Juni 2014 erfuhr Guido Westerwelle, dass er an akuter myeloischer Leukämie erkrankt war, völlig unvorbereitet, ohne die geringsten Symptome, gewissermaßen zufällig und aus heiterem Himmel. Vielleicht hat sein Buch, in dem er von dieser Krankheit erzählte, auch deswegen so viele Menschen so sehr berührt: dass da einer, dem es immer um Kontrolle gegangen ist, diese Kontrolle vollkommen abgeben und sich von den Medizinern fast töten lassen musste, um vielleicht eine Chance zu haben, weiterzuleben.

Mit dem Buch hatte er noch einmal das große Rampenlicht, aber jeder, der hinsehen konnte, spürte, darum geht es diesem Mann nicht mehr. Er will kämpfen, überleben, leben, auf die richtige Art und ohne Politik weiter leben, er war ja erst 54 Jahre alt.

Als er dann Anfang Dezember letzten Jahres seinen Auftritt in Günther Jauchs Jahresrückblick absagte, als stattdessen Westerwelles Mann Michael Mronz sagte, es gebe Abstoßungsreaktionen der Mundschleimhaut, deswegen sei er wieder in der Klinik, konnte man wissen, die Schlacht hatte begonnen. Seit Mitte November war er im Krankenhaus, die Abstoßungsreaktionen der Schleimhäute hatten sich auf den ganzen Körper ausgeweitet, immer Intensivstation, Not-Operationen, künstliches Koma. Sie fanden ein Mittel, das die Abstoßung eindämmte, aber so sehr, dass auch alle übrige Abwehr massiv außer Kraft gesetzt war, die Folge: Lungenentzündung. Weil er so offen über seine Krankheit geschrieben hat, kann und muss es auch so offen zu Ende erzählt werden. Guido Westerwelle hat die furchtbare Schlacht um sein zweites Leben verloren. Michael Mronz war bei ihm, als er starb.