Streit im Spitzenteam der Grünen Großer Zoff bei den großen vier

Trittin führt Özdemir wie einen Schulbuben vor, Roth geht Özdemirs schwarz-grünes Getue auf den Keks, Roth kann Künast nicht mehr ertragen: Die großen vier der Grünen kabbeln sich um Posten im Spitzenteam - ganz so, als müssten sie 2013 den Kanzler stellen.

Eine Analyse von Thorsten Denkler, Berlin

Wer weiß schon, an welcher Stelle genau Claudia Roth der Kragen geplatzt ist. Gründe dafür hätte sie genug gehabt. Da war etwa die Durchstecherei an den Spiegel aus einem vertraulichen Acht-Augen-Gespräch. Die Parteivorsitzenden Roth und Cem Özdemir sowie die Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin hatten sich zum Essen getroffen. Trittin zog bei der Gelegenheit über Özdemir her, weil der nicht ablassen will von seinem schwarz-grünen "Quatsch" und "strategischem Unsinn".

Wie ein Schulbub soll Trittin Özdemir vorgeführt haben. Es wurde laut: "So redest du nicht mit mir", wird Özdemir vom Spiegel zitiert. "Ich bin der Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen und nicht dein Mitarbeiter!"

Oder dieses Realo-Treffen vor gut einer Woche, bei dem sich alle irgendwie einig zu sein schienen, dass der Linke Trittin ganz gut Spitzenkandidat der Grünen für die Bundestagswahl 2013 werden könnte. Möglicherweise sogar alleine. Was Trittin wohl ganz recht käme.

Dazu passt, dass sich Claudia Roth den 8. März, den Internationalen Frauentag ausgesucht hat, um in der Berliner Tageszeitung ihren Anspruch auf einen Platz im kommenden Spitzenteam anzumelden. Ihre Begründung unter anderem: "Die Quote gehört zum grünen Grundgesetz." Mag sein. Nur durfte sie 2002 und 2005 erfahren, dass auch Grüne gegen ihr Grundgesetz verstoßen, wenn es ihnen zupasskommt. In beiden Jahren war nur ein Mann Spitzenkandidat der Partei: Joschka Fischer.

Trittins Alleinherrschaftsanspruch

Aber natürlich geht Roth auch Özdemirs schwarz-grünes Getue gehörig auf den Keks. Özdemir gehörte der legendären Pizza-Connection aus Bonner Zeiten an. Damals trafen sich Grüne und Schwarze regelmäßig um sich zu beschnuppern und strategische Gemeinsamkeiten auszuloten. Die Pizza-Connection gibt es längst nicht mehr. Özdemir aber hat nie aufgehört zu gucken, was geht.

Vielleicht kann Roth auch Renate Künast nicht mehr ertragen oder will zumindest verhindern, dass die Realo-Frau die Grünen neben Trittin in die Bundestagswahl führt. Künast hat sich im Berlin-Wahlkampf als sonderbar beratungsresistent gezeigt. Vor allem ihr Vorstoß, es zur Not auch mit der CDU versuchen zu wollen, solange sie nur im Roten Rathaus sitzt, hat viele grüne Wähler verschreckt zu den Piraten getrieben.

Mit ihrer Kandidatur macht sich Roth zugleich zur Konkurrentin von Trittin, Özdemir und Künast. Trittin macht sie seinen Alleinherrschaftsanspruch kaputt. Künast verhagelt sie ihre Comeback-Chance und Özdemir stellt sie ins politische Abseits.

Kein Frage, das ist ihr gutes Recht. Roth ist seit 2001 mit kurzer Unterbrechung Parteivorsitzende der Grünen. In anderen Parteien hat der Parteichef ein Zugriffsrecht auf die Spitzenkandidatur. Bei den Grünen ist es ein eher undankbares Amt. Wirkliche Macht haben sowohl in Regierungs- wie in Oppositionszeiten nur die Fraktionschefs.

Roth ist dagegen fürs Wohlfühlklima in der Partei zuständig, muss zur Not dafür sorgen, dass die Partei der Fraktionslinie folgt. Doch richtig ernst genommen wird sie von den Fraktionsvorsitzenden nicht.

Nicht zu vergessen: Es geht in dem Streit zwischen den "Big Four" gar nicht nur um ein Plätzchen an der Wahlkampfsonne. Wahlforscher wissen: Wer Spitzenkandidat der Grünen ist und wer nicht, ist den Wählern der Grünen herzlich egal. Einer allein, Doppelspitze, Quartett, Realo, Fundi, Frau, Mann - alles wurscht. Denn die Grünen werden noch für ihre Positionen gewählt. Das wissen auch jene vier, die sich jetzt um die Kandidatenfrage kloppen, als ginge es ernsthaft darum, ob die Grünen vielleicht den nächsten Kanzler stellen.

Nur eine Notkonstellation

Vor einem Jahr wäre das noch gerechtfertigt gewesen. Spätestens nach Fukushima erlebten die Grünen einen nie dagewesenen Höhenflug. Alles schien möglich. Doch: Vorbei.

Die Grünen stehen zwar immer noch glänzend da. Die Meinungsforscher von Emnid messen sie gerade bei 14 Prozent. Das sind allerdings zehn Prozentpunkte weniger als im April 2011. Damals waren sie kurz davor, die SPD zu überholen. In Baden-Württemberg hat das geklappt. Doch im Moment reicht es im Bund weder für Rot-Grün noch für Schwarz-Gelb.

Einige Grüne wollen unbedingt zurück an die Macht. Zur Not auch mit der CDU. Andere wollen an die Macht. Aber nur mit der SPD. Die Spitzenkandidaten werden nach dem Wahlabend im September 2013 nicht unwesentlich die Richtung bestimmen. Und wenn es um Posten in einer Regierung mit grüner Beteiligung geht, haben sie die erste Wahl.

Darum geht es vor allem in dem Streit: Wer bestimmt, wie es nach der Wahl weitergeht? Da hat jeder der "Big Four" sehr eigenen Vorstellungen, die sich zum Teil gegenseitig ausschließen. Wahrscheinlich ist jetzt, dass alle vier ein "Spitzenteam" bilden.

Es wäre eine Notkonstellation. Denn allen ist klar, dass sich vier Spitzen schlechter verkaufen lassen als eine oder zwei. Eine echte Lösung des Richtungsstreites ist das also nicht. Sie verlagert den Streit nur. Wieder aufbrechen wird er am Tag nach der Wahl. Mit großer Sicherheit.