Mehr als eine reine Militäroperation: Durch die Offensive "Muschtarak" will der Westen im Kampf gegen die Taliban die Wende erzwingen. Ein Strategieschwenk ist dazu nötig.
Beschönigt wird nichts: Vor Beginn der Operation "Muschtarak" am Samstag schwor der Kommandeur einer britischen Pioniereinheit seine Soldaten auf eine schwierige Mission ein. "Es ist verdammt gefährlich dort draußen", sagte Oberstleutnant Matt Bazeley. "Wir gehen in das Herz der Finsternis."
US-Marines in der afghanischen Provinz Helmand: 15.000 Soldaten werfen die afghanische Armee und die Internationale Schutztruppe ISAF in die Schlacht gegen die Taliban. (© Foto: AP)
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27 Aufständische getötet, 25 weitere Taliban-Kämpfer verwundet: Das ist die Bilanz des ersten Tages der Großoffensive gegen die Taliban in der südafghanischen Provinz Helmand. Der Sprecher der Provinzregierung, Daoud Ahmadi, gibt sich zuversichtlich: "Die Operation verläuft erfolgreich."
Taliban-Sprecher Kari Jussif Ahmadi hingegen sagte am Sonntag, die Aufständischen hätten ihre Stellungen nicht aufgegeben. Den afghanischen und ausländischen Truppen sei es nicht gelungen, in die Distrikt-Hauptstadt Mardscha einzudringen. Die Regierung in Kabul geht davon aus, dass sich immer noch mehrere hundert Taliban-Kämpfer im Kampfgebiet befinden, das sich auf die Distrikte Mardscha und Nad Ali erstreckt.
Am Samstagmorgen war in der südafghanischen Provinz Helmand die größte Offensive gegen die Aufständischen seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 angerollt. "Muschtarak" kommt weitaus mehr Bedeutung zu als einer reinen Militäroperation. Geht es nach dem Willen der Staatengemeinschaft, soll die Offensive den Auftakt für eine Wende zum Guten in Afghanistan bilden.
15.000 Soldaten werfen die afghanische Armee und die Internationale Schutztruppe Isaf in die Schlacht gegen die Taliban, Amerikaner und Briten stellen die größten ausländischen Kontingente. Am ersten Tag der Operation waren zwei Angehörige der Isaf gestorben, ein britischer Soldat wurde getötet, als er bei einer Patrouille in eine Sprengfalle geriet. Ein US-Marineinfanterist starb in einem Feuergefecht.
Seite an Seite mit einheimischen Soldaten
"Muschtarak" bedeutet in der Landessprache Dari "Gemeinsam", einheimische und ausländische Soldaten kämpfen Seite an Seite und zumindest offiziell unter afghanischem Kommando. Nicht nur die Truppenstärke, auch andere Faktoren unterscheidet "Muschtarak" von den zahlreichen früheren Operationen in Afghanistan - die den Abwärtstrend am Hindukusch allesamt nicht aufhalten konnten.
Anders als in der Vergangenheit wurde die jüngste Offensive Tage vorher angekündigt. ISAF und afghanische Regierung nahmen in Kauf, das Überraschungsmoment zu vergeben. Ihr Ziel: Mitläufer der Taliban sollten dazu bewogen werden, nicht zu kämpfen, und Zivilisten sollten vorgewarnt werden.
Vor der Operation warf die ISAF Flugblätter über der Region ab, in denen die Bevölkerung aufgefordert wurde, Taliban kein Obdach zu gewähren und sich von Stellungen der Aufständischen fernzuhalten. Zivile Opfer, die dem Image der ausländischen Truppen in der Bevölkerung in den vergangenen Jahren schwer geschadet haben, sollen unbedingt vermieden werden.
ISAF-Kommandeur Stanley McChrystal hat seine Soldaten schon vor Monaten auf einen neuen Kurs eingeschworen: Priorität hat demnach der Schutz der Bevölkerung, nicht das Töten von Taliban.
Vertrieben aus der Heimat
Die Bevölkerung wird dennoch unter der jüngsten Offensive leiden. Hunderte Zivilisten sind vor Beginn der Operation aus Mardscha geflohen, jenem Distrikt, den die Truppen der Kontrolle der Taliban entreißen wollen. Was für den britischen Offizier das "Herz der Finsternis" ist, ist für die Menschen dort ihre Heimat, aus der die Gewalt sie nun vertrieben hat.
Unter den Flüchtlingen in der Provinzhauptstadt Laschkarga ist wenig Zuversicht zu spüren, dass die Offensive ihnen dauerhaften Frieden bringen könnte. "Dieser Krieg wird weder von den Taliban noch von den Ausländern gewonnen werden", meint der Flüchtling Abdul Wali.
Die Taliban seien Teil der Bevölkerung, sie würden während der Offensive untertauchen und ihre Waffen verstecken. Die Flüchtlinge treibt die Sorge um, dass die Truppen wieder abziehen könnten - und die Taliban das Machtvakuum dann erneut füllen.
Militärische Operationen seien nur sinnvoll, wenn die Gegend gehalten werde und Wiederaufbau stattfinden würde, sagt Wali. "Aber sie (die Ausländer und die afghanische Regierung) machen das nicht. Es ist, als würde man eine medizinische Operation durchführen und dem Patienten danach keine Medikamente zur Heilung verschreiben. Natürlich wird man nach einiger Zeit eine neue Operation benötigen."
Im Video: Die jüngst begonnene Offensive gegen Taliban in Afghanistan wird nach Einschätzung von US-Generalstabschef Mike Mullan mehrere Wochen dauern.
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Protest gegen dritte Startbahn
Hoffentlich hat der britische Kommandeur Joseph Conrads Novelle von 1899 gelesen, die er hier zitiert, und ist sich der Bedeutung und Tragweite seines Zitats bewusst, auch im Interesse der einheimischen afghanischen Bevölkerung. Good Luck for everybody!