Eine Analyse von Thorsten Denkler, Berlin

Jeder für sich und Angela Merkel mittendrin: Das absurde Theater rund um den Rücktritt von Michael Glos offenbart die Egoshooter-Strategien der Koalitionsparteien.

Offenheit hat auch etwas Entwaffnendes. Thomas Bauer, Unternehmer aus dem oberbayerischen Schrobenhausen und CSU-Schatzmeister, erzählt in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung, wie ihn Parteichef Host Seehofer schon vor Monaten angesprochen habe, ob er sich nicht auch höhere politische Ämter vorstellen könne - so etwas wie Wirtschaftsminister in Berlin vielleicht.

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Mögen sich nicht: Kanzlerin Merkel und Michael Glos. (© Foto: ap)

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Das sagt Bauer, bevor die Wahl auf CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg gefallen ist - sogar, bevor es überhaupt Gewissheit gibt, dass der Wunsch von Michael Glos nach Rücktritt erhört wird. Bauer hat eine eiserne Regel in der Politik missachtet: Wer weiß, dass er für ein neues Amt im Spiel ist, sagt nichts, bevor die Entscheidung gefallen ist. Wer vorher plaudert, der wird es meist nicht.

Der Fauxpas ist Thomas Bauer nicht unbedingt anzulasten. Politisch gilt er als unerfahren, unternehmerisch als heller Kopf. Der Mann leitet erfolgreich ein Bauunternehmen mit 5000 Mitarbeitern. Im SZ-Interview hält er das für ausreichend. Er wisse "nicht so gut wie andere Politiker, wie die Mechanismen der Politik ablaufen" - dagegen wisse er "viel besser, wie Unternehmen und Märkte funktionieren". Bauer glaubt, "dass das Zweite sehr wichtig ist". Ist es nicht.

Der Fehler besteht aber wohl vor allem darin, dass CSU-Chef Horst Seehofer diesen Mann offenbar bis zum Schluss im Glauben ließ, er könne in Berlin Mnister Glos beerben.

Die Geschichte gehört zu einer ganzen Reihe von Merkwürdigkeiten, Ungereimtheiten und Absurditäten, die die große Koalition in Berlin nunmehr wie am Fließband produziert. Mit dabei fast immer: CSU-Chef Seehofer und Kanzlerin Merkel.

Der Zick-Zack-Rücktritt von Glos setzt dem Ganzen nur die Krone auf. Am Samstag erfährt der Franke, wie Bauer als Nachfolger in Stellung gebracht wird. Dann schickt er ein Fax an Seehofer, das der nicht bekommt, telefoniert mit Merkel und einem Bild-am-Sonntag-Journalisten. Der 64-jährige stellt sein Amt quasi öffentlich zu Verfügung. Angeblich aus Altersgründen.

Seehofer wird von Reportern angesprochen, ob er den Rücktritt annehmen wolle. Aber der weiß von nichts. Alle sind informiert, nur der CSU-Chef und der bayerische Ministerpräsident nicht. Hier demütigt jeder, wie er kann - alle gemeinsam schaffen eine Peinlichkeit nach der anderen.

Peinlich ist auch die Suche nach einem Nachfolger für Glos. Da ist etwa CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer, der immer gern verkündet: "Ohne die CSU geht nichts". Er ist qua Amt für jeden höheren Posten in Berlin praktisch gesetzt, er müsste nur zugreifen. Andere sagen: er müsste mal zugreifen.

"Ramses", wie der Mann parteiintern genannt wird, will aber nicht - zum zweiten Mal schon nicht. Als Seehofer im Herbst nach München ging, hätte er Landwirtschafts- und Verbraucherminister werden können. Andere sagen: sollen. Er hat abgelehnt, bevor ihn jemand fragen konnte.

Auffällig ist, wie wenig Interesse führende CSU-Politiker inzwischen daran haben, als Minister gestalten zu können. Sie stehen lieber hinter der Hecke und schauen, wem sie schaden können.

Ramsauer wollte wohl seinen geliebten Posten als CSU-Landesgruppenchef nicht aufgeben, um sich in einem Ministeramt verheizen zu lassen. Mit der abermaligen Weigerung, Verantwortung zu übernehmen, scheint er sich aber selbst abgeschafft zu haben. Wenn Guttenbergs Rechnung aufgeht, wird er nach der Bundestagwahl den zögerlichen Ramsauer beerben.

Lesen Sie weiter, wie die SPD versucht, aus den Problemen der Union Kapital zu schlagen.

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