Griechenlandvisite der Kanzlerin Therapeutin Merkel auf Hausbesuch

Nazi-Kommandantin, Domina, Hexe, Tötungsroboter: Bundeskanzlerin Merkel personifiziert für viele Menschen in den Krisenstaaten die kalte, ungerechte Wirtschaftsordnung. Doch auch wenn Zehntausende in Athen demonstrieren, hat sich die Stimmung in Griechenland gewandelt. Wie ein Mensch in einer Lebenskrise braucht das Land allerdings Ansporn.

Ein Kommentar von Stefan Kornelius

Angela Merkel hat in den zweieinhalb Jahren der europäischen Schulden- und Wettbewerbskrise schon viele Schmähungen ertragen müssen. Die Kanzlerin war Nazi-Kommandantin, Domina, Hexe, ein Tötungsroboter. Sie personifiziert für viele Menschen in den Krisenstaaten ein mehrfaches Übel: Die kalte, ungerechte, globalisierte Welt zerstört ihre (durchaus ordentlichen) Lebensverhältnisse, ihre Arbeitsleistung wird missachtet, sie verlieren ihr überschaubares Lebensumfeld.

Merkel stand persönlich lange Zeit für diese Bedrohung - in Italien, in Spanien, in Portugal, in Irland. Das hat sich geändert. In den meisten Krisenstaaten hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die eigene Misswirtschaft, dass gravierende politische Fehler und Selbstbetrug in die Krise führten.

Auch in Griechenland gibt es eine Mehrheit, die auf der Suche nach Schuldigen bei sich selbst anfängt. Diese Menschen sind beschämt über ihren dysfunktionalen Staat, ihre dysfunktionale politische Elite, über die Realitätsverweigerung in Teilen der Gesellschaft, die einfach nicht verstehen will, dass Griechenland viel zu lange auf viel zu hohem Niveau gepokert hat. Und dass die Krise nicht einfach verschwinden wird, wenn man Geld daraufschüttet.

Sehnsucht nach einem Schuldigen von jenseits der Grenzen

Wenn nun also Zehntausende in Athen gegen Merkel protestieren, so zeugt das davon, dass die Sehnsucht nach einem Schuldigen von jenseits der Grenzen immer noch stark ausgeprägt ist. Gleichwohl spiegeln die Demonstrationen nicht die eigentliche Stimmung im Land wider, wo die Mehrheit differenziert und zwischen den Aufgaben einer deutschen Kanzlerin und eines griechischen Premiers zu unterscheiden weiß. Diesen Menschen galt die symbolische Kraft des Besuchs Merkels.

"Frau Merkel, verschwinden Sie"

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Der Internationale Währungsfonds benutzt gerne den Begriff ownership, um die Eigenverantwortung eines Staates und seiner Bürger für ihre Krise deutlich zu machen. Nur wer sich zu dieser Eigenverantwortung bekennt, kann mit Hilfe rechnen. "Selbsterkenntnis ist der erste Schritt . . .", heißt es richtig. Portugal, das Armenhaus Europas, hat geradezu vorbildlich sein Schicksal in die Hand genommen und schmerzhaft reformiert und gespart.

Auf diesem Weg der Selbsterkenntnis ist auch Griechenland weit vorangekommen. Doch wie ein Mensch in einer Lebenskrise braucht auch das Land Beistand und Ansporn. Empathie hat Merkel zuhauf geliefert, man kann sagen, dies war geradezu ein therapeutischer Besuch. Den Ansporn haben die Euro-Finanzminister am Vorabend geliefert, als sie ein Datum setzten, bis zu dem Athen endlich sein seit einem halben Jahr zugesagtes Sparprogramm abliefern soll.

Griechenlands wichtigster Ansporn aber ist, dass nach zweieinhalb Jahren Krise die Gefahr einer Zwangstrennung vom Euro gebannt zu sein scheint. Euro-Europa richtet sich auf ein langes Miteinander von schwachen und starken Staaten ein. Das wird Geld kosten, das wird Regeln brauchen und Verständnis erfordern. Und noch so manche Reise nach Athen.