Grass, Israel und Irans Atomprogramm Viele Lücken in der Argumentation

Teheran ist der Provokateur - das bestätigen unzählige Berichte. In der Auseinandersetzung mit Irans Atomprogramm verwechselt Grass Ursache und Wirkung. Denkt man seine Argumentation weiter, lautet die Logik: Wenn Israel die Bombe haben darf, müsste doch Israels Feind dasselbe Recht zugebilligt werden. Es geht um ein Recht auf Waffengleichheit.

Von Stefan Kornelius

Auch wenn die sehr deutsche Debatte um das Grass-Gedicht einen anderen Eindruck erweckt: Die Spekulationen um einen israelischen Präventivangriff auf iranische Nuklearanlagen haben sich seit etwa drei Wochen beruhigt.

Mit einem Angriff ist zwar immer noch zu rechnen. Aber zumindest momentan ist die Wahrscheinlichkeit gesunken, seitdem Israels Premier Benjamin Netanjahu bei seinem jüngsten Besuch in Washington keine politische und keine militärische Unterstützung für einen Angriff gefunden hat.

Die so schnelle wie oberflächliche Analyse: Netanjahu wollte sich den innenpolitischen Kalender der USA zunutze machen und Präsident Barack Obama im Wahlkampf ein Solidaritätsopfer für Israel abringen - in Form von politischer und vielleicht gar auch militärischer Hilfe bei einem Angriff. Obama hat ihm diesen Beistand verweigert. Amerika ist müde und will keinen neuen Krieg, nicht vor der Wahl im November, vermutlich auch anschließend nicht.

Das tatsächliche Problem ist mit der Reise nach Washington allerdings nur aufgeschoben: Muss man das iranische Atomprogramm hinnehmen, oder gibt es ein politisches oder militärisches Mittel dagegen? Entgegen der Meinung von Grass ist es nämlich dieses Programm, von dem die größte Gefahr wenn nicht unbedingt gleich für den Weltfrieden, so doch zumindest für die Region ausgeht.

Verschiebung der Perspektive

Seit gut zehn Jahren wächst die Sorge um die iranischen Nuklearanlagen, seit etwa 2008 wird die Beweislast erdrückend. Nicht allein das Ziel dieses Programms - die Atombombe - wird als Bedrohung empfunden. Bereits die Existenz der Anreicherungsanlagen und die Arbeiten an einem Zündmechanismus für eine Bombe haben die strategischen Gewichte in der arabischen Welt verändert.

In dieser Verdrehung von Ursache und Wirkung liegt einer von mehreren gravierenden Fehlern, die in Grass' Gedicht zu finden sind. Diese Verschiebung der Perspektive, die Benennung Israels als Aggressor, verzerrt das strategische Bild und ist ein Grund für die Empörung, die Grass entgegenschlägt.

Iran als Provokateur ist Gegenstand unzähliger unabhängiger Berichte, vor allem der Internationalen Atomenergiebehörde. Sie hat den Auftrag, die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags zu überwachen, den auch Iran als Signatarstaat zu seinem völkerrechtlichen Inventar gemacht hat. Zu den Rechten der Behörde gehören Inspektionen, die Iran immer und immer wieder verweigert oder unterläuft. Zweitens ist Iran verpflichtet, sein ziviles wie militärisches Nuklearprogramm offenzulegen.

Ob Iran die Bombe testfähig oder einsatzbereit hat - niemand weiß es

Mehrmals hat Iran gegen dieses Gebot verstoßen und insgeheim Anlagen betrieben. Zweifelsfrei bewiesen ist, dass Iran ein Anreicherungsprogramm für Uran betreibt, das den Bedarf für medizinische Zwecke deutlich übersteigt, zugleich aber nicht das Atomkraftwerk in Buschir versorgen kann, für das ohnehin Russland die Brennelemente liefert. Drittens ist hinreichend dokumentiert, dass Iran seit Jahren an dem komplizierten Zündmechanismus arbeitet, der einen nuklearen Sprengkopf zur Detonation bringen kann.

Wer heute noch das Wörtchen "angeblich" vor das iranische militärische Nuklearprogramm setzt, der erweist lediglich der letzten Ungewissheit seinen Respekt: Ob Iran am Ende tatsächlich eine Atombombe testfähig oder gar einsatzbereit in sein Arsenal einlagert - das weiß heute niemand. In der Gemeinde der Nuklearexperten ist zurzeit die These verbreitet, dass Iran lediglich die sogenannte Break-out-Fähigkeit erlangen will, also wenige Schritte vor der eigentlichen Montage der Bombe innehält - aber damit über eine mächtige Drohung verfügt.

Ob mit virtueller oder der tatsächlichen Waffe: Iran wäre all seinen Nachbarn in der Region weit überlegen - und nicht nur eine Bedrohung für Israel. Das Kräftegleichgewicht zwischen Iran und seinen sunnitischen Nachbarstaaten wäre derart außer Kontrolle, dass die Fachwelt seit Jahren die Gefahr einer arabischen Bombe als Antwort auf die persische Bombe diskutiert. Saudi-Arabien könnte sich einen Sprengkopf samt Rakete beschaffen - gegen gutes Geld etwa in Pakistan oder in Nordkorea. Ob die Türkei die Nuklearisierung ihrer Nachbarschaft hinnimmt oder sich selbst für diesen Augenblick wappnet, ist eine zusätzliche Unbekannte in dem sich nun entwickelnden Nuklearschach.