Der Grüne Jugend will bewusst radikaler auftreten als die Partei. Gegen den Klimawandel reiche es nicht, "hier und da ein bisschen Anreize zu geben", meint Jan Philipp Albrecht. Die Junggrünen fordern das Verbot innerdeutscher Flüge und spritschluckender SUV-Geländewagen. Auch am Atomausstieg wollen sie unter keinen Umständen rütteln lassen; "mit Entsetzen" reagierte die Grüne Jugend, als der frühere hessische Grünen-Chef Hubert Kleinert über längere Restlaufzeiten für Atomkraftwerke sinnierte.

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Eingetreten, als viele ausgetereten sind

Jan Philipp Albrecht ist in Wolfenbüttel unweit des Endlagers Asse aufgewachsen und "über die Atomfrage politisiert" worden, wie er sagt. Als 16-Jähriger stieß er 1999 zu den Grünen, also kurz nach Beginn der rot-grünen Regierungszeit und der Auseinandersetzung um den Kosovo-Krieg.

"In einer Phase, in der viele ausgetreten sind, bin ich eingetreten", erinnert er sich. Einverständnis mit dem grünen Außenminister Joschka Fischer wollte er damit nicht ausdrücken, sondern "diejenigen unterstützen, die eine stärkere Friedensposition vertraten".

Just in jenem Jahr kursierte ein Diskussionspapier mit dem Titel "Junge Partei mit Jugendproblemen". Die Grünen führten "immer noch Diskussionen der achtziger Jahre, die an der Lebenswelt junger Menschen vorbeigehen", monierten die Autoren, unter ihnen Alexander Bonde, heute haushaltspolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

"Wir möchten den Dialog darüber anregen, ob im Vorurteil der Fortschrittsfeindlichkeit nicht ein Funken Wahrheit liegt", lautete die Mahnung. Die Autoren - man ahnt es - fühlten sich dem Realo-Flügel verbunden. Innerhalb der Grünen Jugend war das zwar eine Minderheit, damals aber eine durchaus präsente.

Nach links orientiert

Das hat sich geändert. Albrecht würde zwar "nicht sagen, dass wir der verlängerte Arm der Parteilinken sind"; viele junge Grüne wollten sich nicht mehr einem Lager zurechnen lassen. Dass sich die Grüne Jugend dennoch nach links orientiere, räumt er aber ein.

Das deckt sich mit der Wahrnehmung in der Partei - vor allem bei den Realos. Die Junggrünen seien Leute, die Lust hätten "in der Turnhalle zu campen und vegan zu kochen", spottet einer von ihnen. Mit derlei Hohn kann Albrecht wenig anfangen. "Heute gibt es viele junge Leute, die einen ökologischen Lebensstil verfolgen wollen in ihrem Alltag", sagt er. Und: "Die Jugend will zurück zu den Grundsätzen." Mit "Latzhosenträgern und Esoterikern" früherer Generationen habe das nichts zu tun.

Glaubt man Albrecht, so finden die älter werdende Partei und die Jugendorganisation langsam zusammen. "Die Grünen haben verstanden, dass es blöd war, die Jungen außen vor zu lassen, weil die Partei in der Regierungszeit einen pragmatischen Kurs fahren musste", sagt er.

In der Tat lobt Fraktionschef Fritz Kuhn die Grüne Jugend pflichtschuldig als "inzwischen eine wichtige Organisation. Alle bei uns wissen, dass gute Leute inzwischen sehr oft über die Grüne Jugend kommen." Das Paradebeispiel dafür ist die Hessin Anna Lührmann, die 2002 mit 19 Jahren zur jüngsten Bundestagabgeordneten gewählt worden war, sich inzwischen als Haushaltspolitikerin Respekt erworben hat, 2009 allerdings nicht mehr kandidiert.

Im Grünen-Vorstand wiederum sitzt der 24-jährige Malte Spitz, der drei Jahre lang politischer Geschäftsführer der Grünen Jugend war. Anders als in anderen Parteien genießen die Chefs der Grünen Jugend aber kein Stimmrecht in Vorstand und Parteirat.

Anerkennung erwarben sich die Jungen jüngst mit einem Papier zur Außenpolitik der rot-grünen Jahre. "Die Grüne Jugend hat etwas vorgelegt, worauf wir stolz sein können", sagt Winfried Nachtwei, der sicherheitspolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion.

Den häufig zu hörenden Vorwurf, sie seien einflusslos, halten die Junggrünen für entkräftet. Der Wandel von einer "Jeder-bringt-sich-irgendwie-ein-Organisation zu einer professionell organisierten Jugendorganisation" sei vollbracht, sagt Albrecht. Zur Zeit gibt es 6.937 Mitglieder, die die Grüne Jugend mit 28 verlassen müssen. Bei Jusos und anderen Jugendorganisationen liegt die Altersgrenze erst bei 35.

Spontane Aktionen vor Ort

Die Grüne Jugend aber legt Wert auf echte Jugend, auch wenn das gelegentlich auf Kosten der Professionalität geht. Wichtiger sind den Mitgliedern spontane Aktionen vor Ort .

"Küchenspaß links!", schallt es vom Lautsprecherwagen her. Der von einem großen Aufgebot an Polizei begleitete Demonstrationszug hat das Baugelände in Moorburg mittlerweile fast erreicht. Die kryptische Durchsage ist das vereinbarte Signal. Mehr als hundert Demonstranten, unter ihnen ein gutes Dutzend Junggrüner, schlagen sich in die Büsche, rennen über Wiesen auf das Baugelände zu. Kathrin Henneberger schafft es nicht bis auf die Baustelle, aber einige Stunden später sitzt sie mit Mitstreitern auf der Kreuzung vor der Baustellenzufahrt. "Machen Sie sofort die Straße frei. Sie behindern die Arbeit der Polizei", fordert der Einsatzleiter der Polizei. Henneberger und die anderen ducken sich unter einer Plastikplane; auf sie sind die Zielrohre zweier Wasserwerfer gerichtet.

Dem Strahl widersteht Kathrin Henneberger eine Weile, dem Schlagstock eines Polizisten weicht sie. "Morgen bin ich bestimmt voller blauer Flecke", sagt sie später völlig durchnässt, "aber da muss man durch." Sie findet, dass sich die Aktion gelohnt hat. Für den Klimaschutz. Und irgendwie für eine bessere Welt.

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(SZ vom 03. September 2008/dmo)