Von Nina Bovensiepen

Der Wortbruch der Kanzlerin beim Post-Mindestlohn liefert der SPD ein ideales Wahlkampfthema. Das wird die Union bald in Bedrängnis bringen. Denn in Deutschland ist es Zeit für den Mindestlohn.

Ja, Angela Merkel hat Wortbruch begangen. Vor drei Monaten hat die Kanzlerin den Sozialdemokraten zugesagt, dass es zum 1. Januar 2008 einen Mindestlohn für Briefdienste geben soll.

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Angela Merkels Mindestlohn-Korb an die SPD könnte sich als Bumerang erweisen. (© Foto: dpa)

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Montagnacht haben CDU und CSU diese Vereinbarung einkassiert. Hätte die Union ihre Zusage halten wollen, hätten die Spitzen von Schwarz-Rot einen mehr oder weniger tauglichen Kompromiss in dem Streit finden können. Das hat die Koalition bisher immer geschafft. Doch darum ging es Merkel offensichtlich nicht. Ob aus ordnungspolitischen Gründen, wegen des Drucks von Lobbyisten oder einfach nur, um der SPD ihre Grenzen aufzeigen - was im August versprochen wurde, gilt für die Kanzlerin nicht mehr.

Nun schimpfen die Genossen, während die Unionisten stolz auf ihre Führungsfrau sind, weil diese endlich einmal klare Kante gezeigt hat. Ein Sieg für Merkel also? Und eine Niederlage für die SPD?

Mitnichten. Denn mit der Eskalation des Konflikts überlässt die Kanzlerin den Sozialdemokraten den Mindestlohn endgültig als Wahlkampfthema. Das wird die Union bald in Bedrängnis bringen. Denn in Deutschland ist es Zeit für den Mindestlohn. Mit den Wandlungen von Arbeits- und Entlohnungsformen hat sich auch die Sicht vieler Menschen auf gesetzliche Lohnuntergrenzen verändert.

Die Einführung von Mindestlöhnen ist längst nicht mehr ein Randthema, um das Linke und Gewerkschafter kämpfen. Auch immer mehr Ökonomen, Manager und Arbeitgeberlobbyisten erkennen, dass es eine untere Lohngrenze geben sollte, die definiert, was noch als anständige Bezahlung gilt.

Mit dieser Einsicht waren ursprünglich auch SPD und Union gestartet. Zu Beginn des gemeinsamen Regierens waren die Koalitionäre einig, dass es nicht in Ordnung ist, wenn Friseure in Sachsen oder Wachmänner in Thüringen nur drei oder vier Euro pro Stunde verdienen, auf die der Staat dann noch Arbeitslosengeld draufzahlen muss.

Von dieser richtigen Erkenntnis gelangten die Parteien aber zu untauglichen Lösungen. Weil CDU und CSU an ihrem pauschalen Nein zu generellen Mindestlöhnen festhielten, sollte es Lohnuntergrenzen nur in einzelnen Branchen geben. So landete die Koalition bei den Postlern.

Gerade diese Branche ist wegen ihrer Besonderheiten als Präzedenzfall aber denkbar ungeeignet. Ein ehemaliger Monopolist kämpft kurz vor der Marktliberalisierung um seine Pfründe, es gibt alte Privilegien der Post und neue Begehrlichkeiten ihrer Konkurrenten. Zudem verdienen die Beschäftigten hier gar nicht so schlecht wie in anderen Branchen.

All dies wissen die Sozialdemokraten. Es lohnt sich für die SPD deshalb nicht, sich beim Post-Mindestlohn weiter gegen die störrische Union zu verkämpfen. Wesentlich einfacher ist es, Merkel und der Union die Schuld am Scheitern zuzuschieben - und nun den Kampf für eine allgemeine Lohnuntergrenze aufzunehmen. Ausnahmsweise ist die einfache Lösung auch die vernünftigere.

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(SZ vom 15.11.2007)