Grünen-Parteitag "Von Westerwelle erwarte ich nichts Gutes"

Grünen-Experte Winfried Nachtwei über einen möglichen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan und was er von Westerwelle und Guttenberg hält.

Interview: Michael König

Winfried Nachtwei, 63, ist ehemaliger sicherheitspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Als Afghanistan-Kenner ist er die Stimme seiner Partei in Sachen Außenpolitik.

sueddeutsche.de: Herr Nachtwei, die Grünen sind sich einig: Die Bundeswehr soll raus aus Afghanistan. Aber zu welchem Zeitpunkt?

Winfried Nachtwei: Ein exaktes Datum zu nennen, wäre unseriös. Aber man kann einen Zeithorizont bestimmen, und das muss man auch tun. Die bisherigen Pläne der Kanzlerin laufen auf den Sankt-Nimmerleins-Tag hinaus. Wir fordern, dass bis 2012 oder 2013 ein militärischer Abzug auf den Weg gebracht wird. Der ist allerdings nur möglich, wenn dafür die Voraussetzungen geschaffen werden. Und das bedarf einer ganz, ganz anderen Anstrengung als bisher.

sueddeutsche.de: Was für eine Antstrengung fordern Sie?

Nachtwei: Der forcierte Aufbau von Armee, Polizei und Justiz ist elementar. Das geht nicht innerhalb von ein, zwei Jahren. Aber in drei oder vier Jahren kann man die notwendigen Bedingungen schaffen. Außerdem müssen Verhandlungen mit jenen Taliban begonnen werden, die politisch denken und Interesse an ihrem Land haben. Und drittens muss in der afghanischen Landwirtschaft etwas passieren. Die Mehrheit der Menschen lebt auf dem Land, und wenn es hier keine Arbeitsplätze gibt, dann werden die jungen Männer schnell zornig. Die Landwirtschaft war bislang kein Schwerpunkt deutscher Politik. Hier hat der neue Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel eine erste Aufgabe.

sueddeutsche.de: Als Außenminister ist bald Guido Westerwelle, als Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg für die deutsche Afghanistanpolitik zuständig. Was erwarten Sie von diesem Duo?

Nachtwei: Von Westerwelle erwarte ich nichts Gutes. Er wird viel mehr Zeit zur Einarbeitung brauchen, als ihm zur Verfügung steht. Der Handlungsdruck ist groß. Bei Guttenberg, den ich aus dem Bundestags-Unterausschuss für Abrüstung kenne, sieht es anders aus. Er hat ein umfassenderes sicherheits- und außenpolitisches Verständnis.

Ihm traue ich zu, dass er etwas angeht, was in anderen Ländern längst passiert ist: Als erstes eine unabhängige und kritische Bestandsaufnahme. Und daraus abgeleitet Vorschläge für Abzug und Aufbau.

sueddeutsche.de: So positiv wird der CSU-Baron sicher nicht von allen Grünen gesehen.

Nachtwei: Als Friedenspolitiker bin ich dazu verpflichtet, Chancen zu identifizieren und zu fördern. Wir können ja nicht warten, bis die Grünen in vier Jahren wieder an der Regierung sind. Wir müssen jetzt Druck ausüben. Manch einer bei CDU, CSU und FDP hat zumindest in den ersten Monaten seiner Amtszeit noch ein offenes Ohr. Das wollen wir nutzen.