Großveranstaltungen in autoritären Staaten Druck ausüben statt boykottieren

Die Fußball-EM in der Ukraine, die Eishockey-WM in Weißrussland, der Eurovision-Songcontest in Aserbaidschan: Selten zuvor wurden derartig viele Großereignisse gleichzeitig in Frage gestellt. In den Debatten treffen Sport und Kultur auf Politik und wirtschaftliche Interessen. Doch so verständlich die aktuellen Boykott-Drohungen auch sein mögen - an ihrer Wirksamkeit im Kampf gegen die Autokraten dieser Welt ist zu zweifeln.

Ein Kommentar von Frank Nienhuysen

Wenn Alexander Lukaschenko angriffslustig ist, zu schwitzen beginnt und mit einem Schläger fuchtelt, dann liegt das nicht unbedingt an Sanktionen der Europäischen Union gegen ihn und sein Regime. Der weißrussische Präsident spielt mehrmals in der Woche Eishockey, und leicht ist zu ahnen, mit welch patriotischem Stolz ihn erfüllt, dass in zwei Jahren im eigenen Land die Weltmeisterschaft stattfinden soll. Schon vor zwei Jahren warben Stadtbusse in Minsk mit dieser WM, damals hatte die Werbebotschaft mit der bevorstehenden Präsidentschaftswahl zu tun: Schaut her, so verkündete das Regime, Lukaschenko hat uns den Zuschlag verschafft.

Soll man dem Land nun diesen Zuschlag wieder wegnehmen, weil Lukaschenko ein Autokrat oder Diktator ist? Sport und Kultur auf der einen Seite, die Politik auf der anderen - selten zuvor wurden derartig viele Großereignisse gleichzeitig in Frage gestellt. Im deutschen Bundestag formiert sich gerade Widerstand gegen die Eishockey-WM in Weißrussland; die Kritik an der Ukraine, Gastgeberin der diesjährigen Fußball-Europameisterschaft, wegen des Umgangs mit der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko schwillt europaweit an; und immer noch gibt es Forderungen, den Eurovision Song Contest im autokratisch regierten Aserbaidschan Ende Mai besser zu boykottieren.

Mühelos kicken Politiker derzeit den Ball von einem Feld ins andere. Die Versuchung ist ja auch groß: ein Boykott, um den Marsch zu Demokratie und Menschenrechten zu beschleunigen; die drohende Absage einer Großveranstaltung als Ersatz für mühevolle Abkommen, langjährige Zusammenarbeit und Überwachungskommission. Aber wäre es tatsächlich so leicht, wäre der Sport tatsächlich ein geeignetes Mittel für politischen Druck, dann müsste die nächste Tischtennis-Weltmeisterschaft an Nordkorea vergeben werden und Bernie Ecclestone ein Formel-1-Rennen in der turkmenischen Karakum-Wüste ins Auge fassen. Per Boykottdrohung könnte dann zur Besserung der Menschenrechtslage dort beigetragen werden.

Schaut man genau hin, ist die Lage verzwickt und die Drohung mit dem Boykott nicht immer ein taugliches Instrument. In Weißrussland sei die Lage wesentlich dramatischer als in der Ukraine, begründet die Ost-Expertin der Grünen, Marieluise Beck, ihren Widerstand gegen die Eishockey-WM. Da hat sie recht. Aber sie suggeriert, dass wer über einen EM-Boykott in der Ukraine debattiert, den Weißrussen erst recht drohen müsse. Eigentlich muss die Frage jedoch heißen: Was kann man im Einzelfall überhaupt bewirken, was soll das Ziel sein? Denn es ist wie oft eine Frage der Dosis.

Der Entzug der WM brächte dem Westen kaum Gewinn

Weißrusslands diktatorisch regierender Präsident hat bereits viele Sanktionen der USA und Europas über sich ergehen lassen, ohne dass er etwa das Amt eines Menschenrechtsbeauftragten geschaffen oder den heimischen Zeitungen mehr Luft gegeben hätte. Der Entzug der WM brächte dem Westen außer moralischen Meriten womöglich keinen Gewinn. Andererseits lässt sich die ukrainische Regierung vielleicht doch von der Wucht der Debatte beeindrucken und zu einer Geste im Fall Timoschenko hinreißen. Wer ein Regime in die Enge drängen will, muss auch sehen, welche Fluchtwege diesem noch offenstehen. Die Regierungen in Minsk und Kiew könnten durchaus ihr Heil in einer engeren Anbindung an Moskau suchen. Und für das jeweilige Volk wäre wenig gewonnen.

Eine Absage von Großveranstaltungen wäre jedenfalls der falsche Weg, und sie wird auch nur für Staaten wie Weißrussland überhaupt debattiert, bei denen sich die außenpolitischen Interessen des Westens in engen Grenzen halten. Die Olympischen Spiele in Peking hingegen fanden ebenso statt, wie Olympia in Sotschi unangetastet bleibt, obwohl Russland bei den Menschenrechten sicher kein Musterstaat ist.

Die Vergabe von Sport- und kulturellen Ereignissen richtet sich manchmal zwar auch, aber eben nicht immer nur nach politischen Kriterien. Wer deshalb für eine Absage der Eishockey-WM in Weißrussland eintritt, sollte zugleich nicht vergessen, dass Deutschland vor einigen Jahren völlig ohne Not Kasachstan zum Vorsitz in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) verholfen hat, obwohl in dem rohstoffreichen zentralasiatischen Staat noch nie freie und faire Wahlen ausgerichtet wurden.

Ungestörte Diktatoren

Gerade weil Sport, Politik und Kultur nicht klar voneinander zu trennen sind, ergeben sich auch Chancen aus Großveranstaltungen in umstrittenen Ländern. Aserbaidschan ist ein Beispiel: Viel Geld gibt der Staat für Werbemagazine und Fernsehspots aus - und muss doch zähneknirschend zusehen, dass Menschenrechtler wie nie zuvor ihr kritisches Bild von dem Land nach Europa tragen. Weißrussland jetzt die WM wieder zu entreißen, würde Einfluss nehmen, nicht stärken.

So verständlich Boykott-Drohungen sein mögen, für Beharrlichkeit im Kampf gegen Autokraten gibt es keine Alternative. Diktatoren können sich umso ungestörter fühlen, wenn niemand hingeht und hinschaut. Wo es nicht spektakulär um Tore, Punkte, Lieder geht, sondern - wie in Turkmenistan und Kasachstan - nur um Öl und Gas.