Grünen-Politiker sorgt für Empörung in Beschneidungsdebatte "Wetzt das Messer, singt ein Lied . . ."

Mit Gedichten gegen die Beschneidung jüdischer Neugeborener hat ein Landtagskandidat der niedersächsischen Grünen für Empörung gesorgt. Ulf Dunkel schreibt von "Arschlöchern" und "blinden Fanatikern". Nach scharfer Kritik vom Zentralrat der Juden haben die Landeschefs Dunkel aufgefordert, seine Kandidatur zurückzuziehen - der reagiert mit einem Reim.

Von Daniel Brössler

Ulf Dunkel ist ein Mann mit vielen Anliegen. Der Niedersachse möchte nicht, dass die Bundesstraße 213 zur Autobahn ausgebaut wird. Er tritt ein für mehr Windenergie, mehr Spielplätze und für weniger Jagd. Das sind die Themen, mit denen Dunkel im Wahlkampf für sich wirbt. Bei der Landtagswahl am 20. Januar steht der 50-Jährige auf Platz 34 der grünen Landesliste. In Cloppenburg tritt er als Direktkandidat an. Von dem einen Anliegen allerdings, das Dunkel in jüngster Zeit am meisten umzutreiben scheint, steht auf der grünen Wahlkampf-Homepage nichts. Dunkel ist ein vehementer Verfechter "genitaler Selbstbestimmung". Das soeben vom Bundestag beschlossene Gesetz, das die im Judentum übliche Beschneidung männlicher Neugeborener ausdrücklich erlaubt, lastet er dem "Druck einer anscheinend überstarken religiösen Lobby" an.

Sein Ärger darüber hat Dunkel zum Dichten veranlasst. "Wetzt das Messer, singt ein Lied, ab die Vorhaut von dem Glied" beginnt ein Gedicht aus Dunkels Feder. "Kinder können sich nicht wehren, darum müssen sie uns ehren", geht es weiter. In einem weiteren Gedicht wendet er sich direkt an Juden, die nicht vom Beschneiden lassen wollen: "Warum ist euer Herz so kalt gegen eure Kinder? Warum ist es so verloren an eure Religion?", fragt er da, um selbst die Antwort zu geben: "Arschlöcher seid ihr alle, blinde Fanatiker".

In Bezug auf das Verhältnis Deutschlands zu den Juden äußerte sich Dunkel als reger Teilnehmer einer Facebook-Gruppe gegen Beschneidung, in der er auch seine Gedichte postete: "Irgendwann ist mal Schluss mit der Erbsünde". Auch über "Kräfte hinter der Politik, die gegen den gesunden Menschenverstand arbeiten", ließ er sich aus.

"Die Grünen sollten ihren Kandidaten zurückziehen und zurechtweisen"

"Das Machwerk von Herrn Dunkel strotzt nur so vor hasserfülltem Hochmut gegenüber Juden und Muslimen", beklagt der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann. Er empfiehlt: "Die Grünen sollten ihren Kandidaten jetzt ganz schnell zurückziehen und scharf zurechtweisen. Mit seiner arroganten und aggressiven Intoleranz ist er so jedenfalls in keiner demokratischen Partei tragbar."

Das dämmert auch den Grünen. "Es ist sicherlich legitim, in der Beschneidungsdebatte auch grundsätzliche Kritik zu formulieren", erklären die Landeschefs Anja Piel und Jan Haude in der Antwort auf eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung. "Aufgrund der hohen Sensibilität dieser Thematik" sei es aber wichtig, eine "klare Abgrenzung gegenüber antisemitischen und fremdenfeindlichen Einstellungen" zu wahren. "Wir akzeptieren derartige Äußerungen in unseren Reihen nicht", versichern sie. Dunkel sei aufgefordert worden, von seiner Landtagskandidatur Abstand zu nehmen. Zusammen mit dem Bundesvorstand würden weitere rechtliche Schritte geprüft.

Dunkel sieht sich derweil zu Unrecht in der Kritik. Sein Gedicht, in dem er von Arschlöchern spricht, sei im "Affekt" entstanden, rechtfertigt er sich auf seiner Facebook-Seite. Er habe seine ersten Eindrücke niedergeschrieben, nachdem er einen Film über Beschneidung gesehen habe und bitte alle Menschen, die sich durch seinen "Wutausbruch" beleidigt fühlten, um Entschuldigung. Auf die Vorwürfe macht er sich indes seinen eigenen Reim: "Bist Du für ein intaktes Glied, so bist Du gleich Antisemit."