Gauck-Grundsatzrede im Wortlaut "Ängste vermindern unseren Mut"

In seiner ersten Grundsatzrede nach seiner Vereidigung bittet Joachim Gauck die Bürger um mehr Vertrauen - in die Politik, das Amt des Bundespräsidenten und in sich selbst. Zugleich kündigt er an, die Themen soziale Gerechtigkeit und Integration in den Mittelpunkt seiner fünfjährigen Amtszeit rücken zu wollen.

Die Rede des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck im Wortlaut.

"Herr Präsident des Deutschen Bundestages, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe verehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger aus dem In- und Ausland. Zunächst Ihnen, Herr Präsident, meinen allerherzlichen Dank für die unnachahmliche Führung dieser Sitzung und für das leuchtende Beispiel ... in unser Land hinein, dass Politik Freude machen kann. Herr Bundesratspräsident, Sie haben Worte gefunden, die bei mir und sicher auch beim Bundespräsident Wulff ein tiefes und nachhaltiges Echo hinterlassen haben, ich danke Ihnen.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ja, wie soll es denn nun aussehen dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal sagen sollen: unser Land? Geht die Vereinzelung in diesem Land weiter? Geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auf? Verschlingt uns die Globalisierung? Werden Menschen sich als Verlierer fühlen, wenn sie an den Rand der Gesellschaft geraten? Schaffen ethnische oder religiöse Minderheiten in gewollter oder beklagter Isolation Gegenkulturen? Hat die europäische Idee Bestand? Droht im Nahen Osten ein neuer Krieg? Kann ein verbrecherischer Fanatismus in Deutschland wie in anderen Teilen der Welt weiter friedliche Menschen bedrohen, einschüchtern und ermorden?

Jeder Tag, jede Begegnung mit den Medien bringt eine Fülle neuer Ängste hervor und Sorgen. Manche ersinnen dann Fluchtwege, misstrauen der Zukunft, fürchten die Gegenwart. Viele fragen sich, was ist das eigentlich für ein Leben, was ist das für eine Freiheit. Mein Lebensthema Freiheit ist dann für sie keine Verheißung, kein Versprechen, sondern nur Verunsicherung. Ich verstehe diese Reaktion. Doch, ich will ihr keinen Vorschub leisten. Ängste, so hab ich es gelernt in einem langen Leben, Ängste vermindern unseren Mut wie unser Selbstvertrauen - und manchmal so entscheidend, dass wir beides ganz und gar verlieren können, bis wir gar Feigheit für Tugend halten und Flucht für eine legitime Haltung im politischen Raum.

Stattdessen, wenn ich das nicht will, will ich meine Erinnerung als Kraft und Kraftquelle nutzen, mich und uns zu lehren und zu motivieren. Ich wünsche mir also eine lebendige Erinnerung auch an das, dass in unserem Land nach all den Verbrechen der nationalsozialistischen Diktatur, nach den Greueln des Krieges gelungen ist. In Deutschlands Westen trug es, dieses Gelungene als erstes den Namen Wirtschaftswunder. Deutschland kam wieder auf die Beine. Die Vertriebenen, gar die Ausgebombten erhielten Wohnraum, nach Jahren der Entbehrung nahm der Durchschnittsbürger teil am wachsenden Wohlstand. Freilich, nicht jeder im selben Maße.

Joachim Gauck und seine Vorgänger

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