Die Grünen feiern sich selbst mit Gratisfußbällen. Der Jubel verdeckt tiefliegende Probleme der Partei.
Trittin konnte am weitesten. Bis fast in die letzte Reihe der Messehalle Erfurt schleudert er die grünen Fußbälle. Musik und Stimmung wie vor dem Brandenburger Tor beim Fan-Empfang der Fußballnationalmannschaft. "Renate!" rufen einige mit vorgestreckten Armen. Oder auch: "Jürgen!"
Renate Künast und Jürgen Trittin: "Gebt uns Eure Stimme für uns alle" (© Foto: dpa)
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Trittin, Künast, Grünen-Chefin Claudia Roth und ihr neuer Co-Vorsitzender Cem Özdemir stehen auf dem Podium und werfen Bälle im Dutzend in die Menge. Wenn es etwas umsonst gibt, werden auch die Grünen wach.
Versöhnlicher Abschluss
Es ist die Kraft der Prozente, die Trittin so weit werfen lässt. Mit 92 Prozent haben die Grünen soeben ihn und Renate Künast zu ihren Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl 2009 gewählt. Und das, obwohl sich beide en bloc haben wählen lassen - was nicht wenigen Grünen als undemokratischer Akt sauer aufgestoßen ist.
So gesehen ist es ein versöhnlicher Parteitags-Abschluss für die Grünen. Künast und Trittin hatten dafür aber auch auf eine Weise für ein gutes Ergebnis geworben, die man auch Bettelei nennen darf. Trittin beschreibt sich und "Renate" als "zwei Menschen", die Spitzenkandidaten "der" Grünen werden wollen und nicht "trotz der" oder "neben den" Grünen. Jetzt brauche es Gemeinsamkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit. Darum bitte er "um ein klares Mandat von euch".
Renate Künast fleht beinahe: "Gebt uns Eure Stimme für uns alle. Begreift es als Versprechen an uns selbst, als Botschaft an uns alle".
Ein bisschen Bettelei war wohl auch notwendig. Auf Parteitagen der Grünen ist nichts sicher. Und nachdem die Delegierten am Samstag kurzerhand Fraktionschef Fritz Kuhn aus den Parteirat gekickt hatten, war ein gutes Ergebnis für das Spitzenduo keine Selbstverständlichkeit mehr.
Jetzt kickt und wirft da oben auf der Bühne fröhlich die neue grüne Nationalmannschaft aus Künast, Trittin, Roth und Özdemir die Bälle in den Saal. Für Klimaschutz, Atomausstieg und Gerechtigkeit.
Seltsame Angst
Schon fast verdrängt, wie auf diesem Parteitag unter der Oberfläche längst vergessen geglaubte Flügelkämpfe wieder aufloderten. Interessant ist dabei aber weniger, was tatsächlich passiert ist: Fritz Kuhn hat sich seine Niederlage zu großen Teilen selbst zuzuschreiben. Zu wenig kommunikativ, zu wenig verlässlich waren Schlagworte, die in den vielen Zwiegesprächen nach der Niederlage immer wieder fielen. Aber er ist auch der Zerstrittenheit der Realos - vor allem im Landesverband Baden-Württemberg - zum Opfer gefallen.
Nein, es ist eher die seltsame Angst, die die Flügel auf diesem Parteitag verbreitet haben. Die einen trauten den anderen alles zu - vor allem, sich nicht an Absprachen bei der Stimmabgabe zu halten. Am Ende entlud sich auch das bei Kuhn. Bei ihm konnte die Kämpfer ihren Frust abladen, ohne allzu großen Schaden anzurichten. Frust vor allem über die Generalfrage: Wie halten wir es mit der eigenen Regierungsrolle. Und wie geht das mit kraftvoller Oppositionsarbeit zusammen. Die neue Parteiführung und das Spitzenduo bleiben von diesem Streit zumindest äußerlich unbehelligt
Die Grünen können sich jetzt auf den Wahlkampf konzentrieren. Am 18. Januar wird bereits in Hessen gewählt. Keine Schicksalswahl für die Grünen. Aber doch ein erster Test, ob das an diesem Wochenende festgezurrte inhaltliche und personelle Angebot der Grünen reicht. Oder ob die Kritiker recht behalten werden, die sich eine stärkere Verjüngung und damit weniger Konzentration auf die Verteidigung des unter Rot-Grün erreichten gewünscht hätten.
Ihnen zuliebe soll es mehr Krawall im Bundestagswahlkampf geben. Alle sind Gegner: SPD genauso wie CDU, FDP und Linke. In jeder Rede muss ab jetzt jede Konkurrenzpartei einmal aufs Korn genommen werden.
Trittin hat sich dabei besonders auf die SPD eingeschossen. Die sei schon deshalb nicht wählbar, weil sie im Zweifel jederzeit bereit sei, "einfach bei Frau Merkel ... ", da macht er eine Kunstpause "... unter den Rock zu kriechen", müsste jetzt eigentlich kommen. Trittin lächelt mit spitzem Mund - "... als Juniorpartner anzuheuern."
Einer SPD, die mit der Forderung nach neuen Kohlkraftwerken in die Bundestagswahl gehe, der zur Verkehrspolitik nur noch ein Herr Tiefensee einfalle, der im eigenen Ministerium nur noch "Pfütze" genannt werden - einer solchen Partei könne das Land nicht anvertraut werden. Trittin spricht, als müsste die SPD sich bei der Grünen darum bewerben, unter den handgefilzten Schurwollrock schlüpfen zu dürfen.
Nach den Reden von Jürgen Trittin und Renate Künast ist der Applaus für das Spitzenduo überschaubar. Stehenden Beifall gibt es zwar. Aber das Bild im Plenum erinnert an einen Langhaarteppich, der von einer Horde Kinder mit Nagelscheren bearbeitet wurde: Vereinzelt stehen Büschel hervor. Umso erstaunlicher das gute Wahlergebnis. Womöglich haben die Grünen sich am Ende noch so etwas wie Parteitagsdisziplin abgerungen.
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(sueddeutsche.de/hgn)
.....ist eigentlich ganz sympathisch. Und zur Not kann man ab und zu auch eine Claudia Roth aushalten. Aber zu mehr als zur Mehrheitsbeschaffung taugen sie eigentlich nicht.
Aber lieber tausendmal die Grünen für sowas als die unsäglichen Kommunisten um Oskar Lafontaine. Der Ekelfaktor vor dieser Partei ist einfach unerträglich